Infektiologe Wenisch: Aus medizinischer Sicht sollte Weihnachten abgesagt sein

22. Dez 2020 · Lesedauer 6 min

Rudolf Anschober, Christoph Wenisch, Alexander Schallenberg, Sigrid Maurer und August Wöginger stellten sich zum Jahresabschluss den Fragen von Corinna Milborn.

PULS 24 Infochefin Corinna Milborn lud am Montagabend zum großen Jahresrückblick mit Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne), Infektiologe Christoph Wenisch, Außenminister Alexander Schallenberg (ÖVP) und die beiden Klubobleute Sigrid Maurer (Grüne) und August Wöginger (ÖVP).

Christoph Wenisch: Impfstoff-Zulassung "für mich ein Freudentag"

Für den Infektiologen Wenisch war das wichtigste Learning, dass man das Blut verdünnen muss. Das sei die beste Therapie. Das Beatmen hingegen war ein Riesenfehler und daran sind viele Menschen gestorben. Die nicht-invasive Beatmung funktioniert und hilft. Auf die Impfung freut sich Wenisch, "für mich ist heut ein Freudentag" aufgrund der Zulassung des Impfstoffes. Verständnis zeigt er für Menschen, die sich jetzt nicht impfen lassen wollen, glaubt aber, dass sich diese Stimmung mit der Zeit ändern wird – sobald man sieht, dass es funktioniert. Wir alle würden nach Normalität dürsten. Die zehn Personen Grenze zu Weihnachten sei eine politische Entscheidung, die er aber gut verstehen könne. Medizinisch betrachtet müsste man aber Weihnachten und Silvester komplett absagen. Denn gerade jetzt vor der Impfung müsse man nicht tausende Fälle produzieren. "Jeder Mensch hat eine Eigenverantwortung, nicht nur für sich selber, sondern auch für andere." Eine Möglichkeit sei sich proaktiv testen zu lassen. Die Öffnung der Skigebiete versteht Wenisch "als Ostösterreicher" nicht, es sei halt emotional aufgeladen. Die Krankenhäuser seien derzeit ein Nadelöhr, da müsse man aufpassen.

Rudolf Anschober: "Wir müssen weiter runter"

Für Anschober ist die größte Niederlage in diesem Jahr "jeder Todesfall" der aufgrund von Corona geschieht. Auch die Höchstzahl von 709 Menschen, die gleichzeitig auf Intensivstationen waren, sei erschreckend gewesen – besonders auch das geringe Durchschnittsalter der Patienten. "Wir müssen weiter runter, wir müssen unter 100 was die 7-Tages-Inzidenz betrifft" und ebenfalls muss die Zahl der Corona-Patienten in Krankenhäusern runter, damit auch wieder zum Beispiel alle Operationen durchgeführt werden können. "Deswegen auch der Entschluss, den schwierigen Schritt zu machen" und in den dritten Lockdown zu gehen. Auf den Hinweis, dass die Zahlen seit Juni gestiegen sind, meint Anschober: "Es ist wie bei einem Buch. Wenn man es von hinten liest, weiß man, was rauskommt." Mit manchen Aussagen von Experten habe er nichts anfangen können – es sei Teil der wissenschaftlichen Freiheit, dass man auch etwas sagen könne, was nicht mit der gängigen wissenschaftlichen Meinung übereinstimme. Die Wucht der zweiten Welle könne er sich nicht erklären. Man habe sich die Labordaten auf die mutierte Version des Virus in Großbritannien angesehen und keine Übereinstimmung mit dem in Österreich zirkulierenden Virus gefunden.

Anschober finde es großartig, dass sich die Menschen nun so zahlreich testen lassen würden. Die überlasteten Stationen würden ausgebaut werden. "Offensichtlich ist es in Österreich so, dass man sich langsam mit neuen Sachen anfreundet", so sei es nun offenbar mit dem Testen. Anschober hält fest, dass der Test aber nur eine Momentaufnahme sei.

"Nein, es ist absolut nichts davon geplant", sagt Anschober auf die Frage, ob eine Impfpflicht geplant sein. Man solle die Bevölkerung nicht verunsichern, sagt er in Richtung FPÖ. Die Menschen sollen sich in den nächsten Wochen und Monaten ein Bild machen und selbst entscheiden. Anschober werde sich impfen lassen, sobald dies möglich sei. Am Sonntag dem 27. Dezember werde mit den Impfungen bei den Schwächsten starten – bei BewohnerInnen und PflegerInnen in Alten- und Pflegeheimen.

Alexander Schallenberg: "An der Europäischen Union wird es nicht scheitern"

Für Schallenberg war der größte Erfolg die Evakuierung der Menschen aus dem Ausland, das habe gleichzeitig mit dem größten Tiefpunkt zu tun: Der Corona-Pandemie. Man habe damals nicht geahnt, dass uns diese das ganze Jahr und wohl auch noch einen Teil vom nächsten begleiten wird. Wo er sich mit dem Virus angesteckt habe, wisse er nicht, aber er habe Glück gehabt. Österreicher, die noch in Großbritannien sind, haben keine Möglichkeit mehr vor Weihnachten zurückzukommen – das wäre "ja widersinnig, würden wir die Österreicher" jetzt zurückholen.

"Man nähert sich einem Kompromiss, aber es kann noch scheitern", sagt Schallenberg angesprochen auf die Brexit-Verhandlungen. "An der Europäischen Union wird es nicht scheitern", ist er sich sicher. Man habe das Gefühl, die Briten würden ein wenig versuchen, die Rosinen herauszupicken. Die 27-EU-Miglieder seien vereint, entgegen anderen Vorhersagungen nach der Brexit-Abstimmung.

"Wir Europäer müssen die Ärmel hochkrempeln und uns interessant machen", die USA würden nicht mehr die Rolle der Weltpolizei übernehmen, sagt der Außenminister auf die Frage zum Chef-Wechseln im Weißen Haus.

Die Bilder von den Flüchtlingen in Moria kennt auch Schallenberg, sie "gehen unter die Haut und sollten in Europa keinen Platz haben", sagt er dazu. "Unser Ansatz ist Hilfe vor Ort." Die Diskussion in Österreich sei nicht ob wir helfen, sondern wie. Österreich würde Griechenland beistehen. "Nicht jedes Telefonat" mit griechischen Behörden "sei freundlich", erklärt Schallenberg auf die Frage, warum man nicht mehr Druck ausübe, damit dort nicht mehr gegen Menschenrechte verstoßen werde.

Maurer und Wöginger: "Zusammenarbeit funktioniert wirklich sehr gut"

Direkt angesprochen auf die Lage der Flüchtlinge in Moria erklären sowohl Maurer als auch Wöginger, dass die Bilder niemanden kalt lassen würden. Maurer findet es "beschämend, dass das auf europäischem Boden stattfinden kann", für Wöginger ist christlich-sozial "die Hilfe vor Ort". Es gibt diesbezüglich Anträge von der SPÖ, die die Grünen nicht unterstützt haben, erklärt Milborn. Dafür würde es auch mit den Stimmen der Grünen keine Mehrheit im Parlament geben, es hätte also keine Folgen, außer einem Koalitionskrach, antwortet Maurer.

Apropos Koalition: Die "Zusammenarbeit funktioniert wirklich sehr gut" erklären beide unisono und danken sich gegenseitig dafür. Dass die Grünen ihre Themen selten durchbringen sieht Maurer nicht so und bringt als Beispiel unter anderem das 1-2-3-Ticket.

Angesprochen auf die Corona-Verordnungen sagt Maurer, der Regierung sei es gelungen, zwischen den Grundrechten – dem Schutz der Bevölkerung und der Freiheit – abzuwägen. Die Maßnahmen "gehen uns allen auf die Nerven", sagt sie, "wir müssen noch ein bissi durchbeißen bis die Impfung greift". Laut Wöginger habe man genug getan um die anderen Parteien mitzunehmen: "Wir haben uns redlich bemüht, die Opposition zeitgerecht reinzuholen."

Scharfe Kritik und die Warnung vor einem Impfzwang durch die Hintertür kommt vor allem von der FPÖ. Einen möglichen Zwang verneinen die beiden. Das Freitesten ab dem 18. Jänner sehen sie als "positiver Anreiz" und sie sind sich sicher, die Bereitschaft sich impfen zu lassen werde steigen. "Die österreichische Bevölkerung ist klüger als die FPÖ hier glaubt", sagt Maurer.

Quelle: Redaktion / moe