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WM 2022: Die Revolution der Nachspielzeiten

30. Nov. 2022 · Lesedauer 3 min

Bei der WM in Katar sind Nachspielzeiten über zehn Minuten keine Seltenheit mehr. Aber warum ist das so?

"Das Spiel ist erst vorbei, wenn der Schiri pfeift!" - Eine Fußballfloskel, die hierzulande sicher viele kennen und sich mehr als je zuvor zu bewahrheiten scheint.  Denn wer die WM in Katar verfolgt, wird bereits mitbekommen haben, dass die Fußballspiele länger dauern - erheblich länger.

90+10 keine Seltenheit mehr

Bereits am zweiten Tag der noch jungen Weltmeisterschaft in Katar wurde ein Rekord aufgestellt: Irans Mehdi Taremi schießt beim 6:2 gegen England in Minute 90+13 das späteste Tor einer Weltmeisterschaft in der regulären Spielzeit. In den ersten vier WM-Spielen in Katar wurde insgesamt über eine Halbzeit nachgespielt.  Wenn es so weitergeht, sehen die Zuschauer bis zum WM-Ende im Dezember durch die hohen Nachspielzeiten rund acht Spiele mehr. 

Nettospielzeit von 60 Minuten als Ziel

Schiedsrichter-Boss Pierluigi Collina kündigte bereits vor dem Beginn der Weltmeisterschaft ein Umdenken in der Berechnung der zusätzlich angehängten Spielzeit an: "Wir werden die Nachspielzeit sehr sorgfältig kalkulieren und versuchen, die Zeit auszugleichen, die durch Zwischenfälle verloren geht. Die Zeit, die durch Torjubel, Auswechslungen, Verletzungen oder Platzverweise verloren geht, soll in jedem Fall nachgespielt werden."

Das Ziel sei es, auf eine Nettospielzeit von 60 Minuten zu kommen. Das klingt wenig, doch die spanische Sportzeitung "Marca" hat im Juni analysiert, dass in den europäischen Topligen der Ball durchschnittlich nur 52 Minuten im Spiel ist.

Gespaltene Meinungen

Während Fair-Play-Befürworter die neuen Nachspielzeiten als Verbesserung sehen, um gegen Time-Wasting vorzugehen, sehen zahlreiche Fußball-Fans die Spielverlängerungen als Problem. Das Verletzungsrisiko, welches ohnehin durch den viel zu straffen Fußballkalender sehr hoch sei, nehme dadurch unnötig zu. 

Hohe Nachspielzeiten in Zukunft normal?

Alex Feuerherdt, Schiedsrichter-Experte, meinte unter anderem beim Podcast "Collinas Erben“: "Es kann gut sein, dass für uns alle die lange Nachspielzeit am Ende der WM ganz normal ist. Das kann - so wie viele andere Aspekte auch - positiv wie negativ gesehen werden, denn lange Nachspielzeiten können die Taktik des Spiels komplett verändern.“ 

Netto-Spielzeiten wie bei Eishockey?

Der frühere FIFA-Schiedsrichter Thorsten Kinhöfer hält nichts von den ausufernden Nachspielzeiten bei der WM und fordert stattdessen die Einführung der Netto-Spielzeit. In seiner Kolumne in der "Bild am Sonntag" schreibt er: "Die FIFA möchte mit den XXL-Nachspielzeiten über 60 Netto-Minuten kommen. Also empfehle ich, zweimal 30 Minuten oder 35 Minuten pro Halbzeit einzuführen." Seiner Ansicht nach sollte die Uhr wie in anderen Sportarten jedes Mal angehalten werden, wenn der Ball ruht.  "Und schon wissen alle Beteiligten, dass Schauspielerei und Zeitspielen nichts mehr nützen."

Thomas GolavcnikQuelle: Redaktion / tgo