APA/APA/AFP/JUNG YEON-JE

Massenpanik in Südkorea: Polizei in Erklärungsnot

02. Nov. 2022 · Lesedauer 3 min

Nach der Massenpanik in Seoul mit mehr als 150 Todesopfern hat die Regierung von der Polizei Erklärungen für ihre schweren Versäumnisse im Umgang mit den Menschenmassen verlangt.

"Die Regierung wird die Verantwortlichen strikt zur Rechenschaft ziehen, sobald die Untersuchung abgeschlossen ist", sagte Ministerpräsident Han Duck Soo am Mittwoch bei einer Kabinettssitzung.

Mitschriften von Notrufen belegen, dass viele Menschen schon Stunden vor der Massenpanik wegen der vielen Teilnehmer der Halloween-Feiern vor einer Katastrophe gewarnt hatten - und dass die Menschen am Ort des Geschehens immer verzweifelter wurden. Die Behörden hatten zunächst erklärt, der erste Notruf sei am Samstag um 22.15 Uhr Ortszeit bei der Feuerwehr eingegangen. Die Mitschriften zeigen aber, dass bereits um 18.34 Uhr ein Anrufer um Hilfe bat.

Mehrere Anrufe vor Unglück eingegangen

Um 20.09 Uhr hieß es in einem Notruf: "Hier sind zu viele Menschen, sie werden geschoben, niedergetrampelt, verletzt. Es ist chaotisch. Sie müssen das unter Kontrolle bringen." Um 22.11 Uhr kurz vor dem Unglück berichtete ein Anrufer: "Es sieht so aus, als ob die Menschen zu Tode gedrückt werden, totales Chaos."

Die Anrufer hätten "furchtbar dringend Hilfe oder ein Einschreiten der Polizei" gebraucht, hob Regierungschef Han hervor. Das Innenministerium kündigte eine Reform der Notrufzentralen an. Die Regierung werde aus dem Unglück ihre Lehren ziehen und "ihr Bestes tun, um eine sicherere Gesellschaft zu schaffen", erklärte ein Ministeriumsvertreter.

Öffentliche Entschuldigungen

Innenminister Lee Sang Min hatte am Dienstag im Parlament um Verzeihung für das Unglück gebeten. Auch Südkoreas Polizeichef und der Bürgermeister von Seoul entschuldigte sich öffentlich.

Am Samstagabend waren mindestens 156 vorwiegend junge Menschen bei den ersten Halloween-Feiern in Seouls beliebtem Ausgehviertel Itaewon seit Beginn der Corona-Pandemie ums Leben gekommen, darunter ein Österreicher. Etliche weitere wurden verletzt. Zu dem Zeitpunkt waren rund 100.000 Menschen in die engen Gassen geströmt; da die Feiern aber nicht offiziell angemeldet waren, waren weder Polizei noch Vertreter der örtlichen Behörden vor Ort, um die Menge zu kontrollieren.

Untersuchung eingeleitet

Zu dem Unglück wurde eine umfassende Untersuchung eingeleitet. Am Mittwoch durchsuchten Ermittler mehrere Polizeigebäude. Wie ein Sprecher der nationalen Polizei sagte, wurden unter anderem Büros in dem Stadtbezirk durchsucht, in dem sich die Massenpanik ereignet hatte.

In Südkorea ist die Kontrolle von Menschenmengen normalerweise streng geregelt. Das führt unter anderem dazu, dass bei Demonstrationen oft mehr Polizisten als Protestierende anwesend sind. Für die Halloween-Feiern hatte die Polizei nach eigenen Angaben aber nur 137 Beamte nach Itaewon entsandt, während 6.500 Beamte Medienberichten zufolge eine Protestkundgebung am anderen Ende der Stadt überwachten, an der nur etwa 25.000 Menschen teilnahmen.

Oppositionsführer Lee Jae Myung forderte hochrangige Regierungsvertreter auf, die Verantwortung für das Unglück zu übernehmen. "Herunterspielen, vertuschen und manipulieren, um der Verantwortung zu entgehen, wird niemals verziehen werden", sagte er bei einem Treffen seiner Demokratischen Partei.

Quelle: Agenturen / Redaktion / poz