Flüchtlingskurs der Regierung "ein gefährliches Spiel mit menschlichen Schicksalen"

10. Dez 2020 · Lesedauer 2 min

Hermann Glettler, Bischof der Diözese Innsbruck, macht sich auf Lesbos selbst ein Bild von den Zuständen und ruft die Regierung zum Helfen auf.

Er wolle beim "Verdrängen oder politischen Schönreden" der Zustände auf Lesbos nicht mehr mitmachen, sagt Bischof Hermann Glettler im Interview mit PULS 24 Chronik-Chefreporterin Magdalena Punz auf Lesbos. Er macht sich dort derzeit selbst ein Bild von den Zuständen im provisorischen Flüchtlingslager von Kara Tepe.

Zur Weigerung der Bundesregierung, Menschen aufzunehmen, sagte Glettler, "zur Hilfe vor Ort gehört auch der zweite Schritt", nämlich die möglichst faire Verteilung von Flüchtlingen in Europa. Der Bischof kritisierte die Praxis, die Menschen in viel zu kleinen Lagern in unmenschlichen Bedingungen zusammenzupferchen, "um ein Signal zu geben, die Insel ist voll und es soll niemand mehr aus der Türkei herüberkommen". Das sei "ein gefährliches Spiel mit menschlichen Schicksalen". Man müsse "die Fluchtursachen bekämpfen und nicht die Flüchtenden", sagt der Bischof.

Gemeinden und Organisationen in Österreich aufnahmebereit

Die Bundesregierung in Wien ruft Glettler dazu auf, Flüchtlinge aus dem provisorischen und nicht winterfesten Lager aufzunehmen. Es gebe viele Organisationen und Gemeinden in Österreich, die den Platz und den Willen hätten, einige hundert Flüchtlinge aus Lesbos aufzunehmen. Auch in Europa gebe es die Bereitschaft, viele seien schon aufgenommen worden.

Menschenrechtsexperte ortet "Orbanisierung" Griechenlands

PULS 24 Chronik-Chefreporterin Magdalena Punz ist auf der griechischen Insel Lesbos und hat mit Christoph Riedl, Menschenrechtsexperte von der Diakonie, über die Situation in den Flüchtlingslagern gesprochen.

Der Bau eines ausreichend großen, permanenten Aufnahmelagers für rund 10.000 Flüchtlinge auf Lesbos sei bereits geplant, aber erst nächstes Jahr bezugsfertig. "Jetzt gilt es über den Winter zu kommen", sagt Glettler, doch das Lager Kara Tepe sei dafür nicht gerüstet.

Die Menschen müssen in derzeit kaum winterfesten Zelten hausen. Es mangelt an Strom, Warmwasser und Heizung. Für die rund 7.300 Flüchtlinge aus dem abgebrannten Lager Moria gibt es aktuell gerade einmal 37 Toiletten, wie ein Mitarbeiter des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR gegenüber PULS 24 berichtete.

Quelle: Redaktion / hos