APA - Austria Presse Agentur

Debatte um 2G auch in Deutschland entbrannt

06. Nov 2021 · Lesedauer 5 min

Nach der Verschärfung der Corona-Regeln in Österreich wird auch in Deutschland der Ruf nach stärkeren Einschränkungen für Ungeimpfte lauter.

Ärztepräsident Klaus Reinhardt verlangt, auch in Deutschland nur noch Geimpften oder Genesenen den Besuch von Restaurants, Veranstaltungen oder Kinos zu erlauben. Ähnlich äußerte sich der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städtetages, Helmut Dedy.

SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach fordert, die 2G-Regel solle "am besten in allen Bereichen greifen, die nicht wie Lebensmittelgeschäfte oder Drogerien zum täglichen Bedarf gehören". Österreich hatte am Freitagabend eine landesweite 2G-Regel für Gastronomie, Friseure und Veranstaltungen beschlossen. Die Bundesregierung folgte damit der Hauptstadt Wien, die entsprechende Maßnahmen bereits am Donnerstag angekündigt hatte.

Sachsen legt vor

In Deutschland setzt ab Montag als erstes Bundesland Sachsen die 2G-Regel in Teilen des öffentlichen Lebens flächendeckend und verpflichtend um. Damit haben nur noch Genesene und Geimpfte Zutritt etwa zur Innengastronomie, Diskotheken oder Freizeit- und Kultureinrichtungen. Auch Großveranstaltungen wie Fußball im Stadion sind betroffen, der Einzelhandel oder Gottesdienste nicht.

Der Präsident der deutschen Bundesärztekammer forderte die Politik zum Handeln auf. "Wir brauchen jetzt klare Regeln, um die Infektionsketten zu durchbrechen", sagte Reinhardt der "Passauer Neuen Presse" (Samstag). "Der Besuch etwa in der Gastronomie, bei Veranstaltungen oder im Kino sollte nur noch Genesenen und Geimpften vorbehalten bleiben."

Notfalls seien sogar Lockdown-Maßnahmen für Ungeimpfte notwendig: "Wenn es darum geht, die stationäre Versorgung zu sichern, finde ich das gerechtfertigt. Schließlich sind es derzeit vor allem die Ungeimpften, die mit schweren Covid-Verläufen in den Kliniken behandelt werden müssen", sagte Reinhardt. Auch der Arbeitsplatz müsse sicherer werden. "Das heißt: geimpft, genesen oder getestet."

Ähnlich äußerte sich der bayerische Ministerpräsident Markus Söder. "Es braucht verpflichtend 3G am Arbeitsplatz in ganz Deutschland", sagte der CSU-Chef den Zeitungen der Funke Mediengruppe (Samstag). "Und die Arbeitgeber müssen das Recht haben, zu fragen, ob die Angestellten geimpft sind oder einen Test gemacht haben." In manchen Corona-Hotspots im Freistaat wird auch die 2G-Regel schon angewendet. Bayern zählt zu den Bundesländern mit den höchsten Corona-Inzidenzen.

Kostenpflichtige Tests haben Impfrate kaum erhöht

Söder plädiert auch dafür, Schnelltests in größerem Umfang wieder kostenlos anzubieten. "Wir stellen leider fest, dass die Einführung der Kostenpflicht die Impfbereitschaft kaum erhöht hat", sagte der CSU-Chef. "Auch Geimpfte müssen wieder die Möglichkeit haben, sich ohne finanziellen Aufwand testen zu lassen." Diese Forderung kommt auch vom Einzelhandel und der Gastronomie.

Den möglichen künftigen Koalitionären von SPD, Grünen und FDP warf Söder vor, sich in der Corona-Pandemie wegzuducken. "Wo ist die Ampel? Wo ist Olaf Scholz?", fragte er am Samstag auf einem Landesparteitag der Sachsen-CDU im Dresden und forderte die Ampel-Vertreter auf, Verantwortung zu übernehmen. Notwendig sei jetzt eine Konferenz der Ministerpräsidenten mit dem Bund. "Wenn Olaf Scholz auf dem G20-Gipfel war, dann kann er auch auf den G16 mit den Bundesländern gehen und endlich einheitliche Regeln für Deutschland finden. Angela Merkel hätte die Länder nicht allein gelassen." Es sei "schade und unverständlich", dass die SPD Gespräche verweigere.

"Wir brauchen jetzt dringend einheitliche Lösungen. Die Ampel duckt sich komplett weg", sagte Söder. Es werde von einem Freedom Day und einem Ende der pandemischen Lage geredet, wenn genau das Gegenteil stattfinde. Statt Lockdown brauche es "mehr 2G" und 3G am Arbeitsplatz sowie rechtlich verbindliche Möglichkeiten dazu. Zudem gelte es, die Rückkehr zu kostenlosen Test zu prüfen. Söder hielt es für denkbar, auch die Impfzentren wieder zu reaktivieren.

Söder zufolge ist gerade zu spüren, dass die vierte Welle Deutschland massiv trifft. "In den Krankenhäusern droht eine massive Belastung. Es droht auch ein Kampf um das Intensivbett." Die Corona-Krise komme schlimmer zurück als befürchtet.

Rekordwerte bei Neuinfektionen

Die Ausbreitung des Coronavirus hat sich zuletzt rasant beschleunigt. Die Gesundheitsämter in Deutschland meldeten Rekordwerte bei den Neuinfektionen, die Sieben-Tage-Inzidenz stieg am Samstag weiter auf 183,7 an (Vorwoche 145,1, Vortag 169,95). Laut dem Robert Koch-Institut (RKI) gab es binnen eines Tages 34.002 Corona-Neuinfektionen. Am Freitag war mit 37.120 Fällen ein absoluter Rekord verbucht worden. Innerhalb eines Tages gab es weitere 142 Todesfälle.

Die Gesundheitsminister von Bund und Ländern in Deutschland hatten am Freitag unter anderem breite Auffrischungsimpfungen sechs Monate nach der zweiten Spritze, eine Testpflicht in Pflegeheimen sowie genauere Kontrollen von Zugangstests beschlossen.

SPD-Gesundheitspolitiker Lauterbach rät angesichts der Lage von größeren Weihnachts- und Karnevalsfeiern ab. Die wahrscheinlich letzte große Welle der Pandemie könne noch sehr viele Menschenleben kosten. "Daher ist es wichtig, dass die Menschen vorsichtiger werden", sagte er der "Rheinischen Post". "Dazu gehört, möglichst auf betriebliche Weihnachtsfeiern in Innenräumen zu verzichten, an Weihnachten in kleineren Gruppen zu feiern und nicht zum Karneval zu gehen."

Quelle: Agenturen / Redaktion / koa