APA/APA/AFP/FADEL SENNA

Ukrainische Kriegsgefangene tot: Kiew wirft Moskau Kriegsverbrechen vor

29. Juli 2022 · Lesedauer 4 min

Nach dem Angriff auf ein Kriegsgefangenenlager in der Ostukraine gehen die ukrainischen Geheimdienste von einer gezielten Sprengung durch russische Kräfte aus.

Es soll Dutzende Tote geben. Mit der Explosion in dem Ort Oleniwka im Gebiet Donezk habe angeblich die russische Söldnertruppe Wagner Spuren von Unterschlagung beim Bau vor einer anstehenden Inspektion verwischen wollen, hieß es in Kiew. Das russische Verteidigungsministerium in Moskau habe davon nichts gewusst.

Das Ministerium hatte zuvor der Ukraine vorgeworfen, das Lager mit den Gefangenen beschossen zu haben, was diese zurückweist. Die von Russland unterstützten Separatisten präsentierten hingegen angebliche Bruchstücke von Himars-Raketen aus US-amerikanischer Produktion. Ihnen zufolge ist die Gefangenenunterkunft gezielt von den ukrainischen Streitkräften am späten Donnerstagabend beschossen worden. Mehr als 50 Gefangene seien dabei getötet und über 100 verletzt worden. Die Angaben lassen sich nicht unabhängig prüfen.

Gefangene aus Azovstal

"Die Explosionen ereigneten sich in einem neu errichteten Gebäude, das speziell für die Gefangenen aus Azovstal hergerichtet wurde", behauptete der ukrainische Militärgeheimdienst in einer Mitteilung vom Freitag. Azovstal ist das Stahlwerk in Mariupol, in dem sich die ukrainischen Soldaten verschanzt hatten, bevor sie aufgaben und in russische Gefangenschaft kamen.

Der Inlandsgeheimdienst SBU ging ebenfalls von einer gezielten Sprengung aus und präsentierte ein angeblich abgehörtes Telefonat aus dem abtrünnigen Gebiet. "Nicht einer der Augenzeugen hat gehört, dass irgendeine Rakete zur Besserungsanstalt geflogen ist", teilte die Behörde mit. Es habe kein charakteristisches Pfeifen gegeben. Russische Behauptungen, die ukrainische Armee habe die Anstalt beschossen, seien "Lüge und Provokation".

Die Regierung in Kiew forderte die internationale Gemeinschaft auf, Russland zu einem Terrorstaat zu erklären. "Die Russen haben ein weiteres schreckliches Kriegsverbrechen verübt und das Gefängnis im besetzten Oleniwka beschossen, in dem sie ukrainische Kriegsgefangene halten", schrieb Außenminister Dmytro Kuleba am Freitag im Kurznachrichtendienst Twitter. Alle Partnerstaaten sollten diesen "brutalen Verstoß gegen das internationale Recht" hart verurteilen.

Der Chef des ukrainischen Präsidentenbüros, Andrij Jermak, schloss sich der Forderung nach einer harten internationalen Verurteilung des Angriffs an. "Das ist ein zynisches und hinterhältiges Verbrechen, das in die Geschichte unter der Bezeichnung "Terrorakt von Oleniwka" eingehen wird", teilte Jermak bei Twitter mit. Den Russen sei es egal, wen sie töten. "Für sie ist der Mord wichtig und die ständige Lüge, um die Beweise zu verbergen", meinte der 50-Jährige. Zudem forderte Jermak vom Westen Raketen mit 300 Kilometer Reichweite für bereits vorhandene Mehrfachraketenwerfer US-amerikanischen Typs.

In den Kriegsgebieten wurden indes nach Angaben ukrainischer Behörden binnen zwei Tagen mehr als ein Dutzend Zivilisten getötet und zahlreiche Menschen verletzt. Am Donnerstag seien acht Menschen getötet und 19 verletzt worden, teilte der Militärgouverneur des ostukrainischen Gebiets Donezk, Pawlo Kyrylenko, am Freitag mit. Am Freitag kamen demnach mindestens zwei Tote und sechs Verletzte hinzu.

In der östlichen Stadt Charkiw schlugen mehrere Raketen ein. Dabei seien zwei Menschen getötet und acht verletzt worden. In Mykolajiw im Süden wurde den Angaben zufolge eine Bushaltestelle getroffen. Dort starben fünf Menschen, sieben wurden verletzt. Auch in dem von russischen Truppen besetzten Teil des Gebiets Donezk gerieten Zivilisten unter Beschuss. Örtliche Medien sprachen von einem Toten und mindestens 28 Verletzten. Die Angaben zu den Opferzahlen ließen sich nicht unabhängig überprüfen.

Wagner-Söldner verantwortlich

Russische Söldner der sogenannten Wagner-Gruppe kämpfen in der Ukraine nach britischer Geheimdienst-Einschätzung in enger Abstimmung mit regulären russischen Einheiten. Den Kämpfern sei vermutlich die Verantwortung für eigene Frontabschnitte übergeben worden, wie sie sonst normale Armee-Einheiten übernehmen, teilte das Verteidigungsministerium in London mit. Die russische Armee versuche damit, ihren Mangel an Infanterie auszugleichen.

Russlands Außenminister Sergej Lawrow ist unterdessen nach eigenen Angaben bereit, seinen US-Kollegen Antony Blinken zu einem Gefangenenaustausch und zur Wiederaufnahme der ukrainischen Getreideexporte anzuhören. Man werde in den nächsten Tagen einen Termin für ein Telefonat vorschlagen, sagte Lawrow auf Reisen in der usbekischen Hauptstadt Taschkent.

Blinken hatte angekündigt, sich für die Freilassung der in Russland inhaftierten US-Basketballerin Brittney Griner und ihres wegen angeblicher Spionage verurteilten Landsmanns Paul Whelan einsetzen zu wollen. Laut Lawrow ist das Außenministerium grundsätzlich nicht für Fragen des Gefangenenaustausches zuständig. "Aber ich höre trotzdem, was er zu sagen hat." Interessant sei aus seiner Sicht auch zu erfahren, wie die USA ihre Verpflichtungen zur Umsetzung des Getreidedeals unter Schirmherrschaft der UN erfüllen wollten.

Quelle: Agenturen / Redaktion / msp