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Ukraine in Offensive: Russland evakuiert Cherson

18. Okt. 2022 · Lesedauer 5 min

Russland könnte einen Rückzug aus Cherson erwägen, die Ukraine scheint eine Offensive zur Befreiung der Stadt zu planen. Nun dürfte die Evakuierung begonnen haben.

Die russische Armee rechnet mit einem massiven ukrainischen Angriff zur Befreiung der besetzten Stadt Cherson. Bisher sei die Lage "stabil", eine mögliche Offensive habe noch nicht begonnen, sagte der Vizechef der Besatzungsverwaltung, Kirill Stremoussow, am Mittwoch der staatlichen russischen Nachrichtenagentur Tass zufolge. Man erwarte aber einen Angriff. Von der Ukraine gab es zunächst keine Angaben.

Kämpfe rund um Dnipro

Der Chef der russischen Besatzungsverwaltung von Cherson, Wladimir Saldo, kündigte die Evakuierung von Zivilisten vom rechten Dnipro-Ufer an. Saldo sprach von "etwa 50.000 bis 60.000" Menschen, die auf das linke Ufer oder nach Russland gebracht werden sollten. Dies werde etwa sechs Tage in Anspruch nehmen. Es stünden schon Boote bereit, so Saldo. Der Agentur Tass zufolge wurden die Bewohner des Gebiets bereits per SMS von den Plänen informiert. Zu Mittag hat die Evakuierung begonnen.

Cherson fiel im März - also kurz nach Beginn des russischen Angriffskriegs gegen das Nachbarland - als einzige ukrainische Gebietshauptstadt in russische Hand. Präsident Wladimir Putin verkündete im Oktober den Anschluss des Gebiets an Russland. International wird die völkerrechtswidrige Annexion nicht anerkannt. Die russischen Soldaten auf dem rechten Dnipro-Ufer gelten als weitgehend abgeschnitten. Durch Artillerietreffer seien die Übergänge über den Fluss Dnipro unpassierbar gemacht.

Ukrainische Streitkräfte sind laut der staatlich kontrollierten russischen Nachrichtenagentur RIA mit dem Versuch gescheitert, das Kernkraftwerk Saporischschja zurückzuerobern. "Der Kampf hat mehrere Stunden gedauert, mindestens drei bis dreieinhalb Stunden", zitierte RIA den von Russland eingesetzten Beamten Wladimir Rogow.

Der Beschuss von Enerhodar habe die ganze Nacht angedauert. Auch die Bezirke Krywyj Rih und Nikopol in der Region Dnipropetrowsk waren betroffen. In Enerhodar wurde das Rathaus schwer beschädigt, wie Fotos dokumentieren. Die Strom- und Wasserversorgung der Stadt sowie zahlreicher weiterer Städte und Dörfer der Region sind von der Strom- und Wasserversorgung abgeschnitten, sagte der Leiter der Militärverwaltung der Region, Valentyn Resnitschenko. Bei den Angriffen in der Region Saporischschja seien auch S-300-Raketen eingesetzt worden, die eigentlich zur Luftabwehr verwendet werden.

Selenskyj: Russlands iranische Drohnen als Bankrotterklärung

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj bezeichnete den Einsatz iranischer Drohnen durch Russland indes als Bankrotterklärung. "Der russische Hilferuf an den Iran ist die Anerkennung des militärischen und politischen Bankrotts durch den Kreml", sagte er in seiner Videoansprache am Dienstagabend. Moskau habe jahrzehntelang Milliarden Dollar in seinen militärisch-industriellen Komplex gesteckt, doch schließlich müsse es auf "ziemlich einfache Drohnen und Raketen" aus Teheran setzen.

Der Beschuss der Ukraine mit ganzen Schwärmen dieser Drohnen mache den Russen vielleicht taktisch Hoffnung. "Strategisch wird es ihnen ohnehin nicht helfen", meinte Selenskyj. Der Präsident dankte allen Angehörigen der ukrainischen Luftverteidigung, die in den vergangenen Tagen Raketen und Drohnen aus Russland abgeschossen hätten. Er lobte dabei auch das von Deutschland gelieferte Luftabwehrsystem Iris-T: "Das ist wirklich ein sehr effektives System."

Angriffe auf ukrainische Infrastruktur

Die russische Armee hat in den vergangenen Tagen verstärkt Drohnen iranischer Bauart vom Typ Shahed-136 auf die Energieversorgung der Ukraine, aber auch auf Städte abgeschossen. Dabei bestreiten sowohl Moskau wie Teheran ein Rüstungsgeschäft mit den Drohnen. Ein iranischer Außenamtssprecher sagte am Dienstag, man sei bereit, die "unbegründeten" Vorwürfe im Gespräch mit Kiew auszuräumen.

Die US-Zeitung "New York Times" berichtete indes, dass der Iran eigene Ausbildner auf die annektierte russische Halbinsel Krim geschickt hat, um dort russische Truppen mit der Drohnenflotte zu helfen. Die Ausbilder operierten von einem russischen Militärstützpunkt auf der Krim aus, wo viele der iranischen Drohnen stationiert seien, hieß es unter Berufung auf Angaben aus US-Regierungskreisen. Dem Bericht zufolge gehören die Ausbildner dem Korps der Islamischen Revolutionsgarden an, einem Teil des iranischen Militärs, der von den USA als terroristische Organisation eingestuft wird. "Es gibt zahlreiche Beweise dafür, dass iranische Drohnen für Angriffe auf ukrainische Zivilisten und militärische Ziele eingesetzt wurden, obwohl der Iran weiterhin schamlos über seine Beteiligung lügt", sagte ein Sprecher des US-Außenministeriums zu dem Bericht.

Die Drohnenangriffe sind äußerst umstritten, weil laut humanitärem Völkerrecht Direktangriffe auf die Zivilbevölkerung oder auf zivile Objekte verboten sind. Es besteht außerdem "die Pflicht, Vorsichtsmaßnahmen zu treffen, um Tote und Verwundete unter der Zivilbevölkerung und die Beschädigung ziviler Objekte zu vermeiden oder auf ein Mindestmaß zu beschränken".

Thema im UNO-Sicherheitsrat

Die Waffenlieferungen des Islamischen Gottesstaats an Russland sollen Diplomaten zufolge am Mittwoch Thema im UNO-Sicherheitsrat werden. Die USA, Großbritannien und Frankreich wollten das Thema während einer Sitzung hinter verschlossenen Türen zur Sprache bringen, heißt es. Einzelheiten werden nicht genannt.

Die Internationale Atomenergieagentur (IAEA) berichtete indes, dass weiteres Personal des ukrainischen AKW Saporischschja festgenommen worden sei. Konkret gehe es um einen stellvertretenden Leiter des AKWs und zwei weitere Mitarbeiter, teilte die UNO-Behörde am Dienstagabend in Wien mit. Während der Manager wieder freigelassen worden sei, seien die anderen noch nicht in Freiheit. Zuvor war der Chef der Anlage vorübergehend von russischer Seite festgehalten worden. Er kam Anfang Oktober wieder frei. IAEA-Chef Rafael Grossi sagte der Nachrichtenagenture Reuters, dass er demnächst wieder zu Verhandlungen über die Einrichtung einer Sicherheitszone um das von Russland besetzte größte europäische AKW reisen werde.

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Quelle: Agenturen