"Ibiza-Detektiv" Julian Hessenthaler: "Das Land hat massiv gewonnen"

17. Mai 2022 · Lesedauer 6 min

Für die einen ein Held, für die anderen ein Verbrecher: "Ibiza-Detektiv" Julian Hessenthaler hat die heimische Polit-Geschichte verändert. PULS 24 besuchte ihn im Gefängnis und sprach mit ihm über den genauen Ablauf des Drehs, was er über Heinz-Christian Strache denkt, warum er Frau Gudenus seine "Hochachtung" ausspricht und Jan Böhmermann.

Julian Hessenthaler hat die Geschichte Österreichs verändert. Das Ibiza-Video führte zum Rücktritt des ehemaligen FPÖ-Chefs Heinz-Christian Strache, zu umfassenden Korruptionsermittlungen und letzten Endes auch zum Rücktritt von ÖVP-Kanzler Sebastian Kurz. Ohne Ibiza-Video hätte es keine Ermittlungen in der Casinos-Causa gegeben, ohne die Ermittlungen keine Sicherstellung von Handys und ohne diese keine Chats. 

Der einzige, der derzeit hinter Gittern sitzt, ist Julian Hessenthaler. Er sitzt aber nicht wegen des Videos. Er wurde am 30. März 2022 nicht rechtskräftig wegen Drogenhandels und Urkundenfälschung zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt - die Berufung läuft. Nach dem Urteil sprach er im Gefängnis mit PULS 24 Chefredakteur Stefan Kaltenbrunner über die Hintergründe des Videos, seine Verurteilung und sein Bild von Heinz-Christian Strache. 

Hessenthaler würde das Ibiza-Video auf jeden Fall wieder machen, wie er sagt. Er sieht sich nun zwar nicht als "Bauernopfer", dennoch sieht er eine "politische Dimension" hinter seiner Haftstrafe. Es sei für "gewisse Kreise unannehmbar" gewesen, "dass der Hersteller des Ibiza-Videos straffrei davonkommt", sagt er.

Strache war es laut Hessenthaler gewohnt, "dass man an seinen Lippen hängt"

Was denkt Hessenthaler über Strache?

Strache hat Hessenthaler an dem besagten Abend auf Ibiza zum ersten Mal getroffen. "Strache war für mich keine Lichtgestalt", erinnert er sich heute. "Das war eine Zielperson, die dieses Haus betreten hat. Es war für mich jetzt kein sonderlicher Moment der Spannung - noch sonst was". "Ich bin in meiner beruflichen Tätigkeit mit weitaus größeren und beeindruckenden Leuten am Tisch gesessen als mit einem Herrn Strache".

Strache ist laut Hessenthaler für Politik "gänzlich ungeeignet".

Er habe vor dem Abend schon Recherchen zu Strache und Johann Gudenus angestellt gehabt, so konnte er sie nach eigenen Angaben an dem Abend "aus der Reserve" locken. Strache sei ein "kollegialer Typ", der es gewohnt gewesen sei, "dass man an seinen Lippen hängt". Auf Ibiza hätte man "genau das Gegenteil" gemacht. So habe man Strache aus seiner "Comfort-Zone" bekommen. 

"Was ihm passiert ist, ist aus seiner Sicht sicher dramatisch", sagt Hessenthaler über Strache, auf die Konsequenzen des Ibiza-Videos angesprochen. Er betont aber: "Er hat sie sich selbst zu verschulden". "Niemand hat ihn dazu gezwungen, niemand hat ihn unter Drogen gesetzt". Es habe sich auch nicht nur um einen Abend sondern um "monatelange Verhandlung" gehandelt. Er würde Strache raten, sich "mit seiner Verantwortung zu beschäftigen" und er solle "akzeptieren, dass er gezeigt hat, dass er für die Politik gänzlich ungeeignet ist". "Bei allem Respekt gegenüber allen Menschen", Mitleid habe er mit Strache nicht.

Was denkt Hessenthaler über Gudenus?

Auf die Frage, ob man die Falle nicht schon vorab hätte bemerken können, sagt Hessenthaler heute, dass man Johann Gudenus da Unrecht tue. Im Nachhinein sei das immer leicht zu sagen. Für die Personen sei es "absolut nicht offensichtlich" gewesen, obwohl "die Legende" - also die ausgedachte Falle, die Geschichte, mit der Gudenus und Strache gelockt wurden, "weit weg von perfekt" gewesen sei. Das habe Hessenthaler auch "gewurmt".

Die Situation auf Ibiza war für Gudenus laut Hessenthaler "nichts ungewöhnliches".

Gudenus habe das Geschehene aber als "absolut normal" empfunden. Mitleid sei aber auch bei Gudenus "das falsche Wort". Gudenus habe - im Gegensatz zu Strache - "den ehrenhaften Schritt gesetzt, sich zurückzuziehen". Gudenus sei "nicht einmal unsympathisch [...], wenn man von seinen politischen Einstellungen absieht". 

