Intensivmediziner Staudinger: Im AKH ist "kein einziges Bett frei"

06. Sept 2021 · Lesedauer 4 min

Die Intensivstation am Wiener AKH ist voll, bald werde man Operationen wieder verschieben müssen, alle Intensivpatienten seien ungeimpft, berichtet Intensivmediziner Thomas Staudinger im PULS 24 Interview.

Seit Montag sind im Wiener AKH zwei Intensivstationen wieder komplett für Covid-Patienten umgewidmet worden, sagt Thomas Staudinger. Der Grund: Man bekomme viele Anfragen von anderen Wiener Krankenhäusern, weil die Patienten dort nicht mehr mit konventioneller Beatmung behandelt werden können. Am Montag war "zum ersten Mal kein einziges Bett frei", schildert der Intensivmediziner. 

Momentan hätte nebenher die Routinekapazität noch aufrecht erhalten werden können. Ab Dienstag werde das aber "nicht mehr in diesem Umfang möglich sein", sagt der Arzt. Man werde also wieder Operationen verschieben müssen. Das Problem sei vor allem die Dauer des Aufenthalts bei den Covid-Patienten.

Operationen müssen verschoben werden

Dabei würden zuerst jene Operationen verschoben werden, bei welchen es um Symptomlinderung geht, die planbar sind und die die Lebenszeit nicht verlängern, erklärt der Mediziner. Die davon betroffenen Patienten seien "die Leidtragenden". Das sei eine ähnliche Situation wie im Vorjahr - nur, dass es nun eine Impfung geben würde. 

Er könne nicht für ganz Wien sprechen, aber "bei uns sind alle ungeimpft", sagt Staudinger über die Covid-Intensivpatienten. Das sorge auch für Frustration beim Personal. "Man kämpft gegen Windmühlen", sagt Staudinger und "irgendwann wird es bei jedem enden mit der Energie". Die Patienten seien vor allem junge Menschen, um die man teils wochenlang kämpfen müsse, die an Kraft und Muskelmasse verlieren. Eine Unterscheidung zwischen Geimpften und Ungeimpften bei Engpässen bei den Behandlungen hält Staudinger "in unserem System" und "aus dem Verständnis der Ethik, die wir leben" für "nicht denkbar".

Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) kündigte am Montag an, dass künftig die Bettenbelegung an den Intensivstationen statt der 7-Tages-Inzidenz der neue Richtwert sein soll, wenn es um Corona-Maßnahmen geht. Der Inzidenzwert habe durch die Impfung und durch die breit angelegten Testungen nicht mehr jene Aussagekraft, wie er sie noch vor einem Jahr hatte, hieß es aus dem Kanzleramt. Intensivmediziner Staudinger merkt allerdings an, dass die Intensivzahlen immer "zwei bis drei Wochen" nach den Inzidenzen steigen würden. Der Anstieg der letzten beiden Wochen sei da  "bedenklich", man könne nur hoffen, dass die 60 Prozent der Vollimmunisierten "ein Plateau" schaffen würden. Diese Personen würden das Gesundheitssystem schützen, so Staudinger.

Wien stockt Intensivbetten auf

Am Montag mussten in Wien 66 Intensivpatienten versorgt werden. Innerhalb von zwei Wochen hat sich ihre Zahl mehr als verdoppelt - am 23. August waren noch 20 Covid-Patienten auf den Intensivstationen gewesen. 

Der Anstieg sorgt dafür, dass Stufe drei des neunstufigen Maßnahmenplan des Wiener Gesundheitsverbunds ausgerufen wurde. Im Worst-Case-Szenario sind in Wien 364 Intensivbetten für Covid-Patienten verfügbar. Das bedeutet aber eine deutliche Überschreitung der systemkritische Auslastungsgrenze von 33 Prozent.

Sind mehr als ein Drittel der Intensivbetten mit Covid-Patienten belegt, treten diese in Konkurrenz mit anderen intensivpflichtigen Patienten. Diese Schwelle bedeutet ein sehr hohes Systemrisiko. Auf Normalstationen stehen in Wien maximal 777 Betten für Covid-19-Patienten zur Verfügung.

Umweltmediziner Tilman Königswieser, der ärztlichen Leiter des Salzkammergut-Klinikums, berichtet, dass es derzeit noch keine kritische Situation an den oberösterreichischen Intensivstationen gebe. Ab einem Wert von 30 Prozent oder 50 Betten werde es kritisch.

Ab 150 Personen auf Intensivstationen in Wien müssen Eingriffe verschoben werden, hieß es am Montag aus dem Büro von Gesundheitsstadtrat Peter Hacker (SPÖ). Doch schon zuvor werden Operationen von Spitälern des Wiener Gesundheitsverbundes an Fondsspitäler ausgelagert.

Kritische Situation in Kärnten und Oberösterreich

In Kärnten werden bereits wieder nicht-notwendige Operationen verschoben, um genug Betten für Corona-Patienten zur Verfügung zu haben, wie vergangene Woche bekannt gegeben wurde. In Oberösterreich wurde ebenfalls bereits die erste kritische Marke von 10 Prozent zusätzlicher Auslastung durch Corona-Patienten erreicht. Auch dort bestätigt sich das Bild, dass der überwiegende Anteil der Intensivpatienten ungeimpft ist.

Die Belegung auf den Intensivstationen steigt rasch an

Quelle: Redaktion / koa