Anschlag in Wien: Das verschwundene Handy

07. Mai 2021 · Lesedauer 4 min

Das zweite Handy eines Verdächtigen ist verschwunden – nachdem die Polizei seine Wohnung, im Beisein zwei weiterer Verdächtiger, durchsucht hatte.

Es ist der 2. November 2020, 23.05 Uhr, als sich mehrere Bekannte des Wiener Attentäters in der Polizeiinspektion Lehmanngasse einfinden. Wenige Stunden zuvor tötete der Terrorist vier Menschen und verletzte über zwanzig teils schwer, bevor er selbst von Beatmen der WEGA "neutralisiert" wurde. Sie sind gekommen, weil sie ihren Freund auf Videoaufnahmen erkannt und weil zwei von ihnen den Terroristen noch am Nachmittag getroffen hatten, um ein Buch zu übergeben, sagen sie aus. Das angesprochene Buch wird von der Polizei nie gefunden werden. Es ist nur ein Detail, das nicht zu den Aussagen passt. Was danach passieren wird, klingt wie das Drehbuch eines schlechten Films.

Freund des Terroristen, Bekannter der Behörden

Einer der Verdächtigen, der zur Polizei ging, ist für die Ermittler ein alter Bekannter und ein guter Freund des Terroristen. Er wollte 2018 gemeinsam mit dem Attentäter nach Syrien ausreisen und sich dem "Islamischen Staat" anschließen. Dafür saß er, wie auch der Terrorist, in Haft und wurde ebenfalls vorzeitig entlassen. Die beiden haben weiterhin Kontakt, haben ein gemeinsames Versteck, wo nach dem Anschlag eine Machete gefunden werden soll. Später wird auch bekannt werden, dass dieser Verdächtige den Attentäter via Instagram mit einem "jeje" zum Anschlag motiviert haben soll und mehrmals nach einem französischen Lokal in der Marc-Aurel-Straße in unmittelbarer Nähe zum Tatort gegoogelt hat – PULS 24 berichtete hier.

Nach der ersten Befragung auf der Polizeiinspektion fahren offenbar die Beamten mit ihm und zwei weiteren Verdächtigen in seine Wohnung in der Gregorygasse im 23. Wiener Bezirk. Um 3.50 Uhr wird er dort "festgenommen und sein Handy sichergestellt", heißt es in den Ermittlungsakten, die PULS 24 vorliegen. Er "sowie das sichergestellte Handy" werden in weiterer Folge in das Polizeianhaltezentrum Rossauer Lände gebracht. Über die Mailadresse stoßen die Ermittler auf ein weiteres Handy, die ausgewerteten Geodaten zeigen, das zweite Handy nimmt einen ganz anderen Weg als der Verdächtige.

Handy "fährt" durch den 23. Bezirk

Dass dieser Verdächtige ein zweites Handy hatte, wird von seinem Anwalt Rudolf Mayer gegenüber PULS 24 nicht bestritten, aber: "Mein Mandant weiß nichts über den Verbleib des zweiten Handys. Im letzten Bericht der Polizei stand, einer von zwei anderen müsste es entsorgt haben oder was immer. Ich kann dem nicht zustimmen. Wenn man den Weg sieht, da gibt es auch andere Möglichkeiten. Das ist noch ungeklärt."

Der Weg dieses Handys führt laut den ausgewerteten Geodaten gut zwei Kilometer durch den 23. Bezirk – von der Gregorygasse über die Erlaaer Straße hin zur Leopoldigasse/Steinergasse – diesen Standort hatte es auch noch am 4. November 2020 um 17.02 Uhr. Und, der Ort ist in die Nähe der Wohnadresse von einem der zwei bei der Festnahme anwesenden Verdächtigen.

"Auf bisher unbekannte Weise entsorgt worden"

Was mit dem zweiten Handy wirklich geschehen ist, wissen wohl nur die Verdächtigen. Die Ermittler werden folgendes notieren: "Aufgrund dieser Erkenntnisse sowohl aus den Einvernahmen als auch den ausgewerteten Geodaten liegt der Verdacht nahe, dass das zweite Handy (…), welches bis dato noch nicht aufgefunden werden konnte, sich entweder im Auto (…) befunden hat bzw. (…) nach der Festnahme (…) auf bisher unbekannte Weise entsorgt worden ist."

Damit ist auch eine Datenauswertung unmöglich. Da das sichergestellte Handy auf Werkseinstellungen zurückgestellt wurde, ist auch das für die Ermittler wenig ergiebig. Dazu sagt Mayer: "Auch Politiker löschen irgendwas, auch in den höchsten Kreisen wird gelöscht. Das muss nichts Kriminelles sein."

Muss es natürlich nicht, für alle Verdächtigen gilt die Unschuldsvermutung. Dennoch ist der Fakt, dass ein Handy – nachdem die Polizei eine Wohnung im Beisein von zwei weiteren Verdächtigen durchsucht hat – ein weiteres pikantes Detail, dass die Ermittlungsakten preisgeben und weitere Fragen aufwirft.

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Mathias MorscherQuelle: Redaktion / / Recherche: Dominik Schaden, Magdalena Punz, Mathias Morscher