Stimmen aus der Diaspora
Sorge um Familien im Iran: "Für uns ist das die Hölle"
Die Massenproteste im Iran haben sich zu einem landesweiten Aufstand ausgeweitet, gegen den die iranische Führung mit harter Hand vorgeht. Die aktuelle Situation im Iran beschäftigt auch viele Menschen in Österreich, die iranische Wurzeln haben - Niloufar ist eine von ihnen.
"Die Proteste im Iran sind für mich kein isoliertes politisches Ereignis, sondern die Fortsetzung einer langen Geschichte von Repression und Unterdrückung", erzählt die 38-Jährige. Niloufar ist in Rasht, im Norden des Iran, geboren und dort aufgewachsen. Vor rund neun Jahren kam sie aufgrund eines weiterführenden Studiums nach Österreich - heute lebt sie in Wien.
Hoffnung auf "Veränderung"
Genau wie Niloufar, verfolgt auch Leyla (Name v.d. Redaktion geändert) aus Wien, die Entwicklungen im Iran mit. "Sie haben alle Hoffnung und sind motiviert, dass irgendeine Veränderung kommt", so die 31-Jährige über die Demonstrant:innen in ihrem Heimatland.
Ausgelöst wurden die Proteste in Teheran aufgrund der massiven Wirtschaftskrise und der steigenden Inflation: Die Landeswährung Rial stürzte plötzlich ab und verlor an einem Tag gut sechs Prozent an Wert. Daraufhin gingen wütende Händler:innen auf die Straße.
Die massive Unzufriedenheit der Bevölkerung hat den Fokus der Proteste jedoch verschoben: Sie richten sich nun gegen die Führung der Islamischen Republik. Wie auch bei den Demonstrationen der vergangenen Jahre fordern die Bürger:innen ein Ende der autoritären Staatsführung.
"Im Kern geht es im Iran nicht nur um einen Machtwechsel, sondern um den Bruch mit einem Kreislauf aus Gewalt, Ideologie und Ausschluss – und um den Aufbau einer Gesellschaft, in der Freiheit, soziale Gerechtigkeit und Pluralität unverhandelbar sind", betont Niloufar.
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Seit Wochen gestaltet sich der Alltag in der Diaspora schwierig. "Für uns ist das die Hölle", erzählt Pantea im Gespräch. Sie ist in der iranischen Hauptstadt Teheran geboren und kam mit fünf Jahren nach Österreich.
Niloufar, Leyla und Pantea verbindet eine große Gemeinsamkeit: Die Sorge um ihre Familien und Freund:innen im Iran.
"Geheimsprache" in Telefonaten
Ihre Sorgen sind nicht unberechtigt, denn: Der iranische Sicherheitsapparat hat das Internet für die Bevölkerung komplett abgeschaltet und die Telefonleitungen kappen lassen.
Laut Beobachter:innen soll es damit den Demonstrierenden erschwert werden, Proteste zu organisieren. Zum anderen soll die Veröffentlichung von Berichten, Fotos und Videos über die Unruhen und Repressalien unterdrückt werden.
Niloufars Mutter lebt im Iran und leidet nach einem schweren familiären Verlust an Demenz und ist daher auf ständige Betreuung angewiesen. "In normalen Zeiten verfolge ich ihren Zustand aus der Ferne über tägliche Kontakte mittels installierten Kameras. Wenn Internet und Kommunikation unterbrochen werden, bricht diese Möglichkeit vollständig weg. Für mich bedeutet das nicht nur eine politische Abschottung, sondern den Abbruch von Fürsorge und minimaler Sicherheit", so die 38-Jährige.
Das Internet ist weiterhin blockiert, die Telefonleitungen funktionieren seit Dienstag nur eingeschränkt - dennoch ein Hoffnungsschimmer für die Diaspora. Panteas Familie aus Wien konnte erstmals vor zwei Tagen ihre Verwandten in Teheran erreichen.
"Meine Tante hat meine Mama angerufen, die Verbindung war sehr schlecht, daher war es nur ein kurzes Gespräch", erzählt Pantea. "Sie haben sich nicht mal getraut genau über das Thema und die aktuelle Situation zu sprechen, da die Möglichkeit besteht, dass das Gespräch mitgehört wird von der Regierung", fuhr sie fort.
Ähnlich geht es auch Leylas Familie: "Sie hatten ein bisschen Angst da zu reden, weil mitgehört werden könnte." Leyla macht sich besonders große Sorgen, weil sich ihre Familie an den Protesten beteiligt hat.
Um sich vor Überwachung zu schützen, kommunizierte ihre Familie im Telefongespräch, wie viele andere in einer Art "Geheimsprache". Sätze wie "Ich war einkaufen" oder "Wir gehen Eis essen" stehen dabei verschlüsselt für die Teilnahme an Protesten.
Menschenrechtsorganisation: 3.428 Demonstrant:innen getötet
Die Angst ist nicht unbegründet, schließlich gingen die Behörden in den vergangenen Wochen brutal gegen die Demonstrierenden vor. Die Menschenrechtsorganisation Iran Human Rights (IHR) geht von bisher mindestens 3.428 getöteten Demonstrant:innen aus.
Mehr als 10.000 Menschen wurden demnach im Zuge der Massenproteste festgenommen. Unabhängig prüfen lassen sich diese Angaben derzeit nicht, die Dunkelziffer wird höher vermutet.
"Darüber hinaus gilt meine große Sorge den politischen Gefangenen im Iran. Erfahrungsgemäß verschärft sich in Zeiten von Protesten der Druck auf sie massiv: eingeschränkter Kontakt, fehlende medizinische Versorgung und unmenschliche Haftbedingungen, insbesondere für inhaftierte Frauen", erklärt Niloufar.
Für Niloufar, Leyla und Pantea und viele andere in der Diaspora vergeht kein Tag, ohne sich Sorgen um ihre Familie und Freund:innen zu machen.
Die Angst vor schlechten Nachrichten ist groß - Platz für Optimismus gibt es kaum: "Einerseits versuchen wir die Hoffnung zu behalten, aber andererseits machen wir uns riesige Sorgen", sagt Leyla.
Video: Proteste im Iran: Hohe Dunkelziffer bei den Todesopfern
Zusammenfassung
- Angesichts der gewaltsamen Massenproteste und der angespannten Lage im Iran richten sich aktuell die Blicke vieler Iraner:innen aus der Diaspora auf ihre Heimat.
- PULS 24 hat mit drei Iranerinnen aus Wien gesprochen und sich angehört, wie sie mit der aktuellen Situation umgehen.
