APA - Austria Presse Agentur

Bericht aus dem Spital: Corona auf der Palliativstation

22. Nov 2021 · Lesedauer 4 min

Die Pandemie ist in Krankenhäusern nicht auf Corona- und Intensivstationen beschränkt. Eine Ärztin berichtet PULS 24 vom Alltag auf ihrer Palliativstation: von immungeschwächten Patienten die trotz Impfung oft keine Chance haben und auch Ärzte und Pfleger infizieren.

"Wir sind kein Hospiz. Unsere Patienten gehen nach der Behandlung nach Hause. Die stehen – trotz unheilbarer Krankheit - oft mitten im Leben", betont Tanja*. "Das hat sich in der Corona-Pandemie geändert." Tanja ist Ärztin auf einer Palliativstation in einem österreichischen Krankenhaus. Sie hat das Bedürfnis zu reden.

Das Bedürfnis zu erzählen, wie ihre Corona-Patienten trotz Impfung oft keine Chance habe und wie sich sie und ihre Kollegen trotz Sicherheitsvorkehrungen bei ihrer Arbeit infizieren. Tanja heißt eigentlich anders, sie möchte anonym bleiben. PULS 24 ist ihr richtiger Name bekannt, ebenfalls in welchem Krankenhaus sie arbeitet.

Boosterimpfung für Personal zu spät

Ein großer Teil ihrer Patienten ist geimpft, Tanja schätzt 80 Prozent, wie sie sagt. Als Hochrisikopatienten seien sie prioritär durchgeimpft worden, die meisten hätten auch schon die Auffrischungsimpfung. "Zumindest das hat gut geklappt", sagt Tanja. Trotzdem ist das Immunsystem der Patienten durch ihre Krankheiten so sehr geschwächt, dass sie trotz drittem Impfstich an Corona erkranken, oft auch schwer – und dann teilweise wiederum das Personal anstecken, obwohl dieses mehrheitlich geimpft ist.

Die meisten aus dem Ärzte- und Pflegeteam wurden im Jänner geimpft. Weil die Boosterimpfung zu spät kam, stecken sie sich an den Patienten mit der infektiösen Delta-Variante an.

"Man hätte die Boosterimpfung fürs Gesundheitspersonal viel früher organisieren müssen", kritisiert sie. "Vor allem, weil ja von Pfizer von Anfang an klar gesagt wurde, dass es nach sechs Monaten eine Auffrischung braucht und sich die Delta-Variante spätestens im Sommer abgezeichnet hat", sagt sie.

"Wir versuchen zwar, bestmögliche Sicherheitsmaßnahmen zu ergreifen, aber wir haben keine Sicherheitsschleusen wie auf Corona- und Intensivstationen", schildert Tanja.

"Fühlen uns sehr gefährdet"

"Wir fühlen uns schon sehr gefährdet", erzählt Tanja. Auch sie wurde im Jänner geimpft. Ende Oktober infizierte auch sie sich bei der Arbeit im Spital mit Corona – knapp eineinhalb Wochen vor dem Termin für ihre Booster-Impfung Anfang November.

"Eine Woche lang war ich relativ krank", erzählt sie. "Ich hatte auch danach noch einen leichten Leistungsknick." Inzwischen kann sie aber wieder arbeiten. Auch ihre Familie habe sie angesteckt. Ihr Mann – ebenfalls geimpft – war auch krank. Auch eines ihrer beiden Kinder, die beide unter 12 und damit noch nicht geimpft sind, war positiv, wenn auch zum Glück ohne Symptome.

Ein Arzt aus der Station leidet an Long-Covid

"Aus unserem Ärzteteam haben sich seit Pandemiebeginn vier Personen angesteckt, davon waren drei zu dem Zeitpunkt geimpft. Ein Kollege leidet nun unter Long-Covid", schildert sie. Vom Ärzteteam seien inzwischen alle geimpft. Beim Pflegepersonal gab es "einige, die nicht geimpft waren", sagt sie und fügt hinzu: "Die Ungeimpften haben sich inzwischen fast alle angesteckt." Die meisten auf der Station haben mittlerweile ihre Booster-Impfung erhalten, aber viele externe Mitarbeiter wie Physiotherapeuten oder Sozialarbeiter noch nicht.

Zudem müssen wegen der hohen Auslastung der Corona-Station andere internistische Stationen Corona-Patienten mit betreuen. Auch Ärzte von anderen Stationen müssen auf den Corona-Normalstationen aushelfen. "Bei der Intensivbehandlung können wir nicht helfen, weil wir dafür nicht ausgebildet sind", sagt sie.

Die körperlichen und psychischen Belastungen für das Krankenhauspersonal sei enorm, auch auf ihrer Station. "Wir sind alle sehr angespannt, wir sind alle 'on the edge'", schildert sie. Es sei belastend, wenn man Patienten verliere. "Oft ist es so, dass ein Patient eine Woche lang scheinbar stabil ist und dann muss man doch zusehen, wie sein Zustand sich immer mehr verschlechtert", sagt Tanja.

Mehr Aufmerksamkeit für Schwerkranke

"Ich würde mir auch mehr Aufmerksamkeit für Palliativpatienten wünschen", sagt sie. "Es wird viel geredet über akute Corona-Patienten und Ungeimpfte. Aber was ist mit Patienten mit akuten Herzleiden? Mit Lungenerkrankungen oder solche, die durch andere Krankheiten immunsupprimiert sind?"

Diese seien nicht nur einem erhöhten Risiko durch Corona ausgesetzt obwohl sie geimpft seien und "alles richtig gemacht" hätten. Da die Behandlung von Corona-Patienten so viele Ressourcen binde, seien letztendlich auch weniger Kapazitäten für Palliativ- oder Krebspatienten oder chronisch Kranke da.

Wie in anderen Teilen des Gesundheitssystems ist man bereits jetzt an der Belastungsgrenze. "Und dabei kommt die Welle an Patienten durch die derzeitigen vielen Neuinfektionen erst noch in den nächsten Wochen", sagt Tanja. Wenn sie über die kommenden Wochen spricht, ist große Sorge in Tanjas Stimme zu hören.

*Tanja heißt eigentlich anders. Auf Wunsch der Ärztin hat PULS 24 ihren Namen geändert – der Name und das Krankenhaus ist der Redaktion bekannt.

Stephan HoferQuelle: Redaktion / hos