Molekularbiologe Elling: "Österreich steht an einem Scheideweg"

22. Juli 2021 · Lesedauer 4 min

Der Molekularbiologe Ulrich Elling warnt vor einer deutlich steileren Infektionskurve als vergangenen Herbst. Eine Durchimpfungsrate von 85 Prozent sei gleichzeitig realistisch nur mehr durch eine Impfpflicht erreichbar. Er wünscht sich ein Ende des "politischen Eiertanzes".

Molekularbiologe Ulrich Elling von der Akademie der Wissenschaften schlägt im PULS 24 Interview Alarm. Die erforderliche Durchimpfungsrate von 85 Prozent sei "realistisch nicht mehr erreichbar" - und wenn, dann nur mit einer Impfpflicht. Gleichzeitig hätten wir aktuell eine deutlich steilere Infektionskurve als noch im vergangenen Sommer.

Die Delta-Variante habe vor allem zwei negative Auswirkungen: Zum einen würde eine Person im Schnitt sechs weitere Personen anstecken anstatt drei (wie noch durch die Alpha-Variante). Deshalb sei nun ein Durchimpfungsrate von 85 Prozent nötig, um fünf von sechs Personen zu schützen und so die Ansteckungen zu unterbrechen. Gleichzeitig sei zum anderen die Wirksamkeit der Impfung durch die Mutation  gesenkt worden.

Durchimpfungsrate von 85 Prozent wohl nur mit Impfpflicht

"Das heißt, diese 85-Prozent-Schwelle ist wahrscheinlich nicht mehr realistisch erreichbar und wenn überhaupt, dann nur durch eine vollständige Impfung der gesamten Population" - etwa durch eine Impfpflicht oder Maßnahmen die dem gleichkämen, so der Molekularbiologe. Eine Herdenimmunität sei de facto nicht mehr erreichbar. Was man aber machen könne, ist, sicherzustellen, dass durch die Impfung möglichst wenige Menschen einen schweren Krankheitsverlauf haben, um die Spitäler nicht wieder zu überlasten.

"Im Auto herrscht auch eine Gurtpflicht und wir erlauben den Menschen nicht, frei zu entscheiden, ob sie durch die Windschutzscheibe fliegen", meint Elling. Er wünscht sich von der Politik eine ehrliche Kommunikation: "Man sollte ehrlich sein und sagen: Wir sind in einer Krise und jeder muss seinen Beitrag leisten", sagt der Molekularbiologe. Das sei wichtig, damit unsere Gesellschaft und unsere Wirtschaft wieder auf die Beine kommen könne.

"Kurve zeigt deutlich stärker nach oben als letztes Jahr"

"Die Varianten werden uns um die Ohren fliegen", sagte Elling vor kurzem in einem Interview mit der "Wiener Zeitung". "Was ich da ausgesprochen habe, ist eine Wahrheit, die die meisten von uns sowieso kennen", bekräftigt der Molekularbiologe auch gegenüber PULS 24 Anchorwoman Alina Marzi.

"Wir hatten Anfang Juli noch ähnliche Zahlen wie im Vorjahr, inzwischen liegen wir bei Inzidenzwerten vergleichbar mit Anfang September letzten Jahres und Ende Juli dürften wir die 1.000er-Marke wieder anreißen, wenn die Trends so weitergehen - das entspricht den Zahlen wie wir sie im Oktober hatten", erklärt Elling. Die Kurve zeige "deutlich stärker nach oben als letztes Jahr und wir erinnern uns alle, wie der Herbst war", sagt er.

"Politischer Eiertanz" um Maßnahmen

Dass die Regierung trotzdem aktuell auf Lockerungen setzt, sei in gewisser Weise nachvollziehbar, meint Elling. "Ich kann den politischen Eiertanz um das Thema gut verstehen, aber aus wissenschaftlicher Sicht steht Österreich im Moment an einem Scheideweg", sagt er. Man könne entweder dem Virus freien Lauf lassen und die Inzidenzen steigen zu lassen, wie das in England gerade passiere oder versuchen, die Inzidenzen unter Kontrolle zu bringen.

Die PCR-Testpflicht sei "ein Schritt in die richtige Richtung, aber keine dieser Maßnahmen bietet absolute Sicherheit". Jede Test- oder Impfstrategie werde immer nur die Wahrscheinlichkeit senken, dass Personen infiziert oder infektiös sind. "Wenn wir zulassen, dass mehrere Personen in einem Raum sind, wird es weiter Superspreader-Events geben", sagt der Molekularbiologe zur Nachtgastronomie. Dass diese aktuell nicht häufiger vorkommen, hänge mit den noch niedrigen Inzidenzien zusammen.

England rechnet mit halber Million Long-Covid-Patienten

Wie sich England mit seiner Durchseuchungsstrategie entwickeln werde, müssten die nächsten Wochen und Monate zeigen, so der Molekularbiologe. "Es gibt klare Modellrechnungen", sagt Elling. Diese gehen davon aus, dass sich am Höhepunkt der Welle 100.000 bis 200.000 Briten bzw. Engländer pro Tag anstecken werden. "Die rechnen mit 2.000 Hospitalisierungen pro Tag, die rechnen mit 100 bis 200 Toten pro Tag und am Ende der Welle mit bis zu einer halben Million Long-Covid-Patienten", zählt Elling auf.

Die Millionen Menschen, die sich in den kommenden Wochen und Monaten in Großbritannien anstecken würden, seien der Nährboden für neue, vielleicht noch gefährlichere Mutationen.

Stephan HoferQuelle: Redaktion / hos