APA - Austria Presse Agentur

Hanger kritisiert Justiz-"Fehlleistungen"

01. Juni 2021 · Lesedauer 5 min

Andreas Hanger, ÖVP-Fraktionsführer im Ibiza-Untersuchungsausschuss, kritisiert in einem Pressegespräch Österreichs Justiz. Laut Hanger habe es mehrere Fehlleistungen gegeben.

Der ÖVP-Fraktionsführer im Ibiza-Untersuchungsausschuss, Andreas Hanger, hat am Dienstag zwei aus seiner Sicht gegebene "Fehlleistungen" der Justiz angeprangert. Eine betrifft Oberstaatsanwalt Matthias Purkart von der Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft (WKStA), dem er "politische Befangenheit" vorwirft. Die andere betrifft eine von Hanger behauptete Falschaussage von Alt-Bürgermeister Michael Häupl (SPÖ), der die Staatsanwaltschaft nicht nachgegangen sei.

Hanger betonte in einer Pressekonferenz, dass es ihm nicht um eine pauschale Kritik an der Justiz gehe. "Wir haben ein hervorragendes Justizsystem" mit hervorragend arbeitenden Mitarbeitern, Richtern und Staatsanwälten, das internationalen Maßstäben gerecht werde. Um dieses zu erhalten, müsse es aber erlaubt sein, auf "einzelne Fehlleistungen" hinzuweisen.

Hanger unterstellt Oberstaatsanwalt Befangenheit

Als erstes Beispiel führte Hanger Oberstaatsanwalt Purkart an, der entscheide, was an den U-Ausschuss geliefert werde. Die Chatnachricht von ÖGB-Präsident Wolfgang Katzian (SPÖ) an ÖBAG-Chef Thomas Schmid mit dem Text "Jetzt next Step. Deine Bestellung und dann setzen wir das um, was wir besprochen haben" habe Purkart als nicht "abstrakt relevant" eingestuft und daher nicht an den Ausschuss übermittelt.

Hanger findet das "unglaublich" und eine "Fehlleistung". Er wirft dem Oberstaatsanwalt deshalb "politische Befangenheit" vor und fordert Justizministerin Alma Zadic (Grüne) auf, tätig zu werden. Auch die Fachaufsicht sollte sich seiner Auffassung nach mit dem Thema befassen.

Häupl habe "ganz klar die Unwahrheit gesagt"

Das zweite von Hanger genannte Beispiel betrifft eine Aussage vom Alt-Bürgermeister Häupl vor dem Untersuchungsausschuss des Gemeinderates zum Krankenhaus Nord im Jahr 2019. Dort habe Häupl zu einem Telefongespräch mit der damaligen Stadträtin Sonja Wehsely über eine mögliche Bauzeitverlängerung zunächst ausgesagt, dass er diese Frage nicht beantworte. Auf einen entsprechenden Hinweis der Vorsitzenden habe Häupl dann erklärt, dass er sich nicht erinnern könne. Für Hanger hat Häupl damit "ganz klar die Unwahrheit gesagt", keine Staatsanwaltschaft sei aber tätig geworden. Auf die Frage, ob er eine Anzeige einbringen werde, sagte der ÖVP-Abgeordnete, dass es sich dabei um ein Offizialdelikt handle und er sich von der Staatsanwaltschaft erwarte, dass diese von sich aus tätig werde.

Die Frage, ob die ÖVP einer Auslieferung ihrer Justizsprecherin Michaela Steinacker zustimmen werde, die wegen Korruptionsverdacht im Visier der WKStA steht, sagte Hanger, dass dazu noch keine Entscheidung getroffen worden sei. Dabei handle es sich um eine hochkomplexe juristische Frage. Der Immunitätsausschuss soll sich Mitte Juni mit dem Fall befassen. Zu immer wieder an die Öffentlichkeit gespielten Akten meinte der ÖVP-Abgeordnete, alle, die glauben Vorteile davon zu haben, würden Ermittlungsakten leaken. Ermittlungsakten müssten aber geheim bleiben, betonte Hanger.

