Atomkraft fürs Klima? Warum AKWs wieder im Aufwind sind

19. Okt 2021 · Lesedauer 4 min

Fast 30 Prozent des EU-Stroms kommt aus Atomkraftwerken (AKWs). Länder wie Frankreich und Großbritannien wollen aus Gründen des Klimaschutzes wieder verstärkt auf AKWs setzen. Anti-Atomkraft-Staaten wie Österreich argumentieren dagegen und ziehen Klagen in Betracht.

Um den Ausstieg aus der Energiegewinnung mit Kohle zu ermöglichen und die Klimaziele zu erreichen, will Großbritannien bis 2024 die Finanzierung eines neuen AKW durchpeitschen, berichtete "The Telegraph". "Wir versuchen, in den nächsten Jahren mindestens ein weiteres großes Atomprojekt zu genehmigen, um die Energiesicherheit zu stärken und Tausende von Arbeitsplätzen zu schaffen", erklärte ein Regierungssprecher. 

Auch in der EU hat der Atomstrom viele Fans. 14 der 27 EU-Staaten setzen derzeit auf Atomkraft. Als treibende Kraft der Atomstrom-Befürworter in der EU gilt Frankreich, das rund 70 Prozent seines Energiebedarfs mit Atomstrom deckt. Präsident Emmanuel Macron kündigte vergangene Woche an, eine Milliarde Euro in den Ausbau der Atomenergie investiert zu wollen. Selbst die französischen Grünen schieben den früher vehement geforderten Atomausstieg inzwischen verbal weit in die Zukunft. "Frankreich hat Glück, denn Frankreich hat Atomkraft", betont Macron gerne mit Blick auf die CO2-Emissionen. Da steht das Land im Vergleich zu Deutschland tatsächlich ziemlich gut da. 

Atomkraft als grüne Energie?

Zehn Atomstaaten fordern von der EU-Kommission, die Atomkraft als grüne Energie anzuerkennen. Neben Frankreich unterstützen Bulgarien, Finnland, Kroatien, Rumänien, die Slowakei, Slowenien, Tschechien und Ungarn die Initiative. Die Staaten betonen in einem Schreiben an die EU-Kommission, dass die Atomkraft eine "leistbare, stabile und unabhängige Energiequelle" sei. Sie würde die Verbraucher vor Preisschwankungen schützen. Während Atomkraftwerke 26 Prozent des Stroms in der Europäischen Union produzieren, kommen 90 Prozent des benötigten Erdgases in der Union von ausländischen Herstellern.

Eine Staatenallianz aus Österreich, Deutschland, Spanien, Dänemark und Luxemburg hat im Juli in einem Brief Druck auf die EU-Kommission gemacht, Atomenergie nicht als nachhaltig anzuerkennen. Klimaschutzministerin Leonore Gewessler (Grüne) hat angekündigt, die EU-Kommission notfalls klagen zu wollen, falls diese Atomkraft als grün und nachhaltig einstufen sollte.

Gewessler: Teuer und unsicher

Atomkraft sei nicht nur unsicher, sondern vor allem "so teuer, dass sie eigentlich nicht mehr konkurrenzfähig ist", argumentierte Umwelt- und Klimaschutzministerin Leonore Gewessler (Grüne) gegen Länder wie Frankreich. Atomkraftwerke könnten aufgrund ihrer langen Bauzeit nicht den erforderlichen raschen Beitrag zum Klimaschutz leisten. Laut dem "World Nuclear Report" kommt es bei den sich aktuell in Bau befindlichen Reaktoren in wenigstens 12 von 17 Ländern zu jahrelangen Verzögerungen. Das betrifft laut dem Bericht mehr als die Hälfe der AKW-Bauprojekte. 

Gewessler warb hingegen bei einer  Onlinediskussion der "Kleinen Zeitung" mit dem slowenischen Botschafter in Wien, für den Ausbau erneuerbarer Energieträger, weil man "Steuergeld nur einmal investieren" könne und diese auch regionale Wertschöpfung sowie die Unabhängigkeit Europas von externen Energiequellen stärken würden.

Sicher sei an der Atomkraft nur das Risiko, sagte die Ministerin und verwies als Beispiel auf das slowenische AKW Krsko. Der Meiler, "der Jahrzehnte auf dem Buckel hat" sei ein Sicherheitsrisiko. Dort wolle man im selben erdbebengefährdeten Gebiet ein neues AKW errichten. Der slowenische Botschafter hielt dagegen, dass in den vergangenen fünf Jahrzehnten schon mehrere Erdbeben in der Region stattgefunden hätten und es nie Beschädigungen in Krsko gegeben habe. 

Es war auch ein Erdbeben, das 2011 die Nuklear-Katastrophe im japanischen Fukushima auslöste, nachdem ein Tsunami die Kühlung versagen ließ. In drei Reaktorblöcken kam es zur Kernschmelze. Der Schaden wird laut "Kurier" auf 100 Milliarden Dollar geschätzt. Als schlimmster Atomunfall ist die Reaktorschmelze in Tschernobyl 1986 im österreichischen Gedächtnis geblieben.

Marianne LamplQuelle: Agenturen / Redaktion / lam