Andy Joe

Schwuler Fußballer: "Toxische Männlichkeit ein großes Thema"

24. Juni 2022 · Lesedauer 7 min

Rund 140.000 aktive Spieler sind im Österreichischen Fußballbund laut eigenen Angaben registriert. Nur einer davon hat sich öffentlich als schwul geoutet. Oliver Egger (29) spielt in der 5. Liga beim FC Gratkorn und ist Gründer der Ombudsstelle "Fußball für alle". Im exklusiven PULS 24-Interview spricht er über seine eigenen Erfahrungen, die Doppelmoral der FIFA und über toxische Männlichkeit auf dem Rasen und der Tribüne.

"Schwuchtel." "Du Schwuler." "Da kommt der Kranke, der hat sicher schon die gesamte Mannschaft angesteckt." "Der Perverse greift mir die ganze Zeit auf den Hintern und begrapscht mich." Mit Aussagen wie diesen sieht sich Oliver Egger wöchentlich auf Österreichs Fußballplätzen konfrontiert. Er ist 29 Jahre alt und aktuell der einzige Fußballer in Österreich, der sich öffentlich als schwul geoutet hat. In seiner Jugend hat Egger für Bundesligist SK Sturm Graz gespielt. Mittlerweile ist er im Amateurfußball aktiv und verteidigt für den FC Gratkorn in der Oberliga (fünfte Leistungsstufe).

Das gesamte Interview mit Oliver Egger

2018 hat er die Ombudsstelle "Fußball für alle" ins Leben gerufen. Eine Anlaufstelle für "alle Menschen im Fußball, die aufgrund ihrer Sexualität Diskriminierung erfahren", wie es auf der Homepage heißt. Wie wichtig eine solche ist, zeigen Stadionbesuche auf der ganzen Welt. Ungarische Fans sorgten während der EM 2021 mit homophoben Sprechchören für Ärger. Rapid-Fans fielen beim letzten Derby mit homophoben Bannern auf. Den Gegner als "schwul" zu beschimpfen, gehört in Fußballstadien auf der ganzen Welt weiterhin zum "guten" Ton. Es gibt jedoch immer mehr Fangruppen, die sich aktiv gegen Homophobie im Stadion positionieren. Dass schwule Fußballer auf der ganzen Welt bei einem Outing Anfeindungen befürchten müssen, zeigen einige Beispiele aus der Vergangenheit.

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Homosexuelle Fußballer: Zerstöre Karrieren, zerstörte Leben 

Den englischen Fußballer Justin Fashanu trieb sein Outing während seiner Karriere in den 90er-Jahren in den Selbstmord. Der Fußballprofi von Nottingham Forrest wurde von seinem damaligen Trainer, Brian Clough, vor versammelter Mannschaft als "verdammte Schwuchtel" bezeichnet. Von den Rängen war der schwarze Stürmer neben rassistischen nun auch homophoben Beleidigungen ausgesetzt. Darunter litten seine sportlichen Leistungen. 

Nach seinem Outing in der englischen Boulevardzeitung "The Sun" beklagte Fashanu die mediale Vorverurteilung gegenüber seiner Person. Als ihn 1998 ein 17-Jähriger der Vergewaltigung beschuldigte, nahm sich Fashanu in seiner Garage das Leben. "Nicht immer ist die Justiz gerecht. Ich fühlte, dass ich wegen meiner Homosexualität kein faires Verfahren bekommen würde", schrieb er in seinem Abschiedsbrief. Später wurde bekannt, dass es keinen gerichtlichen Haftbefehl gegen Fashanu gegeben hat. Die Ermittlungen wurden zwischenzeitlich wegen Mangels an Beweisen eingestellt. 

Fashanu ist nur eines von mehreren Beispielen. In den 70er-Jahren hielt mit Heinz Bonn ein talentierter Nachwuchsspieler des Hamburger SV seine Homosexualität geheim - aus Angst vor Karriereschäden. Bonn verfiel in der Folge dem Alkoholismus und wurde 1991 ermordet. Der brasilianische Fußballer Vampeta (Inter Mailand, PSV Eindhoven) outete sich 2006. Seine Karriere erlitt danach einen Knick. Der deutsche Nachwuchsspieler, Marcus Urban, beendete seine Karriere mit 20 Jahren aufgrund seiner Homosexualität. Später wurde er durch die Veröffentlichung seiner Biographie "Versteckspieler" bekannt.

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Der homosexuelle brasilianische Fußballer Vampeta (l.) im Zweikampf mit dem großen Ronaldinho (r.). 

Egger: "Toxische Männlichkeit sehr großes Thema"

Mit Josh Cavallo (Adelaide United) und Jake Daniels (Leeds United) gibt es im weltweiten Profifußball aktuell lediglich zwei Spieler, die sich öffentlich geoutet haben. Man braucht kein Statistiker zu sein, um zu merken, dass diese Prozentzahl bei Weitem nicht dem Bevölkerungsdurchschnitt entspricht. Doch warum ist Homosexualität im 21. Jahrhundert im Fußball noch immer ein Tabu-Thema? "Weil toxische Männlichkeit ein sehr großes Thema ist", vermutet Oliver Egger. Nicht nur auf dem Rasen, sondern auch auf den Tribünen. Kampagnen, die auf das Thema aufmerksam machen, wie beim Thema Rassismus, gebe es laut Egger zur Zeit noch nicht und wenn dann wirken diese (noch) nicht. "Rassismus wird bestraft. Bei Homophobie passiert das oftmals noch nicht."

