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Politik gedenkt der Opfer des Novemberpogroms

09. Nov. 2022 · Lesedauer 5 min

Am Mittwoch jährt sich zum 84. Mal das Pogrom gegen die jüdische Bevölkerung in Österreich und Deutschland in der Nacht auf den 10. November 1938. Vertreter der Republik gedachten in Wien den Opfern.

Bei der Shoah Namensmauern-Gedenkstätte im Ostarrichipark (vor der Nationalbank) gedachten am Vormittag Vertreter der Republik mit einer Kranzniederlegung den Opfern. Neben Van der Bellen und der Regierungsspitze nahmen daran auch nahezu alle Regierungsmitglieder sowie Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka (ÖVP) und Bundesratspräsidentin Korinna Schumann (SPÖ) teil. Seitens der Opposition waren SPÖ-Chefin Pamela Rendi-Wagner, FPÖ-Abgeordneter Harald Stefan und NEOS-Mandatar Helmut Brandstätter vertreten. Auch die Klubobleute von ÖVP und Grünen, August Wöginger und Sigrid Maurer, waren vor Ort, ebenso IKG-Präsident Oskar Deutsch sowie die Generalsekretärin des Nationalfonds für die Opfer des Nationalsozialismus, Hannah Lessing.

Deutsch: Antisemitismus im heutigen Österreich keinen Platz

Deutsch erinnerte in einem schriftlichen Statement daran, dass während der Novemberpogrome "allein in Wien 88 Menschen schwer verletzt und 27 Menschen ermordet" wurden, "weil sie Jüdinnen und Juden waren". "Heute bin ich froh und stolz, dass die Jugend unserer Gemeinde zusammen mit vielen Teilen der Zivilgesellschaft gemeinsam auf die Straße geht, um in der Erinnerung an die Opfer und zur Mahnung an diese Verbrechen zu zeigen, dass Antisemitismus im heutigen Österreich keinen Platz mehr haben darf - damit diese Verbrechen nie wieder geschehen."

Nehammer: "Niemals vergessen"

Bundeskanzler Nehammer sagte in einem via Twitter verbreiteten Statement, Österreich habe "eine historische Verantwortung über die unvorstellbaren Gräueltaten der Shoah". "Wir werden weiterhin entschieden gegen jede Form von Antisemitismus kämpfen und dafür sorgen, dass die Opfer niemals vergessen werden." Vizekanzler Kogler verwies auf die 64.440 Namen jüdischer Opfer aus Österreich, die auf den Gedenkmauern verzeichnet sind. "Antisemitismus, Hass und Gewalt haben in unserer Gesellschaft keinen Platz. Deshalb muss das 'Niemals vergessen' auch ein 'Niemals vergessen' bleiben."

Edtstadler: Tragen alle einen Teil der Verantwortung

Auch Verfassungsministerin Karoline Edtstadler (ÖVP) mahnte, die Erinnerung an die damaligen Verbrechen wachzuhalten: "Wir alle tragen einen Teil der Verantwortung dafür, dass diese Gräueltaten niemals in Vergessenheit geraten." Justizministerin Alma Zadic (Grüne) erklärte in einer ebenfalls via Twitter verbreiteten Kurznachricht, die Geschichte lehre, "achtsam zu sein und entschlossen gegen jede Form von Antisemitismus vorzugehen". Und Bildungsminister Martin Polaschek betonte die Bedeutung der Bildungsarbeit für die Prävention von Antisemitismus sowie die enge Zusammenarbeit mit der Israelitischen Kultusgemeinde.

"Die Geschichte lehrt uns achtsam zu sein und entschlossen gegen jede Form von Antisemitismus vorzugehen", erklärte Justizministerin Alma Zadic (Grüne) in einer via Twitter verbreiteten Kurznachricht. 

Meinl-Reisinger: 9. November sollte mehr als ein Gedenktag sein

Auch die SPÖ erklärte, dass der 9. November "für alle Zeiten" der "Markstein für das dunkelste Kapitel der österreichischen Geschichte" sei - sowie "ein bleibender Auftrag, die Erinnerung aufrecht zu erhalten und wachsam zu sein gegen Ausgrenzung, Hass, Hetze und Antisemitismus". "Niemals wieder darf Antisemitismus in unserer Gesellschaft Platz haben", so Rendi-Wagner und SPÖ-Bundesgeschäftsführer Christian Deutsch in einer Aussendung.

Deutsch verwies auf 381 Meldungen antisemitischer Vorfälle im ersten Halbjahr bei der Antisemitismus-Meldestelle der Isrealitischen Kultusgemeinde (IKG) Wien, es bestehe "klarer Handlungsbedarf" - der im Vorjahr beschlossene Aktionsplan gegen Rechtsextremismus müsse endlich vorgelegt werden.

NEOS-Klubobfrau Beate Meinl-Reisinger sagte in einer Aussendung, der 9. November müsse mehr als nur ein Gedenktag sein. "Ich sehe diesen Tag gleichzeitig als Auftrag, entschlossen gegen jede Form von Intoleranz und Ausgrenzung einzutreten. Denn jeden Tag sind wir aufs Neue gefordert, gegen Antisemitismus, Fremdenhass, Rassismus und Mobbing aufzustehen."

Weitere Gedenkveranstaltungen

Am Mittwoch fanden darüber hinaus noch weitere Gedenkveranstaltungen statt. Ebenfalls am Vormittag wurde beim Mahnmal für die österreichischen jüdischen Opfer der Shoah am Judenplatz ein Kranz niedergelegt, u.a. in Anwesenheit von Bundespräsident Van der Bellen. Im Wiener Stadttempel in der Seitenstettengasse war ein Workshop der Demokratiewerkstatt angesetzt, außerdem eine Diskussionsrunde mit Schülern und Nationalratspräsident Sobotka.

Für den Abend ist dann der "Light of Hope"-Marsch vom Heldenplatz durch die Innenstadt bis zum Judenplatz geplant.

Gezielten Auslöschung der jüdischen Bevölkerung

Damals wurden jüdische Mitbürger ermordet, ihre Geschäfte geplündert, Wohnungen verwüstet und Synagogen angezündet. Heute oft immer noch mit dem verharmlosenden Nazi-Ausdruck "Reichskristallnacht" bezeichnet, markierten die Pogrome für viele Historiker den Beginn der Shoah, der gezielten Auslöschung der jüdischen Bevölkerung. In Österreich wurden im Rahmen der Pogrome im November 1938 rund 30 Juden ermordet, 7.800 verhaftet und aus Wien rund 4.000 sofort ins Konzentrationslager Dachau deportiert, wo in Folge viele von ihnen umgebracht wurden.

Auch berichtet die Literatur von mehreren hunderten Selbstmorden alleine in Wien. Im gesamten "Deutschen Reich" wurden tausende Synagogen und Geschäfte niedergebrannt, nach offizieller damaliger Lesart 91 Personen getötet, tatsächlich wurden aber während der Pogrome weit mehr Menschen getötet. Rund 30.000 Personen wurden verhaftet.

Quelle: Agenturen