APA - Austria Presse Agentur

Portugals Erfolgsrezept beim Impfen: "Haltet die Politik da raus"

04. Okt 2021 · Lesedauer 3 min

Portugal ist eines jener Länder mit den höchsten Durchimpfungsraten. Verantwortlich dafür ist Henrique Gouveia e Melo, eigentlich U-Boot-Kommandant und Vizeadmiral beim Militär. Sein Erfolgsrezept: Kriegs-Rhetorik statt Politik.

Portugals Gesundheitssystem stand vor dem Kollaps, noch in der letzten Jännerwoche starben 2.000 Menschen. Nur acht Monate später sind nun rund 86 Prozent der 10,3 Millionen Portugiesen vollständig geimpft. Portugal gehört damit zu den Impfweltmeistern. "Wir glauben, den Punkt des Gruppenschutzes und fast den der Herdenimmunität erreicht zu haben", sagt Henrique Gouveia e Melo, jener Mann, dem Portugals Erfolg hauptsächlich zugeschrieben wird, im Interview mit den "New York Times". Portugal hob am Freitag fast alle Corona-Maßnahmen auf.

Vollständig Geimpfte

Henrique Gouveia e Melo war eigentlich U-Boot-Kommandant. Er ist mehr als 1,90 Meter groß und seit 42 Jahren beim Militär. Mit militärischem Drill packte er auch die Impfkampagne an: Konsequent trat er in Uniform oder Tarnanzug auf und schwor die Bevölkerung mit Kriegsmetaphern auf den Impf-Kurs ein. Vor allem aber baute er auf großen Sportplätzen Impfstraßen auf, in denen Menschen "wie am Fließband" geimpft wurden. Die effizienteste Art dafür tüftelte er vorher mit Soldaten in einem Armeekrankenhaus aus.

Angst statt Politiker

Dabei spielte ihm in die Hände, dass die Impfbereitschaft in Portugal ohnehin hoch ist: Auch gegen Masern, Röteln und Mumps sind 95 Prozent der Bevölkerung geimpft, harte Impfgegner gibt es nur wenige. Doch auch hier gab es Skepsis gegenüber den Corona-Vakzinen. Um die Portugiesen von der Sicherheit der Impfstoffe zu überzeugen, stellte sich Gouveia e Melo öffentlichkeitswirksam stetig selbst den Fragen von Bürgern. Hier sei es von Vorteil gewesen, dass er nicht zum politischen Establishment gehört, glaubt er. 

Auf die Frage, wie andere Länder ihre Impfkampagne ankurbeln könnten, hat er somit auch eine klare Antwort: "Sie müssen Menschen finden, die keine Politiker sind", sagte er den "New York Times". "Haltet die Politik da raus."

Seine Vorgehensweise, die militärische Kampagne, sein Auftreten sorgten trotz des Erfolges auch für Kritik: "Die Art, wie er sich immer in Tarnanzug präsentierte – so als ob er im Krieg wäre – hat mit der Sprache in den Medien und von Politikern zu einem Gefühl der Angst beigetragen", zitieren die "New York Times" die Psychologin und Impfkampagnen-Kritikerin Laura Sanches.

Auch der Epidemiologe Pedro Simas glaubt in der "FAZ", dass Angst ein entscheidender Faktor für die hohe Impfbereitschaft im Urlaubsland ist – Grund dafür ist seiner Ansicht nach aber die katastrophale Corona-Welle im Januar und Februar, die das Gesundheitssystem an den Rand des Kollapses brachte. Diese Erfahrungen haben Spuren hinterlassen – und seitdem seien Corona-Regeln wie Abstandsgebote und Maskenpflicht vorbildlich eingehalten worden, so Simas. Auch sonst könnte laut der "FAZ" ein hohes Verantwortungsgefühl helfen – besonders bei jungen Leuten. Denn Portugiesen leben länger bei ihren Eltern als Deutsche und wollen ihre Angehörigen nicht gefährden. 

"Wir haben eine Schlacht gewonnen"

Bis Ende Dezember sollen in Portugal Ältere und Risikopatienten eine Booster-Impfung bekommen. Gouveia e Melo bleibt trotzdem weiter wachsam: "Wir haben eine Schlacht gewonnen. Ich weiß nicht, ob wir den Krieg gegen das Virus schon gewonnen haben. Es ist ein Weltkrieg". 

Quelle: Redaktion / koa