APA - Austria Presse Agentur

Warum weltweit Millionen Impfstoffdosen im Müll landen

25. Aug 2021 · Lesedauer 4 min

Laut "Spiegel"-Recherchen verfallen auf der ganzen Welt Millionen Corona-Impfdosen und müssen entsorgt werden – während in vielen Staaten Vakzine fehlen.

Rund ein Drittel der Weltbevölkerung habe der Plattform "Our World in Data" zwar inzwischen mindestens eine Dosis eines Covid-19-Impfstoffs erhalten – doch in ärmeren Ländern wurden bisher nur 1,4 Prozent der Menschen mindestens einmal geimpft. Und in Nigeria etwa sind nur 0,7 Prozent der Bevölkerung vollständig geimpft – in Haiti gerade einmal 0,01 Prozent.

Impfquoten in ausgewählten Ländern

Dennoch landen Millionen Impfdosen im Müll, wie "Spiegel"-Recherchen zeigen: Der WHO (Weltgesundheitsorganisation) zufolge könnten weltweit bis Ende August eine Million AstraZeneca-Dosen unbrauchbar werden, weil deren Haltbarkeit abläuft. Fast 700.000 Dosen Impfstoff wanderten in diesem Jahr allein im US-Bundesstaat Georgia in den Müll; Experten warnen davor, dass in den USA bald Impfdosen verfallen, mit denen rund 13 Millionen Menschen gegen Corona geimpft werden könnten. 

Polen musste bis Ende Juli fast 73.000 Dosen verschiedener Hersteller entsorgen; in Hongkong stapeln sich überschüssige Bestände von Sinovac und Biontech/Pfizer, die ungenutzt verfallen könnten. Auch in Deutschland bleibt derzeit jede zehnte Impfdosis nach "Spiegel"-Informationen in den Arztpraxen liegen, rund 3,2 Millionen Dosen lagern dort. Impfstoff, der in anderen Ländern fehlt.

Kein faires Verteil-System

Laut "Spiegel" hat es die internationale Initiative Covax von der Weltgesundheitsorganisation WHO sowie den globalen Impfinitiativen Gavi und Cepi hat es bisher nicht geschafft, ein faires, globales Impfsystem aufzubauen: Impfstoff fließt bis heute vor allem in die Länder, in denen das Geld fließt.

Der Großteil der weltweit fast fünf Milliarden verabreichten Dosen wurde in wohlhabenderen Ländern verimpft, viele Staaten verhandeln an Covax vorbei direkt mit den Herstellern und schließen bilaterale Verträge ab. Bis Ende 2021 wollte die globale Impfkampagne zwei Milliarden Dosen für die am stärksten gefährdeten Bevölkerungsgruppen in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen finanzieren – geliefert wurden bisher rund 209 Millionen.

Geheime Verträge mit Herstellern

Hersteller wie Moderna haben zwar angekündigt, die Produktion hochzufahren und viele Staaten wollen überschüssige Dosen an ärmere Länder spenden, um die Engpässe zu lindern. Doch wenn Impfstoff innerhalb eines Landes erst einmal an einzelne Bundesstaaten und Gemeinden verteilt wurde, ist es meist kompliziert und teuer, ihn wieder an eine zentrale Stelle zurückzuschicken – und dann ins Ausland. Andererseits spielen auch rechtliche Hindernisse eine Rolle: Die geheimen Verträge mit den Herstellern sind offenbar meist so gestaltet, dass überflüssiger Impfstoff nicht einfach ins Ausland abgegeben werden darf.

Zu kurze Haltbarkeit

Viele Länder des globalen Nordens haben bereits angekündigt, Impfdosen an ärmere Länder zu spenden. Auch Österreich spendete bereits an Länder des Balkans. Wie die "Spiegel"-Recherchen zeigen, ist das Problem bei solchen Spenden oft, dass die Dosen bald nach der Ankunft ablaufen. So geschehen etwa in Kenia, wo am vergangenen Dienstag 407.000 Dosen AstraZeneca-Impfstoff aus Großbritannien ankamen. Ende September verfallen die Dosen schon, es bleibt nicht viel Zeit, um die Ware in entlegene Regionen zu bringen, Impfwillige zu mobilisieren und die nötige Infrastruktur aufzubauen. Bis Anfang August mussten bereits 470.000 Dosen in Afrika vernichtet werden, weil sie ihre Haltbarkeit überschritten hatten.

Verschwörungsmythen weit verbreitet

Zu dem nahenden Verfallsdatum kommt ein weiteres Problem: Verschwörungsmythen rund um die Vakzinen sind in vielen afrikanischen Ländern weitverbreitet. Auf WhatsApp kursieren Videos von Einstichstellen, die angeblich magnetisch werden. Die Impfung töte die Alten und mache die Jungen unfruchtbar, behaupten viele.

Dagegen helfen nur Aufklärungskampagnen – in Kenia ziehen Teams von Haus zu Haus, um über die Coronaimpfung zu informieren. "Aber es ist ein Teufelskreis", sagt die Gesundheitsexpertin Catherine Kyobutungi zum "Spiegel". "Niemand kann planen, wann die nächste Lieferung kommt, also weiß auch niemand, wann und wie viele Menschen mobilisiert werden müssen." Nichts sei frustrierender, als jemanden zum Impfen zu ermuntern – und dann keinen Impfstoff mehr für ihn übrigzuhaben.

Gleichzeitig denken die Industrienationen über die Drittimpfung nach, die Spenden an ärmere Länder könnten nachlassen. Eine Lösung könnten Produktionsstätten direkt im globalen Süden und die Freigabe von Patenten sein. Dagegen wehren sich viele Pharmakonzerne noch.

Quelle: Redaktion / koa