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Bergretter: "Es ist kein Trümmerfeld, sondern ein zerstörtes Kinderzimmer"

Eine Woche lang war die "Search and Rescue Unit Vorarlberg" in der Südosttürkei im Einsatz. Im Interview erzählt Bergretter Michael Erhard, wie es ihm und seiner Hündin Shadow dort gegangen ist.

Michael Erhard ist 32 Jahre alt und von Beruf eigentlich technischer Einkäufer. Seit neun Jahren ist er zudem Hundeführer bei der Bergrettung Vorarlberg. Seine neunjährige Hündin Shadow ist als Flächenschutz- und Trümmersuchhund ausgebildet. 

Am Montag, dem 6. Februar, ereigneten sich im Südosten der Türkei und in Syrien zwei große Erdbeben. Zwei Wochen später weiß man, dass dabei mindestens 47.000 Menschen ihr Leben lassen mussten. Zuletzt gab es am Montag Nachbeben.

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Die "Search and Rescue Unit Vorarlberg" (SARUV) hatte sich gleich nach dem Beben beim Bundesministerium für Inneres gemeldet. "Weil wir helfen können und dafür ausgebildet sind", sagt Erhard. Für die Einheit war es der erste Erdbeben-Einsatz seit 20 Jahren. Er sei zuvor bei Erdbeben-Einsatzübungen gewesen, aber das wäre nicht vergleichbar.

Sofort einsatzbereit

Kurz nach dem ersten Erdbeben in der Türkei erfuhr Erhard, dass es die Möglichkeit gäbe, in der Türkei zu helfen. Das Briefing sei dann um 18 Uhr gewesen. Der Vorarlberger wollte sich informieren, als er dort ankam hieß es bereits: "Super, dass du dabei bist!" Noch am selben Abend wurde eingekauft und die notwendigen Impfungen verteilt.

Weniger als 24 Stunden später saßen Erhard, seine zwanzig Mitstreiter und ihre Hunde bereits im Flieger nach Adana in der Türkei. Seiner Frau und seinen Kindern habe er erst am Vorabend des Abflug Bescheid geben können.

Saruv Einsatz Erdbeben 2023SARUV/Michael Erhard

Die SARUV beim Einsatz im Erdbeben-Gebiet in der Türkei.

Der Flughafen in Adana war voll mit Menschen, die dort übernachteten, erzählt Erhard. "Die Häuser waren großteils eingestürzt und die, die noch standen, waren gesperrt."

Der Einsatz der SARUV dauerte insgesamt sieben Tage. Zwei Tage waren die Retter in Osmaniye und dann fünf Tage in Kahramanmaraş. "Schon auf der Fahrt nach Osmaniye waren überall eingestürzte Gebäude. Es war einfach nur schockierend. Ein Gebäude nach dem anderen", schildert der Vorarlberger.

Glücksmoment, der betroffen machte

Ein besonderer Moment war für ihn, als er und sein Team eine 15-Jährige lebend bergen konnten, die zuvor 110 Stunden verschüttet war. Dieser Glücksmoment habe ihn aber auch extrem mitgenommen, sagt der 32-jährige Familienvater. Denn er habe gewusst, dass der Rest der Familie des Mädchens tot war.

Das Erdbebengebiet nehme man nicht als Trümmerfeld wahr: "Du stehst auf einmal in einem Kinderzimmer, in einem Schlafzimmer, dort ist ein Kühlschrank." Da seien viele Emotionen hochgekommen: "Wenn du dann von den Einheimischen erfährst, dass sie gestern ein vierjähriges Kind tot geborgen haben und du denkst dir, dass du zu Hause auch Kinder hast. Du siehst überall das ganze Spielzeug am Boden." Dann habe er erfahren, dass die Oma des Kindes noch vermisst werde. "Und du fängst an, die Oma zu suchen", schildert er das beklemmende Gefühl.

Neun Menschen wurden von der SARUV tot geborgen, drei lebend. Die Hunde spürten auch etliche weitere Personen auf. 

Bis zu 14-Stunden-Schichten

Die Schichten des Teams dauerten zwischen zwölf und 14 Stunden. Geschlafen wurde in mitgebrachten Zelten. Nachts kühlte es auf minus sieben Grad Celsius ab. Nachdem ihr Stromaggregat ausfiel, waren sogar die Socken der Retter gefroren. Im selben Moment dachte Erhard aber an die Menschen, die jetzt vielleicht jahrelang unter diesen Bedingungen leben müssen: "Sie haben keine Heizung, nur Lagerfeuer."

Die Vorarlberger Bergretter haben mit vielen Nationen zusammengearbeitet: Frankreich, Schweden, Bulgarien - insgesamt 72 Nationen waren vertreten. Die Afad, die türkische Katastrophenschutzbehörde, sei sehr professionell gewesen, sagt Erhard. Von Zwischenfällen, wie sie von einem Bundesheersprecher erwähnt wurden, hat er nichts mitbekommen. 

Berührende Dankbarkeit

"Wenn wir draußen waren, dann sind die Leute hergekommen und haben uns Tee und Süßigkeiten gebracht", schildert der Vorarlberger. Beim Abflug um 6.00 Uhr morgens musste der 32-Jährige auch mit den Tränen kämpfen, sagt er: "Der Flughafen war voll mit Leuten, sie sind alle aufgestanden und haben uns applaudiert und sich bedankt." 

Saruv Einsatz Türkei 2023 ErdbebenSARUV/Michael Erhard

Michael Erhard und seine Hündin Shadow beim Einsatz in der Türkei.

Dankbar ist Erhard auch dafür, dass sein Arbeitgeber ihm den Einsatz ermöglicht hat. Das sei nicht selbstverständlich, er habe seinen Chef angerufen und gesagt: "Ich habe die Möglichkeit, in die Türkei zu fliegen und Leben zu retten mit dem Hund." Der Chef habe dann nur erwidert, dass er "Leben retten gehen solle".

"Es sind prägende Momente, wenn du denkst, dass die Leute dort unten gar nichts haben. Man denkt anders dann darüber nach, wenn man zu Hause ist", sagt Erhard. Shadow und er sind seit einer Woche wieder zu Hause, die Hündin sei noch etwas müde, sagt er. 

Rettungseinsatz Türkei SARUVSARUV/Michael Erhard

Suchhund Shadow im Rettungseinsatz in der Türkei

Am Montag erschütterten erneut zwei weitere Erdbeben in der Stärke 6,4 und 5,8 die Südosttürkei und Syrien. In beiden Ländern werden erste Tote gemeldet, hunderte weitere wurden verletzt.

ribbon Zusammenfassung
  • Eine Woche lang war die "Search and Rescue Unit Vorarlberg" in der Südosttürkei im Einsatz.
  • Im Interview erzählt Bergretter Michael Erhard, wie es ihm und seiner Hündin Shadow in der Türkei gegangen ist.