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Amerikaner in Österreich: Die USA sind "dogshit"

10. Nov. 2022 · Lesedauer 3 min

Am Dienstag fanden die US-amerikanischen Midterm-Wahlen statt. Die Demokraten schnitten dabei besser ab als erwartet. Aber wie sehen US-Amerikaner, die in Österreich leben, das Ergebnis?

Die US-amerikanischen Midterms sind noch immer nicht entschieden, Republikaner und Demokraten liefern sich in einigen Staaten ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Im Gespräch mit PULS 24 legen zwei in Österreich lebende US-Amerikaner ihre Sicht der Dinge dar.  

Der Übersetzer Adam Baltner und der Literaturwissenschaftler Kevin Potter sind beide überrascht über das Ergebnis. "Die Demokraten haben eine Katastrophe knapp verhindert", erklärt Potter. Er habe schlimmeres erwartet, wie etwa eine vollkommen von Republikanern dominierte Karte. "Heutzutage balle ich bei jedem Wahlzyklus meine Fäuste und knirsche die Nacht zuvor mit den Zähnen, während das Land (und ehrlich gesagt die Welt) auf den bevorstehenden Untergang wartet", erklärt er.

Auch Baltner hat mit einem "Blutbad für die Demokraten gerechnet". Sie hätten nur "das absolute Minimum getan, um den Menschen zu helfen" – und das während weite Teile der US-amerikanischen Bevölkerung sich in einer wirtschaftlich sehr schlechten Lage befänden.

Die Republikaner hätten es indes "wohl übertrieben mit ihren reaktionären Kulturkämpfen". Das Versprechen, Abtreibung zu kriminalisieren, sei in weiten Teilen der USA unpopulär – die meisten Amerikaner:innen unterstützen das Recht auf Schwangerschaftsabbrüche. Das bestätigen auch aktuelle Umfragen, wie etwa die des Pew Research Center, laut dem 61 Prozent der Amerikaner:innen für legale Schwangerschaftsabbrüche in allen oder den meisten Fällen sind.

Ist die Spaltung das Problem?

Viele Kommentator:innen der US-Wahl sprachen in den letzten Wochen von einem "gespaltenen" Land oder einer zutiefst "polarisierten" Gesellschaft. Weder für Potter noch für Baltner ist das das Hauptproblem der USA. Der Kongress sei zwar seit Jahren in zwei ähnlich große Hälften geteilt, aber nicht "weil die Bevölkerung so gespalten ist", betont Baltner.

Das Wahlsystem garantiere eine "republikanische Überrepräsentation", darum wirke es so, als wären "konservative oder rechte Positionen in den USA viel beliebter" als sie eigentlich sind. Baltner spielt damit vor allem auch auf die Zusammensetzung des Senats an. Der bevölkerungsärmste Bundesstaat Wyoming mit rund 575.000 Einwohner:innen stellt genauso zwei Senator:innen wie Kalifornien, wo fast 40 Millionen Menschen leben.  "Ich bin sehr pessimistisch, was die Zukunft der USA angeht", erklärt er.

Frustriert und resigniert

Auch für Potter liegt das Problem im politischen System der USA: "Das Zwei-Parteien-System ist für die meisten Menschen, die ich kenne, nicht repräsentativ", sagt er. Das würde zu einer Entfremdung vom politischen Prozess führen – und letzten Endes häufig auch zu Frustration oder Resignation.

Der Literaturwissenschaftler kann dieses Gefühl gut verstehen. "Die meisten Amerikaner:innen wollen eine vernünftige Waffenkontrolle, die meisten Amerikaner:innen wollen eine bessere Gesundheitsversorgung", betont er. "Sie stimmen darin überein, dass das Bildungssystem kaputt ist und unterstützen reproduktive Rechte und die Ehe für alle." Das würde jedoch im derzeitigen System der USA, das "von einer Unternehmenselite finanziert wird und auch auf deren Geheiß handelt", kaum eine Rolle spielen.

Weder die Demokraten noch die Republikaner hätten Antworten auf die drängenden Fragen der Zeit, sei es die Klimakrise, Inflation oder stagnierende Löhne. Solange das so bleibe, "werden die Menschen weiter abschalten oder von der Paranoia der extremen Rechten eingefangen werden". Das Land sei "dogshit", fasst er zusammen.

Magdalena BergerQuelle: Redaktion / mbe