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Expertin: Transgender-Regeln im Spitzensport nicht ernstzunehmend

13. Juli 2022 · Lesedauer 4 min

Welt-Sportverbände schließen Trans-Frauen von reinen Frauenbewerben aus. Laut der "fairplay"-Antidiskriminierungsbeauftragen Nikola Staritz sei das nur in manchen Sportarten gerechtfertigt und auch dort zu kurz gedacht. Sie macht sich auch Sorgen um die Auswirkungen dieser Entscheidungen auf den Breitensport in Österreich.

Das olympische Komitee IOC überlässt es den Weltverbänden, die Regeln für transidente Athlet:innen selbst anzupassen. Der Schwimmverband will eine eigene Kategorie einführen, die FIFA will sich mit Expert:innen beraten, das Medienecho ist enorm. Die Antidiskriminierungsbeauftrage der österreichischen Initiative "fairplay" sieht die Entwicklungen zwiespältig. Das Potential ist hoch, aber die Verbände denken die Ideen nicht zu Ende, sagt Nikola Staritz.

Einzelfälle von Trans-Frauen - und es seien immer Trans-Frauen, kritisiert Staritz - sorgten in den vergangenen Wochen für Schlagzeilen. Lia Thomas zum Beispiel, von der Uni Pennsylvania, holte als erste Transgender-Athletin den US-College-Meistertitel. Mitte Juni stimmten fast drei Viertel der Verbände im Schwimm-Weltverband FINA, Transgender-Sportlerinnen an Frauenbewerben nicht mehr teilnehmen zu lassen. Eine Arbeitsgruppe soll eine "offene Kategorie" aus der Traufe heben, in der auch internationale Meisterschaften ausgetragen werden können. 

"Offene Kategorie" nicht ernstzunehmend

"Ich kann mir nicht vorstellen, dass das eine Kategorie sein könnte, die ernst genommen wird, wo sich Leute drin wohl fühlen", so Staritz. Das fange schon beim Namen an. Trans-Frauen definieren sich als Frauen, wie solle man diese offene Kategorie also nennen? Sich Gedanken zu machen, sei begrüßenswert, aber es gebe keine einfache Lösung. Der Spitzensport sei "ein extrem binäres System, das davon ausgeht, dass es ganz eindeutig Männer und Frauen gibt. Gleichzeitig leben wir in einer Welt, wo das nicht so eindeutig ist."

Leistungs-Kategorien statt Aufteilung in Frauen und Männer

In manchen Sport-Arten, in denen es besonders um Kraft geht, sehe die Diskriminierungs-Beauftrage ein, dass man Unterschiede machen müsse. Aber man müsse diese Neu-Kategorisierung noch zu Ende denken. "Es gibt ja auch Verbände, die generell sagen, sie machen Leistungskategorien." Im Eiskunstlauf zum Beispiel geschehe das bereits. Beim Schwimmen hieße das, dass nach Zeiten eingeteilt werden würde.

"Wenn man alles so weiterführt wir bisher und dann einfach nur irgendwas dazunimmt für alle, die halt nicht reinpassen, dann wird das, denke ich, nicht funktionieren. Man muss das System an sich auch hinterfragen, wenn man will, dass es funktioniert."

Fußball: Vorgehen unverständlich

Bei anderen Sportarten wie dem Fußball, versteht Staritz nicht, warum es so ein großes Thema ist. Die Anforderungen an die Athletik seien nicht so stark, es handle sich um einen Teamsport und es gehe auch um die Taktik in der Gruppe. Die FIFA überarbeitet derzeit ihr Reglement zur Geschlechtergerechtigkeit.  "Ich weiß nicht, was ihr Handlungsdruck ist, warum sie das jetzt angehen und was ihre Perspektive ist."

Breitensport: Alle sollten willkommen sein

Fatal bei dieser Debatte sei auch die Rückwirkung auf den Breitensport. Dort sollte eine Unterscheidung nämlich gar kein Thema sein. "Da gibt es kein Primat der Leistung, da ist das Primat, dass möglichst alle breit teilhaben. Mir fehlt der Bezug, dass Inklusion das oberste Prinzip ist. Man sollte auch bei der Wortwahl ein bisschen über den Tellerrand schauen. Man sollte mehr betonen, dass alle willkommen sind.

"Falsche Zurückhaltung" in Österreich

Gerade in Österreich gebe es "eine allgemeine Scheu, etwas anzugehen. Man wartet immer, bis der Druck so groß wird, dass man etwas angehen muss." Staritz wünscht sich ein positives Zeichen für mehr Inklusion. Es herrsche "falsche Zurückhaltung" und das sei für den Breitensport ein fatales Zeichen für schwule Männer, in manchen Sportarten lesbische Frauen und für Transidente sowieso. "Da legt sich der Sport selbst ein Ei. Alle klagen über Nachwuchsprobleme. Ich versteh nicht, warum da nichts kommt."

Marianne LamplQuelle: Redaktion / lam