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Iran-Proteste: Warum es für Demonstranten und Regime um mehr als das Kopftuch geht

07. Okt. 2022 · Lesedauer 4 min

Nach dem Tod der jungen Kurdin Jina Amiri kommt es im ganzen Iran zu Protesten. Die Protestierenden fordern mehr als die Aufhebung von Kleidervorschriften - sie wollen das Ende der Diktatur.

Der Iran kommt seit Wochen nicht zur Ruhe. Seit dem Tod der 22-jährigen Kurdin Jina Mahsa Amini gibt es Proteste im ganzen Land. Die Protiestierenden fordern dabei nicht nur die Aufhebung der Kopftuchpflicht, sondern rütteln an dem Fundament der islamischen Republik. So sieht das auch die Autorin Tyma Kraitt. "Die Protestierenden stellen die Systemfrage", erklärt sie im Gespräch mit PULS 24.

Jina bedeutend auf Deutsch "Leben" oder "lebensspendend". Er passt wie kaum ein anderer auf die Bewegung, die der Tod der jungen Frau auslöste. Jina Amini starb am 16. September in Polizeigewahrsam, sie wurde sie von der iranischen Sittenpolizei getötet, weil sie ihr Kopftuch nicht richtig getragen haben soll.

Das Wort "Leben" steckt auch im Protestruf der Bewegung: "Jin – Jiyan – Azadî" (Frau – Leben – Freiheit). Der Spruch stammt aus der kurdischen Bewegung und fordert nichts weniger als die Befreiung aller Frauen. Kurd:innen sind in der Türkei, in Syrien, im Irak und im Iran eine bedeutende und oft verfolgte Minderheit.  "Sie waren die ersten, die nach Jina Mahsa Aminis Ermordung auf die Straße gingen", betont auch Tyma Kraitt. Ihre "prägende Rolle" mache die aktuellen Proteste so spannend.

Frauen-Protestbewegung

Aus den kurdischen Gebieten heraus verbreiteten sich die Demonstrationen, getragen von Frauen, über das ganze Land. Menschenrechtsorganisationen sprachen schon vor Tagen von über 100 Toten. "Es ist eine Protestbewegung, die von Frauen angeführt wird und sich gegen ein politisches System stellt, dass sie entwürdigt und entrechtet", erklärt Kraitt. "Die vielen Benachteiligungen und die ganz alltäglichen Repressalien auf der Straße sind eine Erfahrung, die sie eint."

Proteste im Iran haben eine lange und blutige Geschichte. 1979 forderten Demonstrierende unterschiedlichster Ideologien im ganzen Land das Ende der Monarchie. Die Bewegung wurde von den Islamisten gekapert und ist darum heute als "islamische Revolution" bekannt. Aufstände gegen die daraus entstandene repressive islamische Republik gab es immer wieder, sie wurden allerdings blutig niedergeschlagen. In den letzten Jahren lassen sich allerdings immer kürzere Abstände zwischen den Protestwellen feststellen. Das Regime bröckelte schon vor dem Tod von Jina.

Sanktionen, Militär und Klimakrise

So etwa 2017/18 und auch 2019, wo es ähnlich große Demonstrationen gab wie heute. Allein im Jahr 2019 starben dabei 1.500 Menschen. "Diese Proteste haben sich damals klar an der prekären sozialen Lage entzündet, die zum Teil den Sanktionen geschuldet waren, aber natürlich auch dem iranischen Regime selbst", so Kraitt. Das iranische Regime wälze die Kosten der westlichen Sanktionen und militärisches Engagement im Nahen Osten auf die eigenen Bevölkerung ab.

Auch die Klimakrise verschärft die Lage, der Iran wird immer häufiger von Dürren und anderen Naturkatastrophen heimgesucht. Erst am Mittwoch wurden 270 Menschen bei einem Erdbeben verletzt.

Der Staat reagiert nicht auf diese Herausforderungen, mehr noch: "Der herrschende Klerus ignoriert die Nöte der einfachen Bevölkerung", fasst Kraitt zusammen. Nicht mehr nur die leicht privilegierte Mittelschicht oder Studierende rufen jetzt zum Widerstand gegen das Regime auf, auch seine ehemalige Stütze, die ärmere Bevölkerung, wehrt sich.

Dabei spiele auch die Demographie eine große Rolle. "Rund 60 Prozent der Iraner:innen sind unter 30. Sie sind alle lange nach der islamischen Revolution von 1979 geboren", erklärt Kraitt. Wie jung die Protestierenden sind, zeigt sich auch auf zahlreichen Videos, in denen sogar Schülerinnen auf die Straßen gehen. In der Stadt Karaj nahe Teheran wurde ein Bildungsbeamter von Mädchen aus der Schule gedrängt. Sie bewarfen ihn mit leeren Wasserflaschen bis er sich durch ein Tor zurückzog.

In der südiranischen Stadt Shiraz blockierten Schülerinnen den Verkehr auf einer großen Straße, sie schwenken ihre Kopftücher durch die Luft und schreien "Tod dem Diktator".

Es gibt zahlreiche Videos dieser Art, in denen Frauen und Mädchen sich auflehnen. "Wir haben es mit einem feministischen Aufbegehren zu tun", erklärt Kraitt. Der Kopftuchzwang steht dabei symbolisch für die repressive System des Irans. "Den Schleier abzunehmen bedeutet im iranischen Kontext daher auch die Ablehnung eines Systems, das Frauenköpfe und Frauenkörper kontrollieren will."

Zukunft?

Die Proteste könnten langfristig zu weitgreifenden Veränderung in der Region führen. Der Iran ist ein wichtiger Player in vielen Staaten im Nahen Osten. Im Libanon oder auch im Irak, wo er dem demokratischen und sozialen Wandel im Weg steht, blicken die Menschen derzeit gebannt auf die Proteste, erklärt Kraitt: "Jede Schwächung der Mullahs bieten ihnen Spielräume, um ihre eigenen sozialen Kämpfe weiterzuführen". Jina wurde durch ihren Tod zum Symbol einer feministischen Revolution.

Magdalena BergerQuelle: Redaktion / mbe