Ahnten Strache und Gudenus wirklich nichts?

Laut Hessentahler habe ein Treffen mit Gudenus vor dem besagten Abend gegeben, der bei ihm "einiges an Nervosität" ausgelöst habe. In einem Beach-Club habe Gudenus davon gesprochen, dass man vorsichtig sein müsse, weil sie "aus dem Kurz-Mateschitz-Umfeld" gehört hätten, dass man versuchen würde, "sie mit einer Videofalle reinzulegen". "Das war für mich natürlich in dem Moment überraschend", so der "Ibiza-Detektiv". Es sei aber zu spät gewesen, um abzubrechen. 

Gudenus konfrontierte an dem Abend auf Ibiza die vermeintliche Oligarchin, er habe sie gegoogelt und nichts gefunden. Hessenthaler selbst hatte diese Szene "nicht so wirklich auf dem Radar", wie er sagt. Man hätte das aber erklären können, sagt er. Auch Strache und Frau Gudenus haben von einer 'Falle' gesprochen während der Aufnahmen. Laut Hessenthaler sei Frau Gudenus am alarmiertesten gewesen. . "Dazu kann man hier nur Hochachtung aussprechen, offen gesagt". Man habe deshalb sogar ihre "nachrichtendienstlichen Kontakte am Balkan" überprüft.

Und das Misstrauen gegenüber den Zehen?

Straches Misstrauen sei wegen der Zehennägel der vermeintlichen Oligarchin aufgekommen. Straches Darstellung, er sei die ganze Zeit misstrauisch gewesen und habe die ganze Zeit gehen wollen, sei aber falsch, so Hessenthaler. Er könne jedenfalls "versichern, dass die Fußnägel der Oligarchin bei weitem nicht in dem Zustand waren, wie er sie darstellt". Die vermeintliche Oligarchin sei über die Aussagen Straches jedenfalls "pikiert" gewesen und habe sich über den "Schwachsinn" beschwert, sagt Hessenthaler. 

Und was passierte zwischen dem Abend und der Veröffentlichung?

Dass die Angelegenheit für ihn riskant wird, wusste Hessenthaler laut eigenen Angaben sofort. Aufgrund seiner "vorherigen Tätigkeiten" und seines "Vorlebens" habe er "nicht unbedingt Freunde" in den österreichischen Behörden, sagt er. Wegen des geringen Budgets habe er den Kontakt zu Gudenus "abrupt" abbrechen müssen - sonst würde man das langsam machen, erklärt der "Detektiv". Normalerweise würde er auch nicht dort arbeiten, wo er wohne, sagt er. Dass er auffliege, sei ihm klar gewesen.

Hessenthaler erklärt, warum Böhmermann vom Ibiza-Video wusste.

Wie kam es zum Romy-Auftritt von Böhmermann?

Spätestens nach dem Böhmermann-Auftritt bei der Romy-Gala habe er sich dann aber in westösterreichischen Bergchalets "verbunkert", sagt er. Böhmermann habe man neben "Spiegel" und "Süddeutscher Zeitung" kontaktiert, weil man auf der Suche nach dem "größten medialen Aufschlag" auch die "Pop-Culture-Schiene" erreichen wollte. Die Ansprache habe "unter Versicherung der Vertraulichkeit" stattgefunden, "die nicht eingehalten wurde, bekanntlich", kritisiert Hessenthaler: "Wäre Böhmermann nicht passiert, wäre vieles einfacher gewesen für mich". Bei "Spiegel" und "SZ" lobt Hessenthaler hingegen die "Professionalität" und die "Verschwiegenheit". 

Hessenthaler über das Ibiza-Video: "Das Land hat gewonnen".

Wie geht es mit dem "Detektiv" weiter?

Mittlerweile verbringe er sieben Jahre seines Lebens mit der Geschichte, sagt er. Da sei es illusorisch zu sagen, man gehe "in den Sonnenuntergang und bin danach - keine Ahnung - Koch". Er erfahre aber Unterstützung und wolle auf seine Grundrechte, die laut Hessenthaler in Österreicher oft "Lippenbekenntnisse" seien, kämpfen. Das Video würde er wieder machen. Das Ziel sei gewesen, "etwa anzustoßen". Es habe keine Einzelperson gewonnen, "das Land hat massiv gewonnen", ist er sich sicher.

Die Doku "Herr Strache fährt nach Ibiza – Zurück zum Ende" mit ausführlichem Interview exklusiv auf PULS 24 und in der ZAPPN App am 17. Mai um 20:15 Uhr. Im Anschluss: "3 Jahre Ibiza – Der Talk" und "3 Jahre Ibiza – Strache trifft Gudenus".

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Quelle: Redaktion / koa