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Venezuela-Experte: Schweigen Europas gibt Trump grünes Licht

Heute, 04:02 · Lesedauer 4 min

Der venezolanische Kriminologe und Sozialwissenschafter Andrés Antillano warnt vor den globalen Konsequenzen der US-Intervention in Venezuela. Besonders kritisch sieht er das Schweigen der europäischen Staaten. Im APA-Video-Gespräch warnt der Kriminologe und Professor der Zentraluniversität von Venezuela (UCV) vor den Folgen des ausbleibenden Protests aus Europa und skizziert die Entstehung eines "Madurismus ohne Maduro".

Für Antillano ist die mangelnde Reaktion der europäischen Regierungen auf den militärischen Angriff der USA ein Signal mit Auswirkungen, die weit über Südamerika hinausreichen. "Ich glaube, mit dem Angriff auf Venezuela wird nicht nur Kolumbien in Gefahr gebracht, sondern die gesamte westliche Hemisphäre, einschließlich Europa", so der Experte. Man sehe es an den Drohungen gegen Grönland, wie "egal Trump die NATO" ist, fügt Antillano hinzu.

Besonders kritisch bewertet er das diplomatische Schweigen: "Es ist erkennbar, dass das Schweigen in der Region und von Europa gegenüber dem Angriff auf Maduro (...) Trump grünes Licht gibt, um zu tun, was er will. Seine einzige Grenze ist nicht die internationale Legalität, sondern das, was er will."

Dass ausgerechnet die französische Rechtspopulistin Marine Le Pen den Angriff verurteilte, sorgte für Überraschung. Dass sich eine Politikerin, die laut Professor Antillano "keinesfalls einer Nähe zu Maduro verdächtig ist", als eine der wenigen europäischen Stimmen offen positionierte, unterstreicht laut dem Experten das Fehlen einer "kohärenten demokratischen Antwort des Westens."

Atmosphäre der Angst

In der venezolanischen Hauptstadt beschreibt Antillano eine "gespannte Ruhe". Die Bevölkerung lebe in einer permanenten Verunsicherung und verlasse kaum noch die Häuser. Das öffentliche Leben sei von "viel Angst und viel Bestürzung" geprägt.

Antillano sieht die Bürger in einer ausweglosen Dilemma Situation gefangen: "Die Leute wissen nicht, was passieren wird, und haben Angst. Sie haben Angst sowohl vor einem neuen Angriff als auch vor der Repression des Staates. Wir stehen mit dem Rücken zur Wand, zwischen einer autoritären Regierung und einem brutalen nordamerikanischen Militärangriff." Anzeichen für eine demokratische Besserung sieht der Experte derzeit nicht. Das Risiko bei politischen Aktivitäten bleibe extrem hoch, weshalb keine signifikante Änderung der autoritären Situation zu erwarten sei.

In der aktuellen Verschiebung an der Staatsspitze mit Delcy Rodríguez als jüngst ernannte Interimspräsidentin, sieht Antillano keinen politischen Neuanfang, sondern als strategische Anpassung. Er spricht von einer äußerlich scheinbaren Veränderung, bei der das System im Kern bestehen bleibt, um sich unter neuem Personal den US-Interessen unterzuordnen. Es etabliere sich ein "Madurismus ohne Maduro".

Erdöl als "geopolitisches Werkzeug"

Dabei gehe es der US-Administration unter Trump nicht um die Förderung der Demokratie oder die Aufarbeitung der Wahlen von 2024: "Ihn sorgt nicht die Demokratie (...), sondern sich der Ressourcen des Landes zu bemächtigen. (...) Trump bevorzugt es, mit einem Gegner zu paktieren, der ihm viel mehr Gewinn bringt als die Opposition mit Maria Machado."

Zentral für Trumps Strategie ist laut Antillano die Kontrolle über die venezolanischen Erdölreserven, wobei es weniger um den direkten Energiebedarf der USA gehe, sondern um globale Marktmacht: "Dank der Kontrolle des venezolanischen Erdöls verschafft sich Trump einen geopolitischen Hebel. Das heißt, dass es nicht so sehr das Erdöl für den Konsum als Gebrauchswert ist (...), sondern als geopolitisches Werkzeug, was Trump zu interessieren scheint." Dieser Zugriff erlaube es Washington, den Weltmarktpreis zu manipulieren, um Konkurrenten wie Russland unter Druck zu setzen oder das OPEC-Kartell zu schwächen.

Mögliche Szenarien: Ausverkauf oder nationale Einheit?

Für die kommenden Monate skizziert Antillano zwei gegensätzliche Szenarien für die Zukunft Venezuelas: Im Falle eines "Ausverkaufs" sichere die Regierung unter Rodríguez ihren Machterhalt vor allem dadurch, dass sie Washington faktisch ein "Eisernes Eroberungsrecht" über Venezuela einräume. Antillano warnt, dass die Regierung in diesem Szenario die "nationalen Reichtümer verschleudere", was das Land rechtlich und wirtschaftlich um Jahrzehnte zurückwerfen würde.

Dem stellt der Experte das Modell der "nationalen Einheit" als verfassungsmäßige Alternative gegenüber. Antillano schlägt hierfür die Bildung einer Einheitsregierung vor, die alle sozialen und politischen Kräfte Venezuelas einbeziehen müsse. Ein solcher Prozess müsse zwingend die Freilassung der politischen Gefangenen sowie die Ausrufung von Neuwahlen beinhalten. Letzteres entspreche den Vorgaben der venezolanischen Verfassung für den Fall, dass ein dauerhaftes Fehlen des Präsidenten festgestellt werde.

(Das Interview per Online-Video führte Sara Meyer/APA aus Bogotá)

Zusammenfassung
  • Der venezolanische Kriminologe Andrés Antillano kritisiert, dass das Schweigen Europas zur US-Intervention in Venezuela Trump faktisch grünes Licht für sein Vorgehen gibt.
  • In Caracas beschreibt Antillano eine Atmosphäre aus Angst und Unsicherheit, wobei die Bevölkerung zwischen staatlicher Repression und der Gefahr eines US-Militärangriffs gefangen ist.
  • Die Ernennung von Delcy Rodríguez zur Interimspräsidentin sieht Antillano als strategische Anpassung und spricht von einem 'Madurismus ohne Maduro'.
  • Antillano betont, dass für Trump weniger Demokratie als vielmehr die Kontrolle über das venezolanische Erdöl als geopolitisches Werkzeug im Vordergrund steht.
  • Für die Zukunft Venezuelas sieht Antillano zwei Szenarien: entweder einen Ausverkauf der nationalen Ressourcen an die USA oder die Bildung einer Einheitsregierung mit Freilassung politischer Gefangener und Neuwahlen.