Ratz: Justiz prüfe Unterlagen in beachtlichen Umfang

Die Justiz nehme "keine eigene Reihung oder Wertung" bei der Vorlage der Unterlagen an den U-Ausschuss vor, betonte die Mediensprecherin des Ministeriums, Christina Ratz, am Dienstag in einer Aussendung. Sie wies sowohl Vorwürfe, die Justiz würde die Aufklärung durch zögerliche Vorlage behindern, zurück als auch den gegenteiligen Vorwurf, die Justiz würde überschießend vorlegen. "Vielmehr handeln die Justizbehörden in Entsprechung der Entscheidung des Verfassungsgerichtshofes", verwies Ratz darauf, dass demnach alle "abstrakt relevanten" Unterlagen vorzulegen sind. Das seien deutlich mehr als jene, die strafrechtlich relevant sind. Die Justiz prüfe daher Unterlagen von beachtlichem Umfang - und lege sie in der Reihenfolge vor, die der U-Ausschuss festgelegt hat. Um dies rasch erledigen zu können, seien den Staatsanwaltschaften vom Justizministerium zusätzliche Mitarbeiter zur Verfügung gestellt worden.

Was "die Medienberichterstattung der letzten Tage" über Ermittlungen betrifft, hielt Ratz fest, dass die Staatsanwaltschaften gesetzlich zur Unabhängigkeit, Unparteilichkeit und Unvoreingenommenheit verpflichtet seien: "Wer den Staatsanwaltschaften politische Motive unterstellt, verdreht die Prinzipien des Rechtsstaats und der Strafverfolgung, wie sie im Gesetz definiert sind." Staatsanwälte seien gesetzlich verpflichtet, bei entsprechender Verdachtslage - etwa nach einer Anzeige - alle Schritte zur Aufklärung eines Sachverhalts zu setzen. Dabei würden sie alle Umstände prüfen, die gegen einen Beschuldigten sprechen, aber auch alle, die sie entlasten. "Dies geschieht ohne Ansehen der Person und gilt für die Ermittlungstätigkeit in allen gesellschaftlichen Bereichen - auch in besonders sensiblen Bereichen wie der Politik", unterstrich Ratz.

Scharfe Kritik von SPÖ und NEOS

Aus der SPÖ kam scharfe Kritik an Hanger: "Bei der türkisen Truppe fallen alle Hemmungen", empörte sich Bundesgeschäftsführer Christian Deutsch in einer Aussendung über "die Brutalität Hangers", der "einzelnen Staatsanwälten offen Befangenheit" vorwerfe. Ein "erbärmliches Ablenkungsmanöver" sei es, wenn der türkise Politiker versuche, andere Parteien und Akteure "in den türkisen Sumpf hineinzuziehen". "Die Einschüchterungsversuche auf die Justiz im Stakkato und der Druck auf einzelne Personen sind völlig inakzeptabel. Die ÖVP hält nicht nur die Justiz von ihrer eigentlichen Arbeit ab, sie gefährdet auch Rechtsstaat und Demokratie in einer Art und Weise, bei der längst eine rote Linie überschritten wurde. Mit dieser versuchten Orbanisierung muss sofort Schluss sein", meinte Justizsprecherin Selma Yildirim in einer Aussendung.

Der SPÖ-Fraktionsführer im Ibiza-Untersuchungsausschuss, Kai Jan Krainer, sagt im PULS 24 Interview, dass "das was Herr Hanger sagt, stimmt eigentlich nicht". Hanger wolle nur "ablenken" von den "staatsrechtlichen Ermittlungen" gegen seine Parteikollegen. 

Kai Jan Krainer (SPÖ) spricht im PULS 24 Interview über die Kritik an der Justiz von Andreas Hanger (ÖVP).

Auch für die NEOS ist es "inakzeptabel und besorgniserregend, dass die ÖVP nun einzelne Staatsanwälte herauspickt und ihnen politische Befangenheit unterstellt". Und: Es sei "keine politische Befangenheit, wenn man gegen die ÖVP ermittelt, es ist die Pflicht der unabhängigen Justiz, gegen die ÖVP zu ermitteln, wenn es Verdachtsmomente gegen die ÖVP gibt, stellte der stellvertretende Klubobmann Niki Scherak angesichts der "neuerlichen Attacken der ÖVP gegen die WKStA" fest.

Quelle: Agenturen