Midterms: Rotes Plätschern statt Tsunami - Trump nicht abschreiben

09. Nov. 2022 · Lesedauer 4 min

Die "rote Welle" sei es nicht geworden, sind sich die Expert:innen in einem Newsroom Spezial einig. Das Match zwischen Donald Trump und Ron DeSantis dürfte damit in die Verlängerung gehen. Denn Trump könne man noch nicht abschreiben.

Der stellvertretende Chefredakteur der "Wiener Zeitung", Thomas Seifert, und die USA-Korrespondentin der "Presse", Elisabeth Postl, sind sich einig. Aus dem roten "Tsunami wurde ein Plätschern". Die Demokraten hätten es geschafft, ihre Wähler:innen zu mobilisieren. Das sei unter anderem mit dem Thema Abtreibung und dem "Early Voting" gelungen - "Joe Biden hat's nicht komplett versemmelt", so Seifert. Normalerweise seien die Verluste immer schlimmer.

Trump-Kandidatur unsicherer geworden

Für Seifert war Ex-US-Präsident als neuerlicher Kandidat der Republikaner für das Präsidentenamt "fast gesetzt", durch die Niederlage sei das jetzt nicht mehr so sicher. Auch Postl ist sich nicht sicher, ob die Republikaner wieder mit Trump ins Rennen gehen könnten. Der Gouverneur von Florida, Ron DeSantis, "ist Kronprinz einer Trumppartei". Sollte DeSantis Trump tatsächlich herausfordern, würde der Disput zwischen den beiden noch größer, so Seifert.

Noch ist die endgültige Sitzverteilung nicht entschieden. Arizona dürfte wohl demokratisch bleiben, während die Demokraten in Nevada wohl einen Senatssitz verlieren dürften. Es komme auf die Stichwahl in Georgia am 6. Dezember an, so Postl.

Viele Dinge "extrem alarmierend"

Für den Politikwissenschafter Reinhard Heinisch ist DeSantis "ideologisch dem Donald Trump sehr nahe stehend" aber "disziplinierter". Die Gefahr, