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Expertin: Social-Media-Verbot hindert digitale Kompetenzen

Heute, 04:02 · Lesedauer 3 min

Australien hat es vorgemacht, viele Länder wollen es nachmachen: ein Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche. Mehrere europäische Staaten arbeiten an einer Altersbegrenzung für Soziale Medien, darunter Österreich. Auch in der EU gibt es Pläne. Befürworter begründen ein Verbot mit dem Schutz der körperlichen und seelischen Gesundheit von Minderjährigen, Kritiker sehen die Medienkompetenz gefährdet. Jolien Trekels von der Uni Wien fordert eine Kombination von Maßnahmen.

Die Assistenzprofessorin am Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft plädiert dafür, Social-Media-Nutzung in einem größeren Kontext zu sehen. Die psychische Gesundheit von Jugendlichen hänge nämlich von vielen Faktoren ab. Dazu gehören etwa Schlaf, Leistungsdruck, Familie und soziale Beziehungen. Soziale Medien seien nur ein Teil davon, so die Forscherin. "Meiner Meinung nach ist es daher sinnvoller, auf eine Kombination von Maßnahmen zu setzen", sagte Trekels der APA. Konkret müsse man digitale Kompetenzen fördern, Eltern und Schulen einbinden und auch die Plattformen stärker in die Verantwortung nehmen.

Die Befürchtung, dass Kinder und Jugendliche, die keinen Zugang zu Sozialen Medien haben, keine Medienkompetenz erlernen können, teilt die Belgierin. "Medienkompetenz entwickelt sich vor allem durch Erfahrung, Begleitung und Reflexion. Wenn Jugendliche gar keinen Zugang zu Sozialen Medien haben, wird es natürlich schwieriger, diese Fähigkeiten praktisch zu üben", so Trekels.

Das bedeute aber nicht, dass jedes Verbot automatisch falsch ist. "In bestimmten Situationen - zum Beispiel während der Unterrichtsstunden - kann es sinnvoll sein, die Nutzung von Smartphones einzuschränken, um Ablenkung zu reduzieren", nannte die Uni-Mitarbeiterin sinnvolle Maßnahmen. "Wenn wir aber wollen, dass Jugendliche lernen, bewusst und selbstständig mit digitalen Medien umzugehen, müssen sie auch die Chance bekommen, das in einem begleiteten Rahmen zu üben", zeigt Trekels einem großflächigen Verbot die kalte Schulter. Denn digitale Resilienz sei eine Entwicklungskompetenz. Sie wachse durch Übung, Unterstützung und den Austausch mit Eltern, Lehrkräften und Gleichaltrigen.

Stimme der Jugendlichen fehlt in der Debatte

Die Assistenzprofessorin beschäftigt sich in ihrer Forschung damit, wie man Jugendliche dabei unterstützen kann, digitale Resilienz und Medienkompetenz zu entwickeln. Ihr fehlt in der Debatte jedoch oft die Stimme der Jugendlichen selbst. "Wir treffen Entscheidungen über etwas, das ein zentraler Bestandteil ihres Lebens ist: Social Media ist ein Teil davon, wie sie kommunizieren, sich unterhalten und Freundschaften pflegen. Ihre Perspektive darf nicht verschwinden", forderte die Expertin.

Jugendliche selbst würden laut Trekels wünschen, dass Plattformen mehr Verantwortung übernehmen. Dem pflichtet die Hochschullehrerin bei. Die Betroffenen hätten zum Beispiel gerne, dass die Plattformen gewalttätige oder schädliche Inhalte aus ihren Feeds entfernen, berichtete sie. Solche Inhalte würden bei den Minderjährigen oft starke emotionale Reaktionen auslösen, warnte die Expertin. Eine weitere Gefahr von Sozialen Medien sei, dass sich Jugendliche ständig mit idealisierten Bildern online vergleichen würden, was Trekels zufolge zu einem negativen Körperbild oder zu Unsicherheit führen kann.

Bei allen Gefahren und negativen Auswirkungen von Sozialen Medien spricht sich die Universitätsbedienstete gegen strenge Begrenzungen aus, zumindest als alleinige Maßnahme. "Ein Verbot darf nie das Endziel sein", so Trekels. Vielmehr setzt sie sich dafür ein, dass ein mögliches Verbot Teil eines größeren Ansatzes ist, der auch auf digitale Kompetenzen, emotionale Fähigkeiten, Elternbeteiligung und mehr Verantwortung der Plattformen setzt. "Letztlich geht es nicht nur darum, Jugendliche zu schützen, sondern sie auch zu befähigen, bewusst und resilient mit digitalen Medien umzugehen."

Zusammenfassung
  • Australien hat bereits ein Social-Media-Verbot für Minderjährige eingeführt, während mehrere europäische Länder, darunter Österreich, ähnliche Schritte prüfen.
  • Trekels betont, dass Jugendliche selbst mehr Verantwortung der Plattformen fordern, insbesondere beim Entfernen schädlicher Inhalte, und spricht sich gegen strenge Begrenzungen als alleinige Maßnahme aus.