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Nahost

Wie der Iran die Golfstaaten in den Krieg zieht

Heute, 15:34 · Lesedauer 4 min

Die arabischen Golfstaaten hatten bis zuletzt noch versucht sich aus einem neuen Krieg herauszuhalten - doch nun geraten sie in die Schusslinie des Iran. Warum greift der Iran die Golfstaaten an und warum schlagen diese nicht zurück?

Der Krieg zwischen den USA und Israel mit dem Iran zieht aktuell auch die Golfstaaten mit in den Konflikt. Als Gastgeber Zehntausender US-Truppen sind sie durch ihre geografische Nähe zum Iran ein leichtes Ziel für Vergeltungsangriffe.

Bereits im Februar hatte der Iran für den Fall eines Angriffs mit "entschlossenen und angemessenen Gegenmaßnahen" gedroht. Dabei würden alle Stützpunkte, Einrichtungen und Vermögenswerte der feindlichen Streitkräfte in der Region (...) legitime Ziele darstellen", hieß es in einem Brief des iranischen Botschafters bei den Vereinten Nationen an UNO-Generalsekretär António Guterres.

Mit Hunderten Raketen und Drohnen greift der Iran seit Samstag US-Militärstützpunkte unter anderem in Bahrain, Katar, Kuwait, Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten an. 

Bewusste Provokation gegenüber den Golfstaaten?

Wie die Entwicklungen der letzten Tage gezeigt haben, greift der Iran nicht nur US-Militärstützpunkte am Golf an - sondern auch zivile und strategische Ziele in der Region.

Zur Zielscheibe der Angriffe wurden unter anderem US-Botschaften, Hotels, Flughäfen, Wohn- und Industriegebiete. Am Montag trafen iranische Drohnen ein Kraftwerk und eine Energieanlage in Katar, wie das katarische Verteidigungsministerium mitteilte.

Am gleichen Tag teilte das saudische Energieministerium mit, dass in der Ölraffinerie Ras Tanura in der östlichen Provinz des Landes ein Feuer ausgebrochen sei, nachdem zwei iranische Drohnen abgefangen worden waren und Trümmerteile heruntergefallen waren. Die beiden Länder gelten als wichtige Verbündete der USA am Persischen Golf.

Einer der Gründe, warum der Iran die zivile Infrastruktur in Nachbarländern angreift, sei, um "seine militärischen Fähigkeiten zu demonstrieren", wie Luciano Zaccara, Iran- und Golf-Analyst an der Qatar University, von "Al Jazeera" zitiert wird.

Dadurch bezwecke der Iran außerdem, die politische Botschaft zu vermitteln, dass ein Angriff auf den Iran globale Auswirkungen haben würde.

Nach dem Angriff auf die Anlagen von QatarEnergy wurde bekannt, dass die Produktion von Flüssigerdgas und verwandten Produkten eingestellt wurde. An der Börse in Amsterdam zog daraufhin der Preis für den richtungweisenden Erdgas-Terminkontrakt TTF zur Lieferung im Mai auf zuletzt 45,32 Euro je Megawattstunde (MWh) an. Das sind etwa 44 Prozent mehr als am Freitag.

"Der Iran setzt wahrscheinlich auf diesen Druck und auf die GCC-Länder, insbesondere Saudi-Arabien und Katar, die gute Beziehungen zu den Amerikanern unterhalten, um die Trump-Regierung vielleicht davon zu überzeugen, einen Rückzieher zu machen", betont der saudische Politologe Hesham Alghannam in einem Interview.

"Vorsichtige Balance" benötigt

Die Golfstaaten müssten eine "vorsichtige Balance" zwischen Abschreckung - also militärischer Stärke gegenüber dem Iran - und Zurückhaltung schaffen, sagt Ahmed al-Chusaje, politischer Berater in Bahrain, der Deutschen Presse-Agentur gegenüber. Passiv und schwach dastehen sei genauso wenig eine Option wie ein größerer Krieg auf eigenem Boden. Das möchte man vermeiden.

Es geht vor allem um einen symbolischen Faktor, der aber auch direkte wirtschaftliche Folgen hat. Länder wie Bahrain, Katar, Oman, Saudi-Arabien oder die Vereinigten Arabischen Emirate haben sich einen Ruf aufgebaut, Inseln der Stabilität zu sein in einer von vielen Konflikten geplagten Region. 

Dubai wird beispielsweise seit Jahren als sicherste Stadt der Welt beworben und profitiert davon enorm. Es geht aber auch um die vielen Tourist:innen und Investoren weltweit, die man mit dem Krieg nicht erschrecken will. Schließlich sollen diese helfen, den Umbau der stark von Öl und Gas abhängigen Wirtschaft zu finanzieren.

Großflächige Eskalation?

Militärisch hätten die Golfstaaten wohl am ehesten gemeinsam eine Chance gegen den Iran - angeführt von Saudi-Arabien, das 2024 nach Angaben des Friedensforschungsinstituts SIPRI am meisten Geld für Waffen im Nahen Osten ausgab. 

Für ihre Sicherheit setzten die Golfstaaten bisher aber vor allem auf Hilfe von außen, insbesondere vom US-Militär und dessen am Golf stationierten Truppen und Waffensysteme. 

Die Aufrüstung hatte über Jahrzehnte vor allem einen Hintergrund: die empfundene Bedrohung durch den wachsenden Einfluss Irans in der Region.

Die zahlreichen Angriffe auf ihr Ter­ri­to­ri­um werden von den Golfstaaten auf das Schärfste verurteilt, mit direkten Drohungen halten sich die Golfländer aber weitgehend zurück. 

Der Nahe Osten befindet sich jedenfalls an einem kritischen Punkt: Halten sich die Golfstaaten zurück oder riskieren sie mit Gegenschlägen einen großflächigen Konflikt? Das bleibt abzuwarten.

Video: Krieg im Iran: Wirtschaftliche Folgen in Österreich

Zusammenfassung
  • Die arabischen Golfstaaten hatten bis zuletzt noch versucht sich aus einem neuen Krieg herauszuhalten - doch nun geraten sie in die Schusslinie des Iran.
  • Warum greift der Iran seine arabischen Nachbarländer an und warum schlagen diese nicht zurück?