APA - Austria Presse Agentur

Zehn Tote bei Angriff auf Minenräumer in Afghanistan

09. Juni 2021 · Lesedauer 4 min

Die Gewalt in Afghanistan eskaliert weiter. Bei einem Angriff Unbekannter auf Minenräumer der britisch-amerikanischen Organisation Halo Trust sind zehn Menschen ums Leben gekommen. 16 weitere seien verletzt worden, bestätigte Halo Trust am Mittwoch in einer Erklärung. Die militant-islamistischen Taliban eroberten zugleich einen weiteren Bezirk in dem Land. Es ist der mittlerweile zwölfte seit Beginn des Abzugs der internationalen Truppen aus dem Krisenland.

Laut Halo Trust war eine "unbekannte, bewaffnete Gruppe" am Dienstagabend (Ortszeit) in ein Camp mit rund 110 Minenräumern in der Provinz Baghlan im Norden des Landes eingedrungen und hatte das Feuer eröffnet. Noch kurz zuvor hatten die Minenarbeiter auf nahe gelegenen Minenfeldern gearbeitet.

Die IS-Terrormiliz bekannte sich zu dem Angriff. "Soldaten des Kalifats" hätten mit Maschinengewehren das Feuer auf die Minenräumer eröffnet, teilte die Organisation auf ihrer Plattform Nashir News mit. Mehr als 60 Menschen seien dabei getötet oder verletzt worden. Die Angreifer hätten auch Geräte und Ausrüstung mitgenommen.

Das afghanische Innenministerium beschuldigte die militant-islamistischen Taliban. Die Islamisten erklärten auf Twitter, sie hätten mit dem Vorfall nichts zu tun.

"Wir verurteilen den Angriff auf unsere Mitarbeiter auf das Schärfste", hieß es in der Erklärung von Halo Trust. Sie hätten humanitäre Arbeit geleistet, um Leben zu retten. Man konzentriere sich nun darauf, sich um die Verletzten zu kümmern und die betroffenen Familien zu unterstützen.

In der Vergangenheit waren Mitarbeiter von Halo Trust in Afghanistan mehrmals von Unbekannten für kurze Zeit verschleppt worden. Der Webseite der Wohltätigkeitsorganisation zufolge arbeiten 2.600 Mitarbeiter für Halo Trust in Afghanistan. Das Programm der Minenräumorganisation in dem Land werde vollständig von Afghanen geführt. Seit 1988 zerstöre man Minen und andere explosive Gegenstände in dem Land.

In Afghanistan werden immer wieder Nichtregierungsorganisationen und Hilfsprojekte angegriffen. 2020 wurden nach Angaben der Nichtregierungsorganisation Inso 180 Vorfälle mit NGOs in Afghanistan registriert. Dabei wurden 14 Mitarbeiter getötet, 27 verletzt und 42 entführt.

Seit dem offiziellen Beginn des Abzugs der internationalen Truppen am 1. Mai hat sich die Sicherheitslage in dem Land noch einmal verschlechtert. Die Taliban konnten am Dienstagabend (Ortszeit) erneut einen Bezirk erobern, den mittlerweile zwölften seit Anfang Mai. Afghanistan ist in 34 Provinzen und rund 400 Bezirke unterteilt.

Die Sicherheitskräfte hätten den Distrikt Jawand in der Provinz Badghis im Norden des Landes nach mehrtägigen heftigen Gefechten verlassen, bestätigten Provinzräte am Mittwoch. Spezialkräfte seien dorthin verlegt worden, hätten aber nichts mehr ausrichten können. Schließlich seien die Kräfte per Helikopter evakuiert worden. Auch der Bezirk Chah Ab in der Provinz Takhar im Norden des Landes stehe kurz vor dem Fall, sagten lokale Behördenvertreter. Aus anderen Landesteilen wurden ebenfalls schwere Gefechte gemeldet.

Hunderte Sicherheitskräfte kamen in den vergangenen Wochen in Afghanistan ums Leben oder wurden verletzt. Täglich werden auch Zivilisten Opfer des Konflikts. Neben den Taliban ist auch die Terrormiliz Islamischer Staat in dem Land aktiv. Die Friedensgespräche treten weiter auf der Stelle.

Die Grünen-Sprecherin für Außenpolitik und Menschenrechte, Ewa Ernst-Dziedzic, drängt unterdessen angesichts der Gewalteskalation in Afghanistan auf eine Überprüfung von Österreichs Abschiebepraxis. "Ein Staat, der sich zu den Menschenrechten bekennt, darf keine Abschiebung vornehmen, die für die Betroffenen den Tod, Folter, Verfolgung oder andere Arten unmenschlicher Behandlungen bedeuten kann", betonte Ernst-Dziedzic am Mittwoch in einer Aussendung: "Für mich ist klar: Afghanistan ist nicht sicher und wird zudem aktuell unsicherer, die bisherige Abschiebepraxis dorthin ist daher dringend zu überprüfen." Selbst Hilfsorganisationen würden regelmäßig attackiert "und können daher keine Projekte mehr durchführen", betonte die Grüne Abgeordnete mit Verweis auf den Angriff auf einen Minenräumtrupp.

Eine aktuelle Studie der Sozialwissenschaftlerin Friederike Stahlmann belege zudem, dass 90 Prozent der Afghanistan-Rückkehrer mit Repressalien konfrontiert sind. "Zahlreiche Erfahrungsberichte von Betroffenen zeigen, dass Rückkehrer von den Taliban als Feinde verfolgt werden und das allein deshalb, weil sie in Europa waren und daher als verwestlicht gelten", so Ernst-Dziedzic.

Deutschland nahm unterdessen am Mittwoch seine Abschiebeflüge nach Afghanistan nach einem Monat Pause wieder auf. Eine Maschine mit 42 abgeschobenen Männern traf landete in der Früh in der Hauptstadt Kabul, wie Beamte am Flughafen der dpa sagten. Es war die 39. Sammelabschiebung aus Deutschland seit dem ersten derartigen Flug im Dezember 2016. Damit haben Bund und Länder bisher 1.077 Männer nach Afghanistan zurückgebracht.

Claudia Roth, Abgeordnete der Grünen im Deutschen Bundestag, sagte angesichts des Abschiebeflugs es sei "zynisch und absolut unverantwortlich", an den Abschiebungen festzuhalten, während die Taliban nahezu täglich neue Gebiete eroberten und jedem Widerstand mit Hinrichtungen begegneten. Zudem grassiere die Corona-Pandemie in dem Land. Roth forderte Innenminister Horst Seehofer dazu auf, Abschiebungen nach Afghanistan gänzlich einzustellen. Seehofer nehme die Gefahr für Leib und Leben dieser Menschen billigend in Kauf.

Quelle: Agenturen