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"Weil der Wunsch nach Freiheit so groß ist" - Wie geht es weiter im Iran?

30. Dez. 2022 · Lesedauer 4 min

"Frau, Leben, Freiheit". Seit dem Tod von Jina Mahsa Amini am 16. September hören die Iraner:innen nicht auf gegen das Mullah-Regime zu protestieren. Wie geht es nun weiter? Und wie nah ist der Traum von einem Leben in Freiheit?

Als die junge iranische Kurdin Jina Mahsa Amini vor rund drei Monaten in einem Krankenhaus im Sterben liegt, haben viele Menschen im Iran bereits einen Verdacht. Ein Foto, das die 22-Jährige mit Beatmungsschlauch und geschlossenen Augen auf einer Intensivstation in der Hauptstadt Teheran zeigt, verbreitet sich rasant. Viele Menschen gehen bereits davon aus, dass Amini nach ihrer Festnahme durch die Sittenwächter Gewalt erlitten haben muss.

"Frau, Leben, Freiheit"

Die berüchtigte Moralpolizei hatte die Studentin nur drei Tage zuvor wegen eines schlecht sitzenden Kopftuchs mitgenommen. Die junge Frau stirbt und nach ihrem Tod entladen sich Wut und Trauer in ihrer Heimatstadt Saqqez. Ausgehend von ihrer Heimat Kurdistan verbreiten sich Proteste wie ein Lauffeuer im ganzen Land.

Richtet sich der Zorn zu Beginn noch gegen die islamischen Kleidungsvorschriften, entwickeln sich die Demonstrationen zu einem Belastungstest für das gesamte politische System der Islamischen Republik. Die Führung in Teheran befindet sich seitdem in der schwersten politischen Krise seit Jahrzehnten, mit ungewissem Ausgang.

"Frau, Leben, Freiheit" rufen die Anhänger der Proteste  im Iran und Unterstützer der Bewegung im Ausland.

"Weil der Wunsch nach Freiheit so groß ist"

Warum hören die Proteste im Iran nicht auf? "Weil der Wunsch nach Freiheit so groß ist", meint Juristin Shoura Hashemi im PULS 24 Interview.

Es sei eine sehr junge Generation, die den Protest antreibt. Diese würde sich immer wieder neu organisieren und sich neue Protestformen überlegen, so Hashemi. Auch die bereits vollzogenen Hinrichtungen würden die Protestierenden nicht aufhalten.

Aber auch die ältere Generation "spielt mittlerweile eine immer größere Rolle". Die vorangegangene Generation würde sich den Protesten in Form von Streiks anschließen.

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Hashemi: "Weil der Wunsch nach Freiheit so groß ist"

18.000 Demonstranten verhaftet, 445 getötet

Bei den Massenprotesten im Iran sind nach Einschätzungen von Menschenrechtler:innen bisher mindestens 445 Demonstranten getötet worden. Unter den Toten seien auch 63 Kinder, berichtete die Organisation Human Rights Activists News Agency (HRANA) im November.

Nach Angaben von Menschenrechtsorganisationen wurden bisher mindestens 18.000 Protestierende festgenommen. Meist wird ihnen von den Behörden eine Teilnahme an illegalen Demonstrationen, Unruhestiftung oder Gefährdung der nationalen Sicherheit vorgeworfen. Mindestens 400 Demonstrant:innen sollen bisher zu Haftstrafen verurteilt worden sein.

Hinrichtungen schrecken nicht ab

Derzeit droht mindestens 24 Demonstrant:innen die Todesstrafe wegen ihrer Beteiligung an den systemkritischen Protesten. Zwei Hinrichtungen wurden bereits durchgeführt, was im In- und Ausland für Entsetzen und Empörung sorgte.

Selbst die Hinrichtungen werden die Iraner:innen nicht daran hintern für ihre Freiheit zu kämpfen, schätzt auch die Bloggerin und freie Journalistin Mina Khani ein. Hinrichtungen seien "überhaupt nichts Neues" für die Bevölkerung.  Neu für die iranische Bevölkerung sei vielmehr die Erkenntnis, dass der Wunsch, den iranischen Staat zu stürzen, ein vielverbreiteter Gedanke ist. 

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Khani: Hinrichtungen schrecken Protestierende nicht ab

Staat stürzen - "Realistischer denn je"

Mehr als 40 Jahre nach der Islamischen Revolution verteidigt die politische Führung in Teheran ihren eisernen Kurs. Worte der Versöhnung sind nicht zu hören, während der internationale Druck wegen des gewaltsamen Vorgehens auf Teheran steigt. Vor allem die Unzufriedenheit und Ablehnung der jungen Generation hätten den Staatsapparat überrumpelt, meinen Beobachter:innen.

Die Idee, das iranische Regime zu stürzen, sei "realistischer denn je", meint Khani gegenüber PULS 24. Es dauere und es sei "ein Marathon", weil es zu einer revolutionären Bewegung dazugehöre, sich weiter zu entwickeln. Die Bevölkerung wisse aber mittlerweile, "wie viel Kraft da ist".  Im Iran sei man um einiges weiter als noch vor drei Monaten. Dass der Staat gestürzt werden muss, sei schon eine "sehr etablierte Idee". Nun diskutiere man darüber, wie man den Protest im nächsten Jahr organisieren will und welche weiteren Schritte unternommen werden sollen. 

Die iranische Bevölkerung kämpfe nach dem Motto: "Wir haben zu viel gegeben, um aufzuhören. Wir müssen diesen Kampf gewinnen", so Khani. 

Dijana DjordjevicQuelle: Agenturen / Redaktion / ddj