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Die Gefühlswelt des Gianni Infantino

19. Nov. 2022 · Lesedauer 3 min

Einen Tag vor dem Beginn der Fußball-WM in Katar schoss FIFA-Präsident Gianni Infantino mit einer bemerkenswerten Pressekonferenz den Vogel ab.

Man mag sich mitunter selbst gefragt haben, was man angesichts der Fußball-WM in Katar fühlt. Ist es legitim, sich die Spiele im Fernsehen anzuschauen oder soll man es doch lieber bleiben lassen?

Sich fühlen wie man will

Wenn man wie FIFA-Präsident Gianni Infantino fühlt, sollten die Gewissensbisse schnell verflogen sein. Er erklärte bei einer Pressekonferenz, dass er "sehr starke Gefühle" fühle. "Heute fühle ich mich als Katarer, heute fühle ich mich als Araber, heute fühle ich mich afrikanisch. Heute fühle ich mich homosexuell. Heute fühle ich mich behindert, heute fühle ich mich als Arbeitsmigrant." Dass er vergaß, sich obendrein noch als Frau zu fühlen, entschuldigte er mit einer Geste und dem Satz "Ich habe vier Töchter".

Wie fühlt man sich als Arbeitsmigrant:in?

Doch wie fühlt man sich als Arbeitsmigrant:in in Katar eigentlich? Respektiert, gutverdienend, mit geregelten Arbeitszeiten und unfallversichert wohl nur in der Welt des FIFA-Präsidenten. Denn zahlreiche Recherchen von Amnesty International zeigen die Ausbeutung von Arbeitsmigrant:innen in Katar auf.

So sollen diese gezwungen werden, bis zur völligen Erschöpfung zu arbeiten - die Maximalarbeitszeit wird oftmals nicht eingehalten. Gehälter werden zum Teil nicht ausbezahlt, Arbeitgebende üben ein "übermäßiges Maß an Kontrolle über die Arbeitsmigrant:innen und ihren rechtlichen Status" aus. Und da es diesen nicht erlaubt ist, Gewerkschaften beizutreten, können sie nicht einmal für ihre Rechte kämpfen.

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Doch Obacht, Arbeiter:innen dürfen sich keineswegs beschweren - alle kümmern sich doch um sie. "Wer kümmert sich um die Arbeiter? Wer? Die FIFA macht das, der Fußball macht das, die WM macht das - und, um gerecht zu sein, Katar macht es auch", so Infantino.

Die Rede von Infantino brachte ihm jedenfalls eine Menge Spott und Häme ein. "Schamlos, hirnlos und erstaunlich unsensibel", nannte ein Twitter-User die Aussagen des FIFA-Präsidenten.

"Krass und ungeschickt"

Auch die Menschenrechtsorganisation Fairsquare kritisierte Infantinos Auftritt am Tag vor dem WM-Anpfiff. Die Äußerungen des FIFA-Chefs „waren ebenso krass wie ungeschickt und lassen darauf schließen, dass der FIFA-Präsident seine Argumente direkt von den katarischen Behörden erhält“, zitierte das Nachrichtenportal 20min Fairsquare-Direktor Nicholas McGeehan.

Für Sportjournalist Henry Winter lebt Infantino "in einer Blase, verwandelt sich zu Blatter, stellt sich selbst und das Spiel bloß."

Der Aussage, dass sich die Europäer:innen für das, was sie "in den vergangenen 3.000 Jahren weltweit gemacht haben" "die nächsten 3.000 Jahre entschuldigen" sollten, "bevor wir anfangen, moralische Ratschläge an andere zu verteilen", könnte man vielleicht beipflichten. Das macht die Sache aber auch nicht besser.

Maximilian SperaQuelle: Redaktion / msp