Selenskyjs überlebte Attentatsversuche laut Karner "bemerkenswerte Leistung"

04. März 2022 · Lesedauer 4 min

Militärexperte und Offizier Gerald Karner beschreibt im Newsroom LIVE unter anderem, welche Spezialeinheiten den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj jagen und wie es im Falle seines Todes weitergeht.

Es sollen bereits mindestens drei missglückte Attentatsversuche auf den ukrainischen Präsidenten durch russische Spezialtruppen stattgefunden haben. "Ich denke, dass das eine der großen Enttäuschungen von Wladimir Putin war, dass es nicht gelungen ist, Selenskyj zumindest festzunehmen, wenn nicht gar, ihn auszuschalten", analysiert Militärexperte und Offizier Gerald Karner im Newsroom LIVE. Dass Selenskyj dreimal überlebt habe sei "eine bemerkenswerte Leistung des Personenschutzes".

Nachfolger schon ernannt

Sollte es gelingen, den Präsidenten auszuschalten geht Karner trotzdem nicht davon aus, dass damit der Krieg beendet wäre. Das Staatsoberhaupt habe sicher für eine Stellvertretung und einen Nachfolger gesorgt, damit die politische Leitung der Operationen der Streitkräfte "reibungslos" weitergehen könnte. Diese Person sei bereits ernannt, die Öffentlichkeit wisse derzeit aber nicht, wer das ist.

In der Ukraine seien mehrere russische Speznas-Kräfte im Einsatz, die dem russischen Militärnachrichtendienst GRU und dem Innlandsgeheimdienst FSB unterstehen, dazu kämen "offensichtlich tschetschenische Bataillone, die auch versuchen sich als Spezialeinsatzkräfte zu betätigen, vor allem im Raum Kiew" und es gäbe auch die Söldnergruppe Wagner. "Keine dieser so hochgelobten Einsatzkräfte hat es bisher vermocht, diesen Personenschutz von Selenkskyj zu knacken".   

AKW-Angriff "strategisch wichtig"

Für besondere Besorgnis im Westen sorgte in der Nacht von Donnerstag auf Freitag der russische Angriff auf das ukrainische AKW Saporischschja. "Es ist nicht das Atomkraftwerk selbst, also die Atomreaktoren angegriffen worden, es ist die Anlage als solche angegriffen und versucht worden, sie in russische Hände zu bekommen, was offenbar auch gelungen ist", erklärt Karner den Angriff. Strategisch sei das wichtig, weil damit die Energieversorgung eines Teils der Ukraine unter russischer Kontrolle sei.

Zunächst werden sich die russischen Truppen bei Angriffen auf die Südukraine konzentrieren, nimmt der Militärexperte an. Am Weg nach Kiew liege auch Saporischschja. "Da hat man die Gelegenheit einfach wahrgenommen." Grundsätzlich seien seiner Meinung nach AKWs aber nicht das Ziel der Russen. Mit der Einnahme setze man zwar nicht die Streitkräfte, aber die Zivilbevölkerung und die Politik unter Druck. Das sei ein wichtiger Faktor, wenn es um die Moral geht. Denn diese sei auf ukrainischer Seite hoch, "aber wenn die Versorgung insgesamt schwindet", wie man das aus Kiew und Charkiw höre, würde diese graduell sinken.

"Zivilbevölkerung aushungern" 

Momentan würden die Russen es noch vermeiden "sich auf den Kampf in den Städten" einzulassen, analysiert Karner. Stattdessen umschließe man diese eher und stoße weiter vor. Möglicherweise gehe es auch darum, die Zivilbevölkerung auszuhungern. Das sei neben der Energieversorgung ein weiterer Faktor.

Lawrow will in Wien "business as usual" zeigen

Am Samstag soll der russische Außenminister Lawrow nach Wien kommen. "Von unserer Seite, von der Seite des Westens ist nichts zu erwarten" von diesen Gesprächen, nimmt Karner an, "sofern Lawrow überhaupt erscheint". Für den Russen jedoch sei das Ziel, zu demonstrieren, dass "business as usual" gelte, also alles einen normalen Gang gehe. Er wolle damit zeigen, dass der Krieg in der Ukraine eine Friedensmission sei und "in Wirklichkeit ist die Weltpolitik davon ja gar nicht betroffen". Das Atomabkommen mit dem Iran, das verhandelt werden soll, sei für Russland wichtig und es wolle als Großmacht vertreten sein.

Russland wird sich bei humanitären Korridoren "nicht sehr bemühen"

Den zugesicherten humanitären Korridor zu gewährleisten sei "ganz, ganz schwierig". Charkiw habe 1,2 Millionen Einwohner, Cherson und Mariupol jeweils mehrere Hunderttausend. Beide Seiten müssten sich einig sein, wie der Korridor zu gestalten ist. Man müsse kontrollieren und die Menschen dort mit Treibstoff, Essen und Trinken versorgen. Das sei eine schwierige organisatorische Aufgabe. "Ich denke, dass man sich russischerseits nicht sehr bemühen wird", befürchtet der Offizier. Stattdessen nimmt er an, dass man versuchen werde, das den ukrainischen Streitkräften zu überlassen. Das hätte den Vorteil für die Russen, dass die Kräfte der Ukrainer gebunden werden.

Marianne LamplQuelle: Redaktion / lam