"Ein Jahr allein mit dem Trauma": Möglicher Missbrauch an Wiener Kindergarten

03. Okt. 2022 · Lesedauer 8 min

Schon über ein Jahr lang standen Missbrauchsvorwürfe gegen den Pädagogen eines Kindergartens in Wien-Penzing im Raum, ehe die Eltern der übrigen Kinder, die Eltern möglicher weiterer Opfer, davon erfuhren. Sie fürchten nun, dass der Fall nie lückenlos aufgeklärt werden könnte - dafür sei schon zu viel Zeit vergangen.

"Ich bin nicht böse auf dich. Du kannst mir alles erzählen, ich bin deine Mama". 

Mit diesen Worten versuchte eine Mutter herauszufinden, ob ihr Kind im Kindergarten missbraucht wurde. Das war im Mai 2022. Informiert wurde die Mutter via WhatsApp-Nachricht aus einer Eltern-Gruppe. Nicht vom Kindergarten, nicht von der MA 10, nicht von der Stadt Wien. 

"Es war unangenehm, was der gemacht hat. Er hat mich gezwickt", soll das Kind zögerlich geantwortet haben, schildert die Mutter des betroffenen Kindes im PULS 24 Interview. Danach soll das Kindergartenkind auf die Stellen gezeigt haben, an denen es vom Pädagogen gezwickt worden sein soll. "Das war am Popo, an den Hüften und in den Schritt - also in den Genitalbereich", erinnert sich die Mutter. 

"Mir hat es den Boden unter den Füßen weggerissen"

Eine Mutter schildert den Moment, als sie von den Vorwürfen erfuhr.

Und noch einer weiteren Mutter ist der Tag gut erinnerlich: "Ich will über den nicht reden, lass mich in Ruhe", soll ihr Kind zunächst geantwortet haben. Nach ein paar Tagen, gefragt, ob der Pädagoge ein Geheimnis mit ihr gehabt habe, soll die Tochter dann erst von Küssen gesprochen haben. "Dann hat sie gesagt, sie musste ihn küssen", sagt ihre Mutter: Auf den Mund - und auch im Genitalbereich - so der Vorwurf. 

Der verdächtigte Pädagoge wurde mittlerweile in den Innendienst versetzt. Die Wiener Staatsanwaltschaft (StA) ermittelt gegen ihn. Dass dabei was rauskommt, bezweifeln die Eltern aber zunehmend. Denn in Gutachten, die die StA beauftragte, soll einigen Kindern bescheinigt worden sein, vor Gericht nicht aussagen zu können, schildern Eltern. Schließlich würden sie kein genaues Datum nennen können.

Eine Mutter übt im PULS 24 Interview Kritik am Gutachten der Staatsanwaltschaft.

"Welches dreijährige oder vierjährige Kind kann das?", fragt nun eine betroffene Mutter im PULS 24 Interview. Die Eltern fühlen sich im Stich gelassen: "Es geht nichts weiter in dem Verfahren". Man müsse hinnehmen, dass das eigene Kind missbraucht wurde, sagt sie: "Man muss das so hinnehmen, weil eben das Kind zu jung ist, um eben genaue Aussagen zu machen". 

Eltern erst nach einem Jahr informiert

Genaue Aussagen zu machen sei aber noch schwerer, da vom Kindergarten, von der Stadt und der MA 10 spät informiert worden sein soll, klagen die Eltern. Und das ist auch das Bild, das der Prüfbericht der Wiener Kinder- und Jugendanwaltschaft (KJA) zeichnet:

Schon im Juni 2020 schilderte demnach eine Familie der Kindergartenleitung, dass ihr Kind fast jede Nacht unter lautem Schreien aufwacht. Das Kind würde sich dabei ans Gesäß fassen und "Nein!" schreien. "Die Eltern berichteten der Leitung auch, dass das Kind an jenen Tagen, an denen die Hauptpädagogin nicht in der Gruppe ist, nur mit großer Überredungskunst und unter Weinen davon zu überzeugen ist, doch in die Gruppe zu gehen", heißt es im Bericht, der im Juli 2022 erschien.

Diese Schilderungen gehen in Richtung schwerer sexueller Missbrauch durch den verdächtigten Pädagogen. Die Kindergartenleitung wirkt dabei auf die Eltern empathisch, meint aber auch, sie könne sich das vom verdächtigten Pädagogen gar nicht vorstellen.

KJA

Die Leitung soll den Eltern gegenüber darauf hingewiesen haben, dass dies normal sei und vorkommen könne. 

Andere Eltern berichteten im Sommer 2020 davon, dass ihr Kind von "sexuellen Spielen" mit anderen Kindern erzählt haben soll. Und von Schmerzen am Geschlechtsteil. Im Oktober 2020 wandten sich weitere Eltern an die Kindergartenleitung. Sie berichteten über Schmerzen ihres Kindes und eine auffallende Rötung im Genitalbereich. Die Kindergartenleitung soll wieder nicht aktiv geworden sein.

Erst Ende März 2021 passierte etwas. Eine weitere Familie berichtete dem Kindergarten über konkrete Missbrauchsvorwürfe. "Diese Schilderungen gehen in Richtung schwerer sexueller Missbrauch durch den verdächtigten Pädagogen. Die Kindergartenleitung wirkt dabei auf die Eltern empathisch, meint aber auch, sie könne sich das vom verdächtigten Pädagogen gar nicht vorstellen", heißt es im Bericht der KJA dazu. 

Die Familie informierte die Leitung auch, dass ihr Kind von zwei weiteren Kindern erzählt hat, die möglicherweise Opfer von sexuellem Missbrauch durch den Pädagogen wurden. Erst dann wurde die Aufsichtsbehörde, die Kinder- und Jugendhilfe (MA 11), von der für die Kindergärten zuständigen MA 10 informiert. Diese gab der MA 10 am selben Tag die Anweisung, den verdächtigten Pädagogen vom Kinderdienst abzuziehen und erstattete Anzeige bei der Staatsanwaltschaft. 

Die anderen Eltern erfuhren zu diesem Zeitpunkt aber noch nichts. Und das, obwohl, wie die KJA berichtete, sowohl die Eltern des letzten Kindes, wie auch ein Verein, der die Eltern in der Sache unterstützte, die Kindergartenleitung mehrfach darum baten. Die Leitung verwies mehrfach an Vorgaben "von oben". Im August 2021 fragte die MA 10 bei der MA 11 sogar noch an, ob der verdächtigte Pädagoge zurück in den Kinderdienst kommen könnte, was die MA 11 ablehnte, "da die Vorwürfe nicht zur Gänze entkräftet" werden konnten.

"Ein Jahr lang haben wir nichts davon gewusst"

So verging über ein Jahr bis die besagte WhatsApp-Nachricht der Elternvertretung die anderen Eltern alarmierte. Erst im Mai 2022 gab es einen ersten Elternabend zum Thema - dabei waren auch die Kindergartenleitung und die MA 10, organisiert wurde er aber von einem externen Verein. "Ein Jahr lang haben wir nichts davon gewusst, er hat ja ein Jahr damit leben müssen mit dem Trauma", klagt eine Mutter gegenüber PULS 24. 

Ein Jahr lang haben wir nichts davon gewusst, er hat ja ein Jahr damit leben müssen mit dem Trauma.

Betroffene Mutter

"Es wurde jetzt über ein Jahr vertuscht, das erschwert die Aufklärung ungemein", sagt Elternvertreterin Katharina Kohlbacher. "Das ist im Grunde auch der große Skandal", klagt sie, "dass es so lange vertuscht wurde und dadurch Aufklärung fast unmöglich gemacht wird, weil die Justiz unseren Kindern nicht glaubt". 

"Das hat die MA 10 verschlampt"

Elternvertreterin Katharina Kohlbacher macht der Stadt Wien schwere Vorwürfe.

Zwar wurde Ende Mai 2022 schließlich die Leitung des Kindergartens abgesetzt und die MA 10-Chefin Daniela Cochlar in eine andere Abteilung versetzt, doch bei weiteren Schritten fühlen sich die Eltern nach wie vor im Stich gelassen. Sie schildern gegenüber PULS 24, dass sie zu privaten Anbietern gehen mussten, als sie ihre Kinder in andere Kindergärten geben wollten. Für rechtliche und psychologische Unterstützung mussten sie selbst sorgen.

Laut Elternvertreterin Katharina Kohlbacher bekommen die Eltern noch immer zu wenig Unterstützung von der Stadt.

"Wir als Elternvertreter haben dann die Dinge in die Hand genommen und haben alle Eltern im Kindergarten informiert und die ersten Wochen als Krisenstab funktioniert", sagt Kohlbacher gegenüber PULS 24. "Wir haben sowohl die Pädagogen aufgefangen als auch die Eltern und uns natürlich um unsere betroffenen Kinder gekümmert, von denen es sehr viele gibt". Laut der Elternvertreterin waren "zwölf Kinder bei der Polizei und es sind mehr als 20 Kinder betroffen".

Der Pädagoge - für ihn gilt die Unschuldsvermutung - ist bei der MA 10 nun im Innendienst tätig, die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft laufen. Ob es zur Anklage kommt, ist noch nicht bekannt. Die MA 10 weiß nicht, wie weit die Ermittlungen sind. Die Wiener Staatsanwaltschaft ließ eine PULS 24 Anfrage unbeantwortet.

MA 10 gibt erste Fehler zu

Mit den Vorwürfen konfrontiert, gesteht Kurt Burger, der stellvertretende Leiter für die Wiener Kindergärten (MA 10), gegenüber PULS 24 nun erstmals Fehler ein: "Im Nachhinein gesehen: Ja, wir hätten die Eltern früher informieren müssen. Das ist deshalb nicht geschehen, weil wir davon ausgingen, dass es schnell zu einer Entscheidung der Staatsanwaltschaft kommt, die ja bis dato noch immer nicht vorliegt", sagt er. Er betont aber: "Wir haben uns sonst eigentlich nichts vorzuwerfen. Wir hatten nie vor, diesen Fall zu vertuschen. Wir haben ja nach unmittelbarem Bekanntwerden die Behörde eingeschalten, es wurde dort auch unverzüglich die Staatsanwaltschaft eingeschalten, der Pädagoge wurde unverzüglich vom Kinderdienst abgezogen".

"Das wünscht man nicht mal seinem Feind"

Die Mutter eine betroffenen Kindes will nicht aufgeben.

Für Pädagogen und Eltern habe es mittlerweile Mediation gegeben, die Mitarbeiter sollen sensibilisiert und geschult werden, man arbeite an der eigenen Fehlerkultur und bis Ende des Jahres soll es eine Ombudsstelle geben und am Dienstag endet die Begutachtungsfrist für ein neues Gesetz des zuständigen Stadtrats Christoph Wiederkehr (NEOS). Kindergärten sollen demnach künftig ein Schutzkonzept erstellen und Kinderschutzbeauftragte einsetzen müssen. Man wolle den Kinderschutz nun "in den Mittelpunkt stellen" - mehr wollte das Büro des Stadtrats zu dem Fall auf PULS 24 Anfrage derzeit nicht sagen.

Elternvertreterin Kohlbacher hätte sich vom Stadtrat aber mehr gewünscht: "Es wurde viel versprochen und wenig gehalten", sagt sie. Um die betroffenen, um seine traumatisierten Kinder müssen sich alle Eltern selbst kümmern. Die Kinder sind unsere Zukunft und wenn wir sowas nicht aufarbeiten, fällt uns das früher oder später auf den Kopf". 

Konstantin Auer, Adrian ZerlauthQuelle: Redaktion / koa