Reportage
Wiener Schüler: Favoriten ist "mehr als nur der Reumannplatz"
Grelle Leuchtbuchstaben stechen einem als Erstes ins Auge: "Tichy" prangt direkt über dem kleinen Schanigarten. Vor dem Kult-Eissalon stehen sich Dutzende Menschen die Füße in den Bauch.
Passant:innen quetschen sich durch die Schlange - sie ist ein Relikt aus Corona-Zeiten. Früher war es eine unübersichtliche Menschentraube rund um die Theke, dann musste Abstand gehalten werden. Auf den Bänken daneben löffeln andere bereits ihre Eisbecher. Um einen der Tische im Park sitzen größere Männergruppen ins Gespräch vertieft.
Unweit daneben: der U-Bahn-Aufgang Reumannplatz. Davor spielen Kinder unbeschwert. Etwas abseits, das einzige Zeichen, dass dieser Ort in Wien-Favoriten übel beleumundet ist: ein Streifenwagen. Die Tür des Autos ist einen Spalt geöffnet - mutmaßlich, um für etwas frische Luft zu sorgen.
Unbehelligt von der Polizei-Präsenz strömen auch an diesem Nachmittag Dutzende Schüler:innen in Richtung Reumannplatz. Viele von ihnen sind auch im Gehen in ihre Handys vertieft, andere in Gespräche mit Freund:innen. Ihre Schule – das GRG 10 Laaerberg Gymnasium – liegt nur wenige Gehminuten von dem Platz in Wien-Favoriten entfernt, der Schauplatz mehrerer Messerstechereien war. Mittlerweile gibt es eine Waffenverbotszone, Frauen und Kinder hätten dort "täglich ungeschützt Angst um ihre Sicherheit", behauptete der Wiener FPÖ-Chef Dominik Nepp.
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So wirkt das bei den 12-Jährigen, die ihre Schultasche hinter sich herziehen, oder jenen Menschen, die auf ein Eis beim "Tichy" warten, jedoch nicht. "Realitätsfern", nennt auch Efthymios die politische Berichterstattung rund um den Reumannplatz. Der Achtklässler räumt ein, dass es dort zwar "schon komische Leute" gebe – auch tagsüber –, "Angst" hätte man da aber nicht, stimmt der 18-jährige Abdel-Rahman ihm zu.
Hast du Drogen?
Bei Nacht sehe die Lage allerdings anders aus. Dann würden die Jugendlichen dort oft aufgehalten werden, Fremde würden sie nach Drogen fragen, oder ihnen welche anbieten. "Ich geh' dann halt einfach vorbei", erzählt Abdel-Rahman schulterzuckend im Gespräch mit PULS 24.
So einfach ist es aber nicht für alle: "Ich trau' mich da nicht vorbeigehen", unterbricht Augustina (Name von der Redaktion geändert, Anm.) ihn. Als Frau müsse man nachts vorsichtiger sein, so die 18-Jährige.
Norhan pflichtet ihr bei: "Die sehen: Man ist jung, man ist minderjährig, man hat eine Schultasche an, aber sie catcallen", schildert die Siebtklässlerin. Hinzukommt, dass der Reumannplatz zwar tagsüber mit seinen vielen Grünflächen protzen kann, bei Nacht wirkt der Weg von der U-Bahn-Station zur Bushaltestelle allerdings leicht, als würde er durch einen schlecht beleuchteten Park führen.
Waffenverbotszone ohne große Auswirkungen
Unabhängig der Tageszeit hätte die Einführung der Waffenverbotszone jedenfalls nicht zu einem gesteigerten Sicherheitsgefühl beigetragen, sind sich die Schüler:innen einig. Wie auch, sie ging an den Jugendlichen offenbar spurlos vorüber. "Ich wusste gar nicht, dass da das Waffenverbotszonen-Schild ist. Cool ein Schild. Das wird jetzt jeden aufhalten", merkt Maturant Umar trocken an.
Auch die erhöhte Polizei-Präsenz bewerten die Schüler:innen kritisch. Sie sei zwar an sich positiv, oftmals würden die Polizist:innen in ihren Autos aber auch einfach "schlafen" oder "am Handy sein". Während Unterstützung bei großen Delikten auf sich warten lasse, würden bei kleineren direkt mehrere Streifenwagen ausrücken, so ihre Beobachtung.
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Die Polizei erklärte ihrerseits Ende März, dass innerhalb der vergangenen 12 Monate 146 Gegenstände sichergestellt wurden, allen voran 101 Messer. Außerdem wurden 22 Pfeffersprays, sieben Schlagringe/Schlaghandschuhe, zwei Elektroschocker und eine Schreckschusspistole abgenommen, hieß es.
Favoriten ist nicht nur der Reumannplatz
Die Darstellungen der Politik und Medien, dass man am Reumannplatz nicht mehr sicher sei, weisen die Jugendlichen aber alle zurück. Als Frau sei es nachts immer "blöd, wenn man allein herumspaziert", stellen die Mädchen nüchtern fest.
Und sie pochen darauf: Der zehnte Bezirk sei mehr als der Reumannplatz. Rund um das Wohngebiet Monte Laa, das sich unweit des Gymnasiums befindet, sehe man, wie "Omas mitten in der Nacht mit ihrem Hund spazieren", skizziert Efthymios ein Bild von Favoriten, in dem Zusammenleben deutlich besser funktioniert, als teils propagiert.
Video: Waffenverbot am Reumannplatz
Psychologische Unterstützung in der Schule
Das spiegelt sich auch in der Schule selbst wider. Bunte Plakate zu Diversität und Gleichberechtigung zieren die Wände. Vor dem Zimmer der Schulärztin wird prominent für das "Coaching-Team" geworben: Neben acht Peer-Mentor:innen, gibt es 13 Vertrauenslehrer:innen, zwei zusätzliche sind für LGBTQ-Themen abgestellt. "Young & queer?" oder "Queer und muslimisch?" heißt es auch auf anderen Plakaten, auf denen Unterstützung angeboten wird.
Man ist sich sichtlich bewusst, dass hier oft verschiedene Communitys aufeinandertreffen. Die Menge an psychologischer Hilfe sei allerdings untypisch, gerade für eine öffentliche Schule im zehnten Bezirk, auch das berichten die Schüler:innen.
Von Freund:innen wissen sie, dass es etwa psychische Unterstützung an anderen Schulen "gar nicht" gebe. Das Laaerberg Gymnasium habe freiwillig sein Angebot aufgestockt. Dass Schulen nicht dazu verpflichtet sind, sei "krass", bemängelt Umar. Dahingehend startete die Stadt Wien ab vergangenen November eine Offensive, um rund 15.000 Schüler:innen in den Bezirken Favoriten und Margareten besser psychosozial zu unterstützen.
Schwerpunkt Deutsch
Neben der angebotenen Unterstützung wird aber schnell klar, dass die Schüler:innen auch selbst aktiv werden. Umar bereitet etwa eine Reihe an Psychologie-Workshops vor, viele der anderen, mit denen PULS 24 gesprochen hat, geben Nachhilfe. Dort erleben sie, dass ihre jüngeren Schützlinge Ansprechpersonen brauchen – auch, um schneller Deutsch zu lernen.
Einerseits fordern die Schüler:innen deshalb mehr Einsatz der Eltern, sie sollen mit ihren Kindern öfter etwas unternehmen. Andererseits bräuchten Schulen mehr Ressourcen, Lehrkräfte und Personal. Wichtig sei in jedem Fall ein "respektvoller Umgang", so Efthymios. Man dürfe jene Kinder, die gerade Deutsch lernen, nicht für Fehler auslachen.
Er selbst kam erst vor acht Jahren aus Griechenland nach Österreich. Die Sprache habe Efthymios "absorbiert", vor allem, nachdem er hierzulande Freundschaften geschlossen hat.
Vom Vokabellernen lerne man schließlich keine Sprache, betont auch Abdel-Rahman. "Man muss über das Leben reden". Und entgegen der Berichterstattung rund um den Reumannplatz und Favoriten lernen das die Jugendlichen hier sichtlich.
Zusammenfassung
- Angst am Reumannplatz?
- Wenn, dann nur bei Nacht, erzählen Schüler:innen des GRG 10 Laaerberg Gymnasiums, einer öffentlichen Schule mitten im zehnten Wiener Gemeindebezirk.
- Sie geben einen Einblick in das Zusammenleben im "Problembezirk" Favoriten - und loben die vielen Unterstützungsangebote der Schule.