Ukraine: Das Schweigen russischer Sportler

30. März 2022 · Lesedauer 4 min

Namhafte Sportler spielen in der Propaganda des russischen Präsidenten Wladimir Putin eine große Rolle. Aushängeschilder wie Alexander Owetschkin oder Daniil Medwedew halten sich mit Kritik am Kreml zurück, distanzieren jedoch zumindest von kriegerischen Handlungen.

Doppel-Olympiasieger Jewgeni Rylow trug auf der Bühne neben seinen Medaillen aus Tokio ein "Z" in den Nationalfarben Russlands auf seiner Brust. In nur wenigen Monaten hat sich das Publikum des Weltklasse-Schwimmers verändert: Statt Sportfans jubeln ihm nun Landsleute bei der Propaganda-Veranstaltung des Kreml im Moskauer Luschniki-Stadion zu, die anlässlich des achten Jahrestages der Krim-Annexion am 18. März und den Einmarsch in die Ukraine feiern.

Putin baut auf Sportler 

Sportliche Aushängeschilder spielen im System des Autokraten Wladimir Putin eine wichtige Rolle. Neben Rylow traten beim Propagandafest des Kreml Athleten wie Skilangläufer Alexander Bolschunow und Eiskunstläuferin Wiktorija Sinizina auf. Zur gleichen Zeit töteten russische Raketen ukrainische Zivilisten. Ob alle Auftritte freiwillig geschehen, ist fraglich. Viele Athleten dürften jetzt noch abhängiger vom Staat sein, vermuten Experten, da sich Sponsoren distanziert haben.

Vorteile von Athleten für Autokraten seien "ihre Popularität, ihr positives Image und ihre tendenzielle Abhängigkeit", sagte Politikwissenschaftler Till Müller-Schoell von der Deutschen Sporthochschule Köln. "Popularität und Image sind genau die Eigenschaften, die im günstigen Fall für Putin auf ihn übertragen werden. Die Abhängigkeit reduziert das Risiko, dass doch Kritik geübt wird."

Der Auftritt von Rylow hatte ein Nachspiel: Wegen eines möglichen Verstoßes gegen Regeln des Weltverbands (FINA) führte die Disziplinarkommission des Schwimm-Weltverbands Ermittlungen gegen ihn. Zudem verlor er seinen Sponsor Speedo. Das "Z", das er trug und "Za Pobedu" (deutsch: "Auf den Sieg") bedeuten soll, ist mittlerweile ein nationalistisches Zeichen und prangt auf den in der Ukraine agierenden russischen Militärfahrzeugen. Auch Turner Iwan Kuliak hatte mit dem Zeichen beim Weltcup in Doha für einen Eklat gesorgt.

Owetschkin unterstütze Putin im Wahlkampf 

Putin dürften diese Sympathie-Bekundungen gefallen. Gerne ließ er sich in der Vergangenheit mit Sportlerinnen und Sportlern ablichten. Auch NHL-Star Alexander Owetschkin ist auf vielen Fotos mit ihm zu finden. Die russische Eishockey-Größe hatte sich 2017 in den Wahlkampf eingeschaltet und um Unterstützung für Putin geworben. Mehrere namhafte Athleten schlossen sich damals an.

Owetschkin von den Washington Capitals hat sich für eine beliebte Taktik in den Reihen der russischen Sportler in diesem Krieg entschieden: lieber allgemeine Friedensappelle ausrufen statt den Angriffskrieg klar zu verurteilen. Der 36-jährige Russe - mittlerweile auf Rang drei der ewigen Torjägerliste in der National Hockey League (NHL) - forderte: "Bitte keinen Krieg mehr. Wir müssen in Frieden leben." Mit Kritik am Kreml hielt er sich zurück, er sei "kein Politiker".

NHL-Star Owetschkin ist nun in den Augen vieler NHL-Fans außerhalb der US-Hauptstadt eine unbeliebte Person, wird seit dem Kriegsausbruch regelmäßig ausgepfiffen. "Er ist mein Präsident", sagte er und fügte hinzu: "Ich bin nicht in der Politik. Ich bin Sportler, und wie ich schon sagte, hoffe ich, dass alles bald erledigt sein wird. Es ist im Moment eine schwierige Situation für beide Seiten."

Tennis-Stars ebenfalls zurückhaltend 

In die Friedensriege mit möglichst zurückhaltender Kritik am Kreml hat sich auch die russische Tennis-Elite begeben. Daniil Medwedew bat wenige Tage nach Kriegsbeginn um "Frieden in der Welt". Andrej Rublew schrieb in englischer Sprache "Bitte kein Krieg" auf die Linse einer Fernsehkamera.

Der ukrainische Ringer-Olympiasieger und Parlamentarier Schan Beleniuk lobte die sportübergreifenden Sanktionen gegen russische und belarussische Sportler. "Es ist gut, wenn sie zu Hause sitzen und darüber nachdenken, was hier gerade passiert. Ich weiß andererseits aber auch von belarussischen Athleten, die auf unserer Seite stehen, das öffentlich aus Angst vor Sanktionen allerdings nicht zeigen wollen", sagte Beleniuk.

Das russische Fußball-Idol Artjom Dsjuba, Sohn eines ukrainischen Vaters und einer russischen Mutter, bat darum, vorerst nicht mehr für die Nationalmannschaft nominiert zu werden. Manche interpretierten dies als zumindest leisen Protest. Wegen der Suspendierung Russlands kann die Auswahl ohnehin keine offiziellen Länderspiele derzeit bestreiten. Zuletzt spielte sie daher gegen die eigene U21. Djusbas Mannschaftskollege Fjodor Smolow veröffentlichte bei Instagram die Botschaft: "Nein zum Krieg".

Nur selten gibt es offene Gegenwehr: 44 russische Schachspieler - darunter der aufstrebende Daniil Dubow - verurteilten kurz nach Beginn des Einmarsches den Krieg in einem offenen Brief an Putin.

Quelle: Agenturen / mpa