Ökonom Kluge: "Über 70.000 Arbeitsplätze" durch Gas-Knappheit in Gefahr

06. Juli 2022 · Lesedauer 3 min

"Es sollte klar sein, dass niemand frieren darf in Österreich." Das meint der Ökonom Jan Kluge von der Denkfabrik "Agenda Austria" mit Blick auf den Winter im Newsroom LIVE. Die Preise würden nämlich auch im Herbst und Winter weiter anziehen.

Grund dafür ist das wenig vorhandene Gas in Österreich. Der Ökonom Jan Kluge von der "Agenda Austria" hat in drei Szenarien berechnet, wie sich eine Gasverknappung auf die Wirtschaft auswirken könnte.

"Konkrete wirtschaftliche Bedrohungen" zu erwarten

Im optimistischen Szenario rechnet der Experte damit, dass man "zwei Drittel" von russischem Gas in Österreich ersetzen könne. Zusätzlich dazu würden die österreichischen Haushalte im besten Fall "ein Fünftel" an Gas einsparen können. Doch selbst dann ist "im nächsten Jahr eine Rezession wahrscheinlich", und zwar mit circa "2,6 Prozent".

Zudem würde die "Unsicherheit für die Menschen" steigen, ebenso wie die Teuerung und die Gaspreise. Es käme zu "konkreten wirtschaftlichen Bedrohungen", "mehr als 40.000 Arbeitsplätze" wären "in Gefahr".

"Über 70.000 Arbeitsplätze" in Gefahr

Das mittlere Szenario ist laut Kluge das "wahrscheinlichste": Österreich würde dann 50 Prozent des russischen Gases kompensieren können, die Haushalte würden "zehn Prozent" einsparen. Das sei mit klassischen Energiespartipps wie "ein, zwei Grad weniger Raumtemperatur" machbar.

Dennoch wären "über 70.000 Arbeitsplätze" in Gefahr, die Rezession würde sich auf "vier Prozent" verschärfen. Vor allem gasintensive Industrien seien bei den Arbeitsplätzen in Gefahr, der Trend "setzt sich aber dann durch die gesamte Wirtschaft fort".

Sollten gewisse Unternehmen den Umstieg auf Öl und Kohle, wie von der Regierung gefordert, nicht schaffen, "dann liegen viele Betriebe still". Im pessimistischen Szenario würden "nicht systemrelevante Unternehmen vom Netz genommen". Zumindest bis eine Alternative gefunden werden kann.

Deutschland will Notfall vermeiden, Österreich sich darauf vorbereiten

In Deutschland sei die Lage laut Kluge "ein bisschen besser". Er habe "aber schon den Eindruck, dass in Deutschland klarer kommuniziert wird". Bereits vor einigen Wochen habe man die Alarmstufe ausgerufen. Man habe "damit Instrumente, um Maßnahmen zu ergreifen, die einen Notfall verhindern können". Deutschland arbeite mehr auf eine Vermeidung eines Notfalls hin, während sich Österreich auf einen Notfall an sich vorbereite.

Weitere Entlastungen für Haushalte notwendig

Mit Blick auf den Winter müsse die Regierung "Nachschärfungen bei Entlastungen" vornehmen: "Es sollte klar sein, dass niemand frieren darf in Österreich", so Kluge weiter.

Eine Senkung der Mehrwertsteuer oder einen Preisdeckel hält der Experte jedoch für "nicht zielsicher". Vielmehr müsse man sich auf "Privathaushalte und Menschen mit finanziellen Problemen" fokussieren, damit sich die Menschen im Ernstfall nicht entscheiden müssen, "will ich heute heizen oder will ich heute essen".

Maximilian SperaQuelle: Redaktion / msp