So schaffte Corona-Verschwörungstheoretiker B. den Ausstieg

15. Nov 2021 · Lesedauer 3 min

Viele Verschwörungstheorien ranken sich um Corona, die Community ist oft radikal oder so angsterfüllt, dass man sie kaum erreicht. Ein ehemaliger Verschwörungstheoretiker erzählt, wie er den Ausstieg schaffte.

Sie versammeln sich auf Corona-Demos, auf Telegram und in Internetforen. Verschwörungstheoretiker verbreiten Aussagen wie "Kinder werden von der Elite entführt und ausgebeutet", "die neuen 5G-Sendemasten sind für die Verbreitung des Coronavirus verantwortlich" oder "das Cor0navirus ist eine Biowaffe, die im Labor absichtlich entwickelt wurde, um Menschen zu schaden".

PULS 24 Chronik-Chefreporterin Magdalena Punz spricht mit Herrn B. (Name von der Redaktion geändert), der bis vor kurzem auch an solche Theorien glaubte. "Das begann mit der amerikanischen Wahl", erinnert sich B.. Damals kamen auch Verschwörungstheorien zu Corona und zur Corona-Impfung auf. Anfänglich hielt er die Theorien für interessant. "So bin ich schön langsam in diese negative Szenerie hineingefallen." Jede freie Minute verbrachte er vor dem Computer, tauschte sich mit Gleichgesinnten aus.

Durch Impfung "umprogrammiert"

Er glaubte fest an eine große Verschwörung, in der die Mächtigen der Welt die Bevölkerung für dumm verkaufen. "Meine Vermutung damals war, dass die Krankheit im Labor gezüchtet wurde, irgendwo in China oder Amerika." Im Serum des Impfstoffs seien Chips, die nach der Verimpfung mit 5G-Masten kommunizieren "und im schlimmsten Fall bei uns die Sicherungen raushauen oder man umprogrammiert wird", erzählt er heute lachend. "Das war alles Unsinn und Blödsinn", urteilt er im Nachhinein.

Täter-Opfer-Umkehr

"Es ist ein sehr befriedigendes Gefühl DIE Wahrheit zu kennen", erklärt Ulrike Schiesser von der Bundesstelle für Sektenfragen. Sie ortet bei Verschwörungstheoretikern eine Täter-Opfer-Umkehr. "Man wird dadurch von der Person, die Probleme verursacht und andere gefährdet, zu denen, die selber Opfer sind." Für die, die sich einmal in dieses Denkmuster begeben, sei es schwierig, einzugestehen, dass man sich geirrt habe. 

Ohne fremde Hilfe kommt man nicht raus

B. beschreibt die Szene als sehr divers. Viele Alternative, aber auch Wissenschaftler und Ärzte seien dabei. Diese würden sich als Allwissende aufspielen und alle Andersdenkende denunzieren und schlechtmachen. "Ich war zu dieser Zeit dermaßen innerlich fahrig, zittrig fast, geistig komplett verwirrt", erinnert er sich. Das habe natürlich auch seine Umwelt mitbekommen. "Man driftet ab im Leben. Man stellt sich selbst in eine Ecke, aus der man ohne fremde Hilfe nicht mehr rauskommt."

Die Kehrtwende, erzählt B., kam durch seine Partnerin. "So stark kann unsere Liebe nicht sein, dass sie diese Katastrophe, die du da jeden Tag mit dir mitträgst, aushält", stellte sie ihm ein Ultimatum. Sie verlangte, dass er aus der Szene aussteigt, sonst würde sie ihm die Koffer vor die Tür stellen. Über Nacht hätte ihn das aufgeweckt. Er suchte Hilfe bei der Sektenberatungsstelle, heute will er mit der Szene nichts mehr zu tun haben.

"Die Leute tun mir von Herzen leid"

"Entweder sie kommen selbst drauf, oder sie gehen unter", urteilt er über die Gleichgesinnten von damals. Heute lasse er sich auf Gespräche mit Impfgegnern nicht mehr ein. "Es bringt einfach nichts." Wenn er ihnen seine Geschichte erzählt, würden sie ihn als "Abtrünnigen" oder "blöd" bezeichnen. Es seien "arme, arme Menschen", ohne Lebenssinn für sich und ohne Aufgabe. "Die Leute tun mir von Herzen leid." Mittlerweile ist B. doppelt geimpft. 

Marianne LamplQuelle: Redaktion / lam