Handelsverband-Chef rechtfertigt Preisunterschiede und rechnet vor

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Den Vorwurf der Preistreiberei weisen Industrie und Handel vehement von sich. Warum sind aber die Lebensmittel in Österreich im europäischen Vergleich so teuer? Handelsverband-Geschäftsführer Rainer Will verteidigt seine Branche und attackiert die Arbeiterkammer, die Regierung, Banken und Energiekonzerne.

Immer noch ist die Inflation in Österreich über dem europäischen Schnitt, die Preise hierzulande steigen höher an als in anderen EU-Ländern. So sind zum Beispiel die Lebensmittelpreise im Schnitt um 18 Prozent teurer als beim deutschen Nachbarn, wie ein Preismonitor der Arbeiterkammer im Mai zeigte.

An der großen Preissteigerung will jedoch niemand verdient haben. Bauern, Industrie und Handelsketten weisen jede Schuld von sich.

Will wirft Arbeiterkammer "Äpfel-Birnen-Vergleiche" vor

Handelsverband-Geschäftsführer Rainer Will geht im Interview im PULS 24 Newsroom in die Offensive. Man soll in der Arbeiterkammer (AK) lieber Reformen umsetzen, bei denen man sich "deppert verdient", statt "Äpfel-Birnen-Vergleiche anzustellen", meint er etwa im Hinblick auf die Preisvergleiche.

Beim Preisvergleich mit Deutschland berücksichtige man oft nicht den Aktionsanteil - dieser betrage in Österreich rund 32 Prozent, in Deutschland nur 20 Prozent, versucht Will den Preisunterschied vorzurechnen. Beim Bier gebe es die Biersteuer, in Österreich müsse man "24 Cent pro Liter Biersteuer an den Finanzminister übermitteln", in Deutschland seien es unter 10 Cent pro Liter, beklagte er in Hinblick auf die gravierenden Preisunterschiede beim Bier, die zuletzt in sozialen Medien für Empörung sorgten.

Will fordert Staatshilfen für Supermarkt-Ketten

Die Arbeiterkammer solle sich lieber stark dafür machen, dass in staatsnahen Betrieben eingespart werde, dann könnte man "die Kostenseite der Händler entlasten", meint Will - er fordert also abermals staatliche Unterstützung für die großen Handelsketten.

Bereits bei dem im Mai veranstalteten Lebensmittelgipfel der Bundesregierung wiesen die Supermarkt-Ketten auf die hohen Energiepreise hin und forderten einen Energiekostenzuschuss. Preisbremsen bei Grundnahrungsmitteln lehnten die Supermarkt-Ketten kategorisch ab. Die Regierung kündigte im Gegenzug an, die Lebensmittel-Preisentwicklung zu beobachten, unternahm jedoch bis heute weiter nichts.

Weitere Kalkulationen vorgerechnet

Außerdem gebe es in Österreich keinen Niedriglohnsektor so wie in Deutschland, so Will. Dort seien nur 30 Prozent der Löhne kollektivvertraglich festgelegt - in Österreich seien es "fast 100 Prozent, im Handel alle". Die österreichischen Zustände beklagt er: Dass die Löhne der Angestellten im Handel - der "Kostenfaktor Mensch" - "explodieren", sei ein "Strukturversagen", ebenso die gleichermaßen explodierenden Energiekosten.

Weiters gab der Handelsverband-Geschäftsführer zu bedenken, dass man auch die Topographie berücksichtigen müsse. "Wir haben Alpen und freuen uns, dass es kleine Nahversorger gibt", so Will. Zwischen Schladming und Hallstatt seien es zwar nur 10 Kilometer, aber "es ist trotzdem ein Gletscher dazwischen". In Deutschland gebe es "eine flache Platte außerhalb von Bayern", das sei eine andere Struktur. 

"Watschenbaumhandel" und politisches Versäumnis

Dass manche Menschen beim Anblick der Preise den Eindruck bekommen, der Handel würde sich bereichern, das kann Will nicht nachvollziehen. Der Handel habe nie "ein Körberlgeld verdient". Nahversorger würden "rote Zahlen" verzeichnen, große Lebensmittelhändler in Österreich würden Margen, abzüglich aller Kosten, von 0,5 bis 2 Prozent machen.

Es werde schnell und gerne der "Watschenbaumhandel herangezogen, wenn die Politik ihr Versäumnis, gerade vor Wahlen, abdecken möchte", so Will.

Daran beteiligt sich der Handelsverbands-Chef, indem er auf Banken und Energiekonzerne zeigt: Banken würden Übergewinne, Energieversorger sogar Milliardengewinne verzeichnen, "wo man selbst in den Aufsichtsräten sitzt und nichts getan hat". Und klar sei, dass diese Energiekosten in den Handel nachwirken, betont er abermals.

Urlaub und Freizeit statt Lebensmittel, meint Will

Es sei wahrnehmbar, dass viele Menschen ihr Geld anders investieren, es fließe wenig in den Handel. Im Vergleich zu den Vorjahren würden 60 Prozent mehr in den Urlaub, Freizeit und Dienstleistungen fließen, wirft er den Kund:innen vor. "Und wenn man dann vom Urlaub zurückkommt, dann ist man natürlich mit einer Rechnung konfrontiert".

Dabei unterschlägt der Handelsverband-Geschäftsführer, dass vor allem Grundnahrungsmittel seit Beginn des Jahres im Preis enorm gestiegen und im Vergleich zu Deutschland teilweise um ein Vielfaches teurer sind.

Kund:innen könnten neben den Industrieprodukten auch Eigenmarken beziehen, die seien "oft halb so billig", rät Will. Die Eigenmarken der einzelnen Supermarkt-Ketten unterscheiden sich zeitweise aber kaum im Preis, wodurch es kaum Wettbewerb bei den Preisen gibt.

ribbon Zusammenfassung
  • Den Vorwurf der Preistreiberei weisen Industrie und Handel vehement von sich.
  • Warum sind aber die Lebensmittel in Österreich im europäischen Vergleich so teuer?
  • Handelsverband-Chef Rainer Will rechtfertigt Preisunterschiede und rechnet ie Kalkulationen vor.

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