Achmed Sakajew

Tschetschene im Krieg: "Die Ukraine erlebt das gleiche Leid wie wir"

25. Jan. 2023 · Lesedauer 6 min

Der wohl einflussreichste tschetschenische Exil-Politiker, Achmed Sakajew, kämpft derzeit an der Seite der Ukraine gegen Russland. Er sieht darin auch einen Krieg für die Befreiung Tschetscheniens, wie er im Gespräch mit PULS 24 sagt.

Achmed Sakajew sitzt in Militärjacke in einem Büro in Kiew, als PULS 24 ihn via Skype erreicht. Er hat sich die Flaggen der Ukraine und der "tschetschenischen Republik Itschkerien" angesteckt.

Itschkeria ist der historische Name der Kaukasus-Region im Süden Russlands. Nach dem Zerfall der Sowjetunion 1991 brachen zwei blutige Kriege um das Gebiet des heutigen Tschetscheniens aus, wo der einstige Schauspieler Achmed Sakejew zunächst Kultur und später Außenminister war. Er kämpfte in beiden Kriegen. Für die Unabhängigkeit von Russland.

Heute ist er - international nicht anerkannter - Ministerpräsident im Exil. Er hat politisches Asyl in Großbritannien. Für die Unabhängigkeit Tschetscheniens, das nun vom brutalen Herrscher Ramsan Kadyrow, einem Vasallen Putins, ohne Achtung der Menschenrechte regiert wird und Teil der Russischen Föderation ist, kämpft er immer noch.

Achmed Sakajew im Skype-Interview mit PULS 24PULS 24

Er tut das in der Ukraine. Das sei für ihn selbstverständlich, wie er gegenüber PULS 24 sagt. Erst am Vorabend sei er aus der umkämpften Stadt Bachmut in Donezk zurückgekommen.

Er hatte dort eine Art Déjà-vu: "Die Ukraine erlebt das gleiche Leid wie wir", sagt er. "Die Geschichte wiederholt sich."

Er verwendet das gleiche Argument wie die Ukraine: Russland muss in der Ukraine aufgehalten werden, um andere europäische Länder zu beschützen.

Doch er geht noch weiter: Später werde man Tschetschenien befreien und Russland auch für seine Verbrechen dort, aber auch in Syrien, Moldawien, in Georgien und in Inguschetien zur Rechenschaft ziehen. "Es braucht ein zweites Nürnberg", sagt Sakajew in Anspielung auf die Kriegsverbrecherprozesse nach dem Zweiten Weltkrieg. Man habe "für die Zukunft große Pläne", dafür sei man bereit, "alles" zu geben.

Erklärung der Ukraine gibt Hoffnung

Hoffnung gibt ihm, dass das ukrainische Parlament im Oktober die tschetschenische Republik Itschkeria in einer Resolution als "vorübergehend von Russland besetztes Land" bezeichnete. So nennt die Ukraine auch jene Teile des eigenen Landes, die von Russland besetzt wurden – und die man zurückerobern will.

Rache für Unterdrückung, Kriege oder Enteignung durch Russland, das wollen nicht nur die Tschetschenen. An der Seite der Ukraine stehen mittlerweile Oppositionelle aus Belarus, Georgier und Kämpfer aus anderen Kaukasus-Gebieten und Zentralasien sowie Angehörige von russischen Minderheiten – Tataren etwa, oder Angehörige verschiedener Turkvölker. Tschetschenen und Tataren gehören zu den vielen Gruppen, die in den 1940er Jahren unter Stalin von Zwangsdeportationen betroffen waren.

Wladimir Putin und Ramsan KadyrowAPA/AFP/ITAR-TASS/VLADIMIR RODIONOV

Die Ukraine steht den Gruppierungen ambivalent gegenüber. Zu Beginn des russischen Angriffskrieges warb man gezielt um ausländische Kämpfer. Dem Ruf folgten auch Briten oder Amerikaner. Manche bringen Kampferfahrung mit.

Die Tschetschenen haben den Vorteil, teils Ukrainisch oder Russisch zu können. Der ukrainische Verteidigungsminister Olexij Resnikow sprach im Dezember von ideologischen und politischen Vorteilen, wenn ausländische Soldaten Seite an Seite mit Ukrainern für die Verteidigung europäischer Werte kämpfen würden. Es handle sich um eine "Win-Win-Situation", denn die ausländischen Kämpfer könnten im "modernen Krieg" Erfahrungen sammeln.

Andererseits könnten ihre politischen Forderungen irgendwann zum Problem für die Ukraine werden. Manch Gruppierung klagte auch schon, von der Ukraine nicht genügend Unterstützung zu bekommen oder für besonders gefährliche Einsätze genutzt zu werden.

"Wir sind genug"

Laut Sakajew aber laufe die Zusammenarbeit mit der Ukraine hervorragend. Im Juli 2022 gründete er in Kiew das "Seperate Spezialbataillon des Verteidigungsministeriums der tschetschenischen Republik Itschkeria", kurz OBON. Tschetschenische Kämpfer sind schon seit 2014 in der Ukraine. Viele von ihnen, Tschetschenen, die in der Ukraine leben, aber auch welche aus der Diaspora in Europa, schlossen sich an. Wie viele genau, das sei laut Sakajew ein "Kriegsgeheimnis", wie er zu PULS 24 sagt. Nur so viel: "Wir sind genug".

Das Bataillon ist eine der tschetschenischen Gruppen, die der Internationalen Legion der Ukraine untergeordnet sind. Die Legion wurde von der ukrainischen Regierung gegründet und wurde teilweise in die offizielle Armee eingegliedert.

"Wir haben eine Grundlage für beide Seiten gebildet", sagt Sakajew, der sich erhofft, dass die Ukraine irgendwann auch für die Befreiung Tschetscheniens kämpfen wird. Sein Bataillon und die ukrainischen Soldaten würden sich füreinander "verantwortlich" fühlen.

Unterstützung aus Österreich

Unterstützung bekommt das Bataillon auch aus Österreich: Freiwillige rund um einen tschetschenischen Kulturverein sammeln hier regelmäßig Spenden. Ob sich auch Kämpfer aus Österreich angeschlossen haben, will Sakajew nicht verraten. Österreich ist schließlich eines jener Länder, das die Teilnahme an fremden militärischen Kräften verbietet. Sogar der Verlust der Staatsbürgerschaft droht.

Dem österreichischen Verfassungsschutz (DSN), wo man ein Monitoring für ausreisewillige und tatsächlich ausgereiste "Foreign Fighter" eingerichtet hat, ist eine "einstellige Personenzahl" bekannt, die in die Ukraine gereist ist. Es würde sich um österreichische, deutsche und russische Staatsangehörige handeln. Ob sie tatsächlich an Kampfhandlungen teilgenommen haben, werde derzeit ermittelt, teilt das Innenministerium auf PULS 24 Anfrage mit. Eine systematische Rekrutierung in Österreich sei nicht zu beobachten.

Kampf "bis zum letzten Schritt"

Achmed Sakajew jedenfalls will die ukrainische Verteidigung gegen Russland weiter unterstützen. In Bachmut habe er gesehen, dass Russland immer brutaler und "ohne Rücksicht" vorgehe. Man habe es dort vor allem mit der Gruppe Wagner und mit von ihr rekrutierten Gefängnisinsassen zu tun gehabt, schildert er.

Als Russlands Präsident Boris Jeltzin und der tschetschenische Präsident Aslan Maschadow 1997 einen Friedensvertrag unterzeichneten, war Achmed Sakajew dabei.STR / POOL / AFP

Als Russlands Präsident Boris Jeltzin und der tschetschenische Präsident Aslan Maschadow 1997 einen Friedensvertrag unterzeichneten, war Achmed Sakajew dabei (hinten rechts).

Dass er dort auch auf die Truppen Kadyrows und damit auf Tschetschenen, die für Russland kämpfen, treffen kann, kommentiert Sakajew trocken: "Auch Stalin hat die Tschetschenen im Zweiten Weltkrieg schon benutzt." So mache das jetzt auch Putin. Sakajew will den Ruf der Tschetschenen nun ausbessern, in dem er die Ukraine unterstützt.

Bis Bachmut, die Ukraine und dann Tschetschenien befreit sind, dauere es noch, meint er. Aber: "Wir werden bis zum letzten Schritt kämpfen."

Zur Person:

Achmed Sakajew wurde 1959 im heutigen Kasachstan geboren. Seine Familie war unter Stalin 1944 dorthin deportiert worden. Er studierte zunächst Schauspiel in Grosny. Nach dem Zerfall der Sowjetunion 1991 erklärte sich Tschetschenien als unabhängig, was von Russland nicht akzeptiert wurde.

1994 wurde Sakajew unter Dschochar Dudajew Kulturminister der international nicht anerkannten tschetschenischen Republik Itschkerien. 1997 wurde er Außenminister. In beiden Tschetschenien-Kriegen organisierte er den Kampf der Separatisten mit.

Sakajew ging 2001 ins Exil nach London, wo er politisches Asyl erhielt. Er war Auslandsemissär des tschetschenischen Präsidenten Aslan Maschadows, der 2005 vom russischen Geheimdienst ermordet wurde. Heute gilt er als wichtigster Exil-Politiker der tschetschenischen Unabhängigkeitsbewegung.

Die Bewegung ist aber gespalten, auf den islamistischen Flügel unter Doku Umarow, der das Kaukasische Emirat ausrief, hat Sakajew keinen Einfluss. Sakajew steht für den nationalistischen, eher säkularen Teil der Bewegung. Russland sieht in ihm einen Staatsfeind. Kadyrow drohte, ihn verbrennen zu lassen.

Konstantin AuerQuelle: Redaktion / koa