APA - Austria Presse Agentur

Ex-TU-Rektor rügt Kurz: Klimaschutz braucht sehr wohl Verzicht

27. Juli 2021 · Lesedauer 3 min

Der langjährige Rektor der TU Graz , Hans Sünkel, hat den Aussagen von Kanzler Sebastian Kurz (ÖVP) zum Klimawandel energisch widersprochen. Schutz des Klimas brauche "Verzicht auf Verzichtbares".

"Die Klimaziele werden wir nur dann erreichen, wenn eine starke Forcierung von Technologie und Innovation Hand in Hand geht mit der Verhaltensänderung unserer Gesellschaft in Form von bewusstem Verzicht auf Verzichtbares", schreibt Sünkel in einem Offenen Brief an Kurz, der in der "Kleinen Zeitung" erschienen ist.

Zur Erinnerung: Kanzler Kurz äußerte sich vor rund einer Woche dahingehend, dass er die Bekämpfung des Klimawandels ohne Verzicht, etwa auf den Individualverkehr, für möglich hält. Die Frage, ob man als Politiker den Menschen heute guten Gewissens sagen kann, dass es auch ohne Verzicht gehen wird, beantwortet Kurz mit "Ja, das kann man."

"Massive Anstrengungen" erforderlich

"Als Person der Technik hat man naturgemäß ein ausgeprägtes Nahverhältnis zu Forschung und Entwicklung und somit zu Technologie und Innovation. Daher ist es für mich unbestritten, dass es massiver Anstrengungen in Technologie und Innovation braucht, um den Klimawandel in Schranken zu halten. Es ist jedoch sicher nicht der 'einzige Zugang', wie Sie das zur Klimapolitik dargestellt haben", so der frühere Vorsitzende der Universitätenkonferenz, in Richtung des Kanzlers.

Verzicht auf SUVs, exotische Lebensmittel, unnötige Flugreisen

Es gehe sehr wohl um Verzicht, und zwar auf Verzichtbares. Und die Liste des Verzichtbaren sei lang: Der Konsum von Lebensmitteln, die den halben Erdball umrunden, bevor sie in unseren Mägen landen, die steigende Nachfrage nach energiehungrigen SUVs, Kreuzfahrten mit den fossilen, marinen Monstern, der schnelle vorweihnachtliche Shoppingtrip nach New York, der Flug zum Golfspielen nach Südafrika oder zum Heli-Skiing nach Kanada. "Verhaltensmuster und Vergnügungen dieser Art halte ich jedenfalls für unbedacht, und vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Klimadebatte für verwerflich."

"Ein starker Schub in Richtung Technologie und Innovation ja, selbstverständlich, aber gleichzeitig auch ein ebenso wirksamer Verzicht auf Verzichtbares - das ist das Gebot der Stunde - klimaschonendes Verhalten fördern und gleichzeitig klimaschädigendes Verhalten durch entsprechende Rahmenbedingungen erschweren", fordert Sünkel.

"Wie bitte?"

"Und Sie, Herr Bundeskanzler, bezeichnen Verzicht salopp als 'Weg zurück in die Steinzeit'. Wie bitte? Das eine tun und das andere nicht lassen, Herr Bundeskanzler, das hat unser Zugang zur Klimapolitik zu sein und nicht eine eindimensionale Fokussierung auf Technologie und Innovation. In der Hoffnung, dass dieser verbale Ausrutscher 'Weg zurück in die Steinzeit' wohl nicht geplant, sondern in der Hitze des politischen wie auch hochsommerlichen Alltags ganz einfach passiert ist, empfehle ich dringend eine Klarstellung gegenüber unserer Bevölkerung und ein gekonntes Zurück zum Bild eines zukunftsorientierten 'Green Tech"-Kanzlers", richtet Sünkel klare Worte an den Kanzler.

Maurer widerspricht Kurz-Warnung zu "Klimalockdown"

Auf Unverständnis stießen die Aussagen von Kanzler Kurz auch beim Grünen Koalitionspartner. Nachdem er in einem Interview Klimalockdowns, "die manche gerne hätten" erwähnte, kam die Retourkutsche am Montag von Klubchefin Sigi Maurer. "Ich verstehe nicht ganz, wovon der Kanzler hier spricht. Niemand fordert solche absurden Dinge", widersprach ihm die Grüne.

Es gehe um einen Ausbau von Mobilität und um Veränderung hin zu mehr Elektrizität statt "stinkender Autos". Sie stellte sich auch hinter Ministerin Leonore Gewesslers (Grüne) Entscheidung, die Straßenbauprojekte der Asfinag vorerst auf Eis zu legen, um sie neu zu evaluieren. 

Kogler widerspricht Kurz bei Klimafragen

Quelle: Agenturen