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Positive Ergebnisse durch Wiener Anti-Covid-19-Peptid

01. Okt 2020 · Lesedauer 4 min

Das Wiener Biotech-Medikament FX06 - ursprünglich aus der Forschung an der Universitäts-Hautklinik (MedUni Wien/AKH) - ist in individuellen Heilversuchen an zwei deutschen Universitätskliniken zur Therapie von sechs schwerstkranken Covid-19-Patienten eingesetzt worden. Vier der Kranken konnten gerettet werden. Die insgesamt positiven Ergebnisse sind vor wenigen Tagen in der Intensivmediziner-Fachzeitschrift "Critical Care" unter Peer Review publiziert worden.

"Wir haben bereits um Genehmigung für eine klinische Studie bei den französischen Behörden eingereicht. Eine zweite doppelt verblindete klinische Studie soll mit rund 40 Covid-19-Patienten in Österreich und Deutschland (Uni-Kliniken in Wien, Frankfurt und Würzburg; Anm.) erfolgen. Hier kämpfen wir noch um die Finanzierung. Wir hoffen, dass auch wir dabei Hilfe von der Republik Österreich bekommen", sagte Thomas Steiner, Geschäftsführer und Mitbegründer des Biotech-Unternehmens Wiener Biotech-Unternehmen MChE/F4 Pharma, gegenüber der APA. Das Unternehmen besitzt alle Rechte an der Biotech-Wirksubstanz.

FX06 ist ein im Jahr 2000 an der Wiener Universitäts-Hautklinik identifiziertes Peptid, ein Bestandteil von Fibrin. Es soll - unter vielen anderen möglichen Anwendungen - im Fall von schwersten Covid-19-Lungenproblemen "undicht" gewordene Kapillargefäße wieder "abdichten" und die beim akuten Lungenversagen (ARDS) auftretenden Ödeme bekämpfen. Ein stark antientzündlicher Effekt kommt offenbar hinzu. 2014 war die Substanz in Heilversuchen in Deutschland bei Ebola-Patienten verwendet worden.

Das Wirkprinzip ließ beim Aufkommen der SARS-Cov-2-Pandemie die Intensivmediziner auch in diesen Fällen an eine Erprobung von FX06 denken. Im Juni starteten Intensivmediziner an der Abteilung für Intensivmedizin der Universitätsklinik in Frankfurt am Main und jener an der Universitätsklinik Würzburg individuelle Heilversuche bei sechs schwerstkranken Covid-19-Patienten.

Es handelte sich um Patienten um Kranke zwischen 52 und 78 Jahren. Fünf waren Männer. "Alle Kranken lagen auf Intensivstationen. Alle wurden künstlich beatmet, fünf von ihnen half nur noch die extrakorporale Membranoxygenierung (ECMO; Anm.)", sagte Steiner. Dieses Verfahren wird zur Aufrechterhaltung der Sauerstoffversorgung von Patienten verwendet, wenn alle anderen Methoden nicht mehr ausreichen. Dabei wird das Blut aus dem Körper abgeleitet und extern mit Sauerstoff angereichert.

Um die Lungenfunktion wieder zu verbessern und die Entzündungsreaktion zu dämpfen, erhielten die Patienten im Rahmen der Heilversuche täglich zwischen 400 und 600 Milligramm FX06 per Infusion. Dies erfolgte über einen Zeitraum von drei bis sieben Tagen. "Insgesamt überlebten vier der sechs Patienten. Die beiden Verstorbenen erlagen einem Multi-Organversagen durch septischen Schock wahrscheinlich infolge einer anderen sekundär aufgetretenen bakteriellen Infektion", schrieben jetzt Elisabeth Adam (Frankfurt) sowie Benedikt Schmid (Würzburg) in "Critical Care".

Die Wissenschafter zu den Erfahrungen im Rahmen der Behandlungsserie: "Insgesamt beobachteten wir eine deutliche Verbesserung der Lungenfunktion nach der Anwendung von FX06, die möglicherweise auf die immunmodulatorischen Effekte der Substanz und auf ihre Funktion in der Aufrechtehaltung der Endothelzellschicht-Barriere zurückzuführen ist." Im Rahmen eines Lungenödems bricht diese Dichtungsschicht zusammen, es kommt zur Flüssigkeitsansammlung im Lungengewebe, was den Gasaustausch unmöglich macht.

Die Wissenschafter weiter: "Die mit FX06 behandelten Patienten zeigten einen bemerkenswerten Anstieg ihrer Sauerstoffversorgungs-Parameter, was wir für ein Indiz für eine Normalisierung der Gefäßwände in der Lunge ansehen (...)." Das hätte sich auch in bildgebenden Untersuchungen gezeigt. Im Mittel stieg der Grad der Sauerstoffversorgung über die Lunge nach Anwendung der Substanz bei den Behandelten auf etwa das Doppelte, wie eine Grafik in der wissenschaftlichen Arbeit zeigt, berichtete Steiner.

Die Substanz hat eine lange und verschlungene Geschichte hinter sich. Anfang des Jahres 2000 identifizierte Peter Petzelbauer, Chef der Abteilung für Haut- und Endothelforschung der Wiener Universitäts-Hautklinik (AKH), das Peptid B-beta15-42 aus 28 Aminosäuren - ein Teil des Blutklebstoffs Fibrin - als mögliche Wirksubstanz für eine Reihe von Einsatzgebieten. Petzelbauer gründete mit Partnern das Biotech-Startup-Unternehmen "Fibrex Medical".

In der Entwicklung entschied man sich zunächst für die Anwendung als zusätzliches Medikament bei Ballondilatationen von durch Blutgerinnsel verlegten Herzkranzgefäßen. Dabei tritt durch den schnell wiederhergestellten Blutfluss und die Sauerstoffversorgung eine zum Infarkt noch zusätzlich schädigende Entzündungsreaktion auf.

Nach Verträglichkeitsprüfungen (Phase I an gesunden Patienten), die positiv ausfielen, kam es zur erfolgreichen Erprobung bei Infarktpatienten in einer klinischen Studie der Phase II bei mehr als 243 Infarktpatienten in mehreren europäischen Staaten. Die Ergebnisse dazu wurden 2008 bei einem Kardiologenkongress in München präsentiert. Es gab Hinweise auf weniger Herzmuskelschaden bei Anwendung des Mittels im Vergleich zu Placebo.

FX06 wurde schließlich an ein US-Biotech-Unternehmen auslizensiert. Unter anderem die Finanzkrise ab 2008 zerstörte aber alle Pläne. Schließlich kamen die Rechte an der Substanz wieder zurück nach Wien. 2014 erlebte die Substanz im Rahmen von individuellen Heilversuchen bei Ebola-Patienten eine Renaissance, erste Ergebnisse wurden damals in der hoch angesehenen Medizin-Fachzeitschrift "The Lancet" publiziert.

Quelle: Agenturen