Martin KocherAPA/ROBERT JAEGER

Medienethik: Hat die SPÖ Kocher wirklich verunglimpft?

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Die Tageszeitung "Kurier" sah in einem Werbesujet der Sozialdemokraten den Bruch einer "medienethischen Grundregel". Es ging um einen Namenswitz über den Wirtschaftsminister. Was eine Expertin und ein Experte dazu sagen.

Oft sind es die kleinen Dinge, die in den sozialen Medien große Aufregung erzeugen. Zum Beispiel, als die SPÖ am vergangenen Donnerstag einen Tweet veröffentlichte: "Sei kein Kocher! Nicht mehr arbeiten, sondern weniger arbeiten - bei vollem Lohn." Das sei die Zukunft. Die Kritik ging in Richtung von Wirtschafts- und Arbeitsminister Martin Kocher. Der Ökonom, der auf einem ÖVP-Ticket in die Regierung gekommen war, hatte sich vor drei Wochen im "Kurier" für niedrigere Sozialleistungen für Teilzeit-Arbeitskräfte ausgesprochen. Bebildert war das SPÖ-Twitter-Sujet mit einem Wasserkocher.

Der "Kurier" war es auch, der nun den SPÖ-Tweet kritisierte. Dieser sei ein "Namenswitz auf Kosten des Ministers" und eine "Verunglimpfung", hieß es am Donnerstag in einem kurzen Artikel. Es gelte in Politik und Medien die "medienethische Grundregel", Namen nicht zu verunglimpfen, schrieb die Zeitung. Thomas Walach, Chef vom Dienst für digitale Kommunikation der Bundes-SPÖ, wollte die Kritik nicht gelten lassen. Er quittierte den "Kurier"-Artikel auf seinem privaten Twitter-Account mit mehreren ironischen Kommentaren und tränenlachenden Smileys.

SPÖ-Sujet mit WasserkocherScreenshot Twitter/SPÖ

Einen Namen sucht man sich nicht aus

Was aber meint man an Journalismus-Hochschulen zu Witzen und Wortspielen mit prominenten Namen? "Der Name ist eine Eigenschaft, die man als Politiker nicht selbst verantwortet oder ändern kann. Daher sollte man dafür nicht medial einstecken müssen", sagt Thomas Wolkinger, Journalismus-Dozent an der FH Joanneum in Graz, zu PULS 24. Wortspiele mit Politiker-Namen "gelten als schlechter Stil", erklärt Wolkinger, früher selbst Journalist bei der "Kleinen Zeitung" und beim "Falter". "Dass man das im Journalismus nicht macht, ist eine tradierte Regel, sie ist aber auch nicht so wichtig, dass sie im Ehrenkodex für die österreichische Presse stünde", sagt er.

Für Daniela Süssenbacher, Studienbereichsleiterin für Journalismus und Medienmanagement an der FH Wien der WKW, sind Wortspiele mit Politikernamen "nicht zwingend ein ethisches Problem". Der SPÖ-Gag sei insofern geglückt, als "er von den Medien aufgegriffen wird", sagt Süssenbacher zu PULS 24. "Allerdings sind die weiteren Informationen des Tweets nicht wirklich klar und haben sich manchen vermutlich auch inhaltlich nicht ganz erschlossen. Die Text-Bild-Schere tut ihr Übriges. Was hat ein Wasserkocher mit Sozialleistungen zu tun?" Ähnlich lautet das Fazit von Wolkinger: "Ein Wasserkocher ist nicht despektierlich, aber das Sujet ist nicht besonders gelungen."

Internationale Beispiele

Ein Blick ins Archiv zeigt, dass das Spiel mit bekannten Namen auch bei international renommierten Medien vorkommt. Am 17. Februar 2002 veröffentlichte das deutsche Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" ein Cover mit dem Titel "Die Bush-Krieger. Amerikas Feldzug gegen das Böse". Es ging um den sich damals ankündigenden - und schließlich 2003 begonnenen - Irakkrieg.

Spiegel-Cover mit "Bush-Kriegern"DER SPIEGEL 8/2002

Das Coverbild zeigt den US-Republikaner George W. Bush als Anführer von treuen Kämpfern wie Donald Rumsfeld, Dick Cheney, Condoleezza Rice und Colin Powell. Bush machte das Wortspiel nichts aus, im Gegenteil. "Der Präsident war geschmeichelt, mit einem solchen Körper abgebildet zu werden", erzählte US-Botschafter Dan Coats später im Berlin-Büro des "Spiegel".

Im Jänner 2017 bezeichnete der "Spiegel" den damaligen SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz auf seinem Cover als "Sankt Martin". Denn Schulz schien in diesem Winter der SPD den "Glauben" an die Rückkehr ins Kanzleramt zurückzugeben. (Bei der Bundestagswahl 2017 kam es dann anders, Schulz' SPD holte nur 20,5 Prozent.)

Spiegel-Cover mit "Sankt Martin" SchulzDER SPIEGEL 5/2017

Auch das US-Magazin "Time" machte schon Wortspiele mit Namen. Am 4. Juni 2001 titelte das Nachrichtenmagazin mit "Bushwacked" und zeigte den damaligen US-Präsidenten George W. Bush. "Bushwack" lässt sich auf Deutsch frei übersetzen mit "aus dem Hinterhalt überfallen" (wörtlich: "sich durchs Dickicht schlagen"). Damals, wenige Monate vor dem Terroranschlag am 11. September, hatte der republikanische Senator Jim Jeffords angekündigt, seine Partei zu verlassen und im Senat künftig mit den Demokraten zu stimmen. Damit verloren Bushs Republikaner dort die Mehrheit.

Time-Cover mit dem Titel "Bushwhacked""Time" Magazine

Trotz solcher ausländischen Beispiele seien Wortspiele mit Namen nicht unbedingt redlich und stilvoll, meint der Grazer Journalismus-Dozent Wolkinger. "Auch gute Medienmarken sind nicht vor schlechtem Stil gefeit", sagt er.

Kocher zielte im "Kurier"-Interview vor ein paar Wochen übrigens auf Menschen ab, die "freiwillig weniger arbeiten". Inzwischen relativierte er die Aussage. Mütter mit Betreuungspflichten seien nicht gemeint, vielmehr junge Menschen ohne Betreuungspflichten und gesundheitliche Einschränkungen.

JVP gegen "Kaisers Schmarrn"

In die "Kurier"-Kritik an dem Kocher-Sujet stimmte in der Vorwoche auch die ÖVP ein. Kanzlersprecher Daniel Kosak erkannte in dem SPÖ-Tweet eine "Verunglimpfung von Namen durch eine früher staatstragende Partei".

Namenswitze sind aber auch der ÖVP nicht fremd, wie der Kärnten-Wahlkampf zeigte. Die Junge Volkspartei (JVP) in Kärnten postete am 25. Februar auf Instagram ein Video, in dem eine Pappfigur von Landeshauptmann Peter Kaiser (SPÖ) vorkam, mit dem Spruch: "Keine Lust mehr auf des Kaisers Schmarrn?" Unter diesem Motto verteilten junge Türkise in Klagenfurt Kaiserschmarrn. Neben dem Kärntner Parteinachwuchs war auch Staatssekretärin Claudia Plakolm (ÖVP) zugegen.

Junge Volkspartei hält nichts von "Kaiser-Schmarrn"Screenshot Instagram/JVP Kärnten
ribbon Zusammenfassung
  • Die Tageszeitung "Kurier" sah in einem Werbesujet der Sozialdemokraten den Bruch einer "medienethischen Grundregel".
  • Es ging um einen Namenswitz über den Wirtschaftsminister.
  • Was eine Expertin und ein Experte dazu sagen.