Die Resonanz für die Ombudsstelle "Fußball für alle" ist groß. Sieben bis acht Gespräche führt Egger im Jahr. Oftmals geht es dabei um das Thema Coming-out. "Ich merke einfach, dass die Leute froh sind, dass sie ihre Geschichte erzählen können. Ich weiß, wie das ist, wenn man Fußball spielt und schwul ist und mit niemandem darüber kann", meint Egger.

Sein persönliches Coming-out hatte er mit 22 Jahren. Negative Reaktionen gab es in seinem Umfeld keine. Freunde und Familie stärken ihm damals wie heute den Rücken. Innerhalb seines Fußballvereins ist seine sexuelle Orientierung kein Thema. Angesprochen hat er das Thema nie, stattdessen kam sein damaliger Freund bei einer Manschaftsfeier nach und "wir haben uns dann einfach angeschmust", erzählt Egger. "Ich wollte mich nicht vor die Mannschaft stellen und irgendwas erklären. Das hat von denjenigen, die hetero sind, auch nie jemand gemacht."

Erster Fußballprofi in Europa macht Homosexualität öffentlich

WM in Katar: "Doppelmoral hoch zehn"

Damit mehr Leute Eggers Beispiel folgen, bedarf es der Unterstützung von Vereinen und Verbänden. Mit dem ÖFB arbeitet der 29-Jährige zusammen. Diese Kooperation lobt Egger, auch mit der Bundesliga verläuft die Zusammenarbeit reibungslos. Weniger positive Worte hat Egger für die FIFA und speziell die WM-Vergabe an Katar übrig. "Wenn man Pressemitteilungen raushaut und herausposaunt, dass "alle bei uns willkommen sind", das Gastgeberland das aber gar nicht zulässt, ist leider schon eine Doppelmoral hoch zehn vorhanden."

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"Zuschauen wäre für mich lebensgefährlich"

Der 29-Jährige spielt auf die Menschrechtslage in Katar an. Homosexualität ist dort illegal und wird mit einer Gefängnisstrafe von bis zu sieben Jahren bestraft. Man müsse in den Stadien eine Atmosphäre schaffen, wo sich alle wohl fühlen. Das wird bei der im November startenden Weltmeisterschaft nicht gelingen. "Zuschauen wäre dort für mich lebensgefährlich", meint Egger. Dennoch findet der Fußballer positive Aspekte, an denen man anknöpfen könnte. Egger lobt einmal mehr die Anti-Diskriminierungskampagne der FIFA und würde sich wünschen, "dass diese auf Homophobie umgemünzt wird".

Lob von Egger gibt es außerdem für seinen Ex-Verein, SK Sturm Graz, der in der Fankurve explizit auf homophobe Gesänge verzichtet. Von anderen Bundesliga-Klubs wünscht sich der Steirer mehr Konsequenz. Sich in den eigenen Statuten explizit gegen Homophobie positionieren, bei Vorkommnissen im Stadion durchgreifen und Leute im Verein engagieren, denen das Thema wirklich am Herzen liegt. So können laut Egger echte Fortschritte im Kampf gegen Homophobie erzielt werden. 

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"Wenn man gegen Homophobie ist, ist man nicht politisch"

Oliver Egger

Domino-Effekt durch Cavallo und Daniels?

Die Outings von Josh Cavallo (Oktober 2021) und Jake Daniels (Mai 2022) könnten anderen Fußballer, die sich diesen Schritt bisher noch nicht getraut haben, als Vorbildwirkung dienen. In emotionalen Statements erzählten der 22-jährige Australier und der 17-jährige Engländer ihre Geschichte. Die Reaktionen fielen durchwegs positiv aus. Politiker:innen, Sportler:innen und Menschen auf der ganzen Welt gratulierten den Beiden zu dem Schritt und zeigten sich solidarisch. Allerdings gab es vereinzelt auch negative Reaktionen. Cavallo wurde beispielsweise bei einem Ligaspiel in Australien ausgepfiffen und beschimpft.

DFB und Bayern-Legende Phillip Lahm empfahl vor einem Jahr Spielern sich während der aktiven Karriere nicht zu äußern und erntete dafür viel Kritik. Angesprochen auf die Aussagen von Lahm meint Egger: "Mir ist noch nie etwas Besseres passiert als mein eigenes Coming-out." Die Situation im Profi-Fußball sei aber "natürlich noch einmal eine ganz andere Nummer".

Egger bleibt daher auch skeptisch, was weitere Outings angeht. "Es ist noch einiges an Arbeit da, die erledigt werden muss." Sein Wunsch für die Zukunft? "Zivilcourrage zeigen. Aufstehen gegen jegliche Form von Diskriminierung. Den Menschen helfen, die vielleicht einen Leidensdruck haben und im Moment nicht weiter wissen - und das nicht nur in einem Monat, sondern das ganze Jahr über." Wenn das passiert, sind vielleicht auch die Beleidigungen, mit denen sich der Fußballer Woche für Woche herumschlagen muss, Geschichte. 

Maximilian PatakQuelle: Redaktion