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AMS-Chef Kopf sieht beim Arbeitskräftemangel "viele Schrauben" für Politik

04. Aug. 2022 · Lesedauer 4 min

AMS-Chef Johannes Kopf sieht für die Politik "viele Schrauben", um den "massiven Arbeitskräftemangel" zu bekämpfen.

"Wenn ich nur eine Maßnahme vorschlagen dürfte, dann wäre dies eine österreichweit flächendeckende Ganztagesbetreuung für Kinder ab dem ersten Geburtstag", sagte Kopf zur APA. Unternehmen empfiehlt er auch ein Umdenken bei der Personalsuche, etwa mehr Frauen in Teilzeitbeschäftigung, Älteren oder Menschen mit Behinderungen eine Chance zu geben.

"Anreize zur Frühpension einschränken"

"Wenn die Regierung noch etwas tun will, soll sie die Anreize zur Frühpension einschränken", sagte Kopf im Hinblick auf den Arbeitskräftemangel. Man könne auch "langfristig etwas im Bildungssystem" machen. "Wir verlieren noch zu viele, die wir eigentlich höher ausbilden könnten." Durch die Reform der Rot-Weiß-Rot-Karte erwartet sich der AMS-Vorstand keinen starken Zuzug von Arbeitskräften von außerhalb der EU nach Österreich. Die Arbeitskräftesuche in unmittelbaren und näheren Nachbarstaaten in der EU sei für heimische Unternehmen wohl zielführender als in Südostasien, so Kopf.

Ende Juli waren 137.826 offene Stellen als sofort verfügbar beim Arbeitsmarktservice (AMS) gemeldet. Gegenüber dem Vorjahresmonat belief sich der Stellenzuwachs auf 22 Prozent, gegenüber Juni sanken die Stellenanzeigen beim AMS aber leicht.

Der Arbeitsmarktservice-Vorstand wies auf die hohe Dynamik am heimischen Arbeitsmarkt hin. "Die Stellen drehen sich wahnsinnig schnell. Da gibt es viel Bewegung. Es gibt einen Kampf unter den Branchen um Arbeitskräfte", sagte Kopf. Im Juli gab es bei den offenen Stellen 46.004 Zugänge und 49.571 Abgänge, darunter 41.671 Stellenbesetzungen. Hilfskräfte würden derzeit aufgrund der hohen Nachfrage nach Arbeitskräften schnell auch in andere Branchen wechseln.

Viele Gründe für Mangel

Der Arbeitskräftemangel hat laut dem AMS-Vorstand konjunkturelle Gründe, "weil es viel Arbeit gibt", aber auch strukturelle Gründe, etwa durch regional unterschiedliches Arbeitskräfteangebot und fehlende Qualifikationen sowie durch die Alterung der Gesellschaft. "Österreich ist verwöhnt an zusätzlichen Arbeitskräften, weil über zehn Jahre jährlich immer mehr als 50.000 zusätzliche Arbeitskräfte dazugekommen sind", so Kopf. Vor allem die EU-Osterweiterung erweiterte das Arbeitskräftepotenzial für heimische Unternehmen.

In den Coronajahren 2020 und 2021 hat sich die Lage deutlich geändert. 2021 gab es laut Kopf 30.000 zusätzliche ausländische Arbeitskräfte in Österreich, aber die Zahl der inländischen Beschäftigten und Arbeitslosen ging demografiebedingt um 20.000 zurück. Damit gab es im Vorjahr hierzulande nur 10.000 zusätzliche Arbeitskräfte. "Ich glaube nicht, dass es so niedrig bleibt, aber das ist auch ein Grund, warum wir es merken", sagte Kopf.

Um zukünftige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter anzusprechen, empfiehlt der AMS-Chef den Unternehmen auch an ihrer Arbeitgeberattraktivität zu arbeiten. Da gehe es unter anderem um die Gestaltung der Stelleninserate, altersgerechte Arbeitsplätze, Kinderbetreuung und Teilzeitstellen in der Industrie.

8.000 Ukrainer suchen Arbeit

Bei der Arbeitsmarktintegration der Vertriebenen aus der Ukraine sieht der AMS-Vorstand einen möglichen Handlungsbedarf ab Herbst. Wenn dann die Rückkehr noch immer nicht möglich sei, dann sei es "dringend" angeraten, sich beim Arbeitsmarktservice zu melden. Wenn der Schwebezustand bei vielen Menschen lange dauere, dann werde es auch schwieriger bei der Jobsuche in Österreich. Das AMS hat kürzlich den umfassenden Leitfaden "Leben und Arbeiten in Österreich" für aus der Ukraine geflüchtete Personen auf Deutsch, Ukrainisch, Russisch und Englisch veröffentlicht.

Seit Kriegsbeginn sind über 80.000 vertriebene Ukrainer in Österreich registriert worden. Rund die Hälfte könnte in Österreich einer Arbeit nachgehen, schätzt Kopf. Die andere Hälfte sind Kinder und Pensionisten. Laut AMS gibt es derzeit rund 8.000 aufrechte Beschäftigungsbewilligungen für Ukrainer und 8.000 Ukrainer sind beim AMS als jobsuchend registriert. Manche Frauen würden noch eine Kinderbetreuung suchen, andere im Homeoffice in Österreich für ihre ukrainischen Betriebe weiterarbeiten. Die "wahrscheinlich größte Gruppe" hoffe aber auf eine baldige Rückkehr in die Ukraine und sei deswegen nicht auf Jobsuche.

Der AMS-Chef plädiert auch für eine bessere soziale Absicherung für Vertriebene aus der Ukraine in Österreich. "Wenn es im Herbst auch noch keine Lösung gibt, dann bin ich dafür, dass man diese Menschen in die Sozialhilfe nimmt und auch in die Regeln der Sozialhilfe", sagte Kopf. Dies würde unter anderem eine verpflichtende Vormerkung beim AMS umfassen. Ukrainische Flüchtlinge würden derzeit "nicht viel Geld über die Grundversorgung" erhalten. "Auf Dauer ist das wenig, da ist der soziale Schutz über die Sozialhilfe besser", so der AMS-Vorstand.

Quelle: Agenturen / koa