Zerstörte SynagogeDÖW Foto 08360 / Kurt Mezei

Novemberpogrom 1938: Das Grauen kam in der Nacht

09. Nov. 2022 · Lesedauer 4 min

Vor 84 Jahren brach sich Gewalt gegen Jüd:innen in Österreich und Deutschland während der Novemberpogrome Bahn.

Österreich gedenkt am 9. November der Ereignisse von 1938, der Novemberpogrome, der sogenannten "Reichskristallnacht". Die Verbrechen dieser Nacht waren die ersten Schritte auf dem Weg zum Massenmord an den europäischen und auch den Wiener Jüd:innen. Der Weg zum Holocaust fand damit seinen bitteren Anfang. 

Ermordung eines deutschen Diplomaten

Die Nationalsozialisten nahmen das Attentat des jüdischen Jugendlichen Herschel Grynszpan auf den deutschen Diplomaten Ernst von Rath in Paris zum Anlass für die sogenannte "Reichskristallnacht". Der "spontane Volkszorn", wie es die Nationalsozialisten nannten, sollte sich entladen. Tatsächlich sollten die Novemberpogrome die Enteignung bzw. sogenannte "Arisierung" der Jüd:innen, die bereits im Frühjahr 1938 begonnen hatten, fortsetzen.

HubertempelSperlings Postkartenverlag/Wien Museum

Der ehemalige Hubertempel in der Hubergasse 8 in Wien-Ottakring.

Plünderungen und Brandstiftungen

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurden sämtliche Synagogen und Bethäuser geplündert, verwüstet und in Brand gesteckt. Von insgesamt sechs Synagogen, 18 Vereinssynagogen und 78 Bethäusern blieben nur mehr Schutt und Asche übrig. An die Feuerwehren erging der Befehl, die umliegenden Häuser zu schützen und die Synagogen abbrennen zu lassen.

Einzig der Stadttempel in der Seitenstettengasse entging der vollständigen Zerstörung. Die Nationalsozialisten hatten Sorge, dass in den engen Gassen der Innenstadt das Feuer auf die benachbarten Wohngebäude überspringe könnte und sahen von einer Brandstiftung ab. Der Stadttempel ist damit die einzige noch erhaltene historische Synagoge Wiens.

Der mittlerweile verstorbene Zeitzeuge Kurt Spera verarbeitete die Nacht und wie er sie miterlebte in lyrischer Form:

"Ich seh' die Synagogen brennen;

Und Menschen um ihr Leben rennen,

Der Pöbel an Straßenecken,

Ruft 'Judenbrut, die soll verrecken!'"

 

Dann ist das grauenhafte Morden,

In Vielfalt Wirklichkeit geworden,

Darüber sprach man nicht mehr viel,

Denn Töten war ein leichtes Spiel.

 

Drum sei den Opfern ein Gedenken,

Dem wir heute Ausdruck schenken,

So wird es für uns hehrste Pflicht,

'Vergeben ja, Vergessen nicht!'"

Auch jüdische Geschäfte und Wohnungen wurden geplündert, zerstört und beschlagnahmt. Auf dem Gebiet des ehemaligen Österreich waren die Verwüstungen am schlimmsten. Zahlreiche Menschen wurden getötet, mehr als 6.500 Wiener Jüd:innen wurden verhaftet, 3.700 ins KZ Dachau gebracht.

Die Novemberpogrome bildeten den Höhepunkt eines von antisemitischen Ausschreitungen geprägten Jahres. Bereits rund um den Anschluss kam es zu Arisierungen. Besonders treffend und eindrücklich schilderte das der schweizerisch-österreichische Schriftsteller Carl Zuckmayer.

"Die Unterwelt hatte ihre Pforten aufgetan"

"An diesem Abend", schrieb Carl Zuckmayer über den 11. März 1938, "brach die Hölle los. Die Unterwelt hatte ihre Pforten aufgetan und ihre niedrigsten, scheußlichsten, unreinsten Geister losgelassen. […] Die Luft war von einem unablässig gellenden, wüsten, hysterischen Gekreische erfüllt, aus Männer- und Weiberkehlen, das tage- und nächtelang weiterschrillte. […] Was hier entfesselt wurde, hatte mit der 'Machtergreifung' in Deutschland, die nach außen hin scheinbar legal vor sich ging und von einem Teil der Bevölkerung mit Befremden, mit Skepsis oder mit einem ahnungslosen, nationalen Idealismus aufgenommen wurde, nichts mehr zu tun. Was hier entfesselt wurde, war der Aufstand des Neids, der Missgunst, der Verbitterung, der blinden böswilligen Rachsucht."

Lichtinstallation zum Novemberpogrom 1938APA/HANS PUNZ

Seit 2018 erinnern Lichtstelen an die Synagogen und Bethäuser Wiens.

Zuflucht in Großbritannien

Die Novemberpogrome führten der Weltöffentlichkeit drastisch vor Augen, dass Jüd:innen schutzlos waren. Viele Länder weigerten sich dennoch, jüdische Flüchtlinge aufzunehmen. Die britische Regierung hingegen beschloss nach den Gewaltausschreitungen, jüdische Kinder aufzunehmen. Von November 1938 bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs am 1. September 1939 konnten 10.000 jüdische Kinder Zuflucht finden. Ihre Eltern hingegen blieben zurück und meist gab es kein Wiedersehen.

Seit dem Gedenkjahr 2018 erinnern an 25 Standorten Lichtstelen in der Form eines Davidsterns des Künstlers Lukas Kaufmann an die zerstörten Synagogen und Bethäuser. Das Gedenkprojekt wurde vom Jüdischen Museum Wien in Zusammenarbeit mit der Universität für angewandte Kunst initiiert und trägt den Namen OT (hebräisch für Symbol). Sämtliche nicht mehr existierende Synagogen kann man virtuell im Jüdischen Museum in der Dorotheergasse ansehen.

Maximilian SperaQuelle: Redaktion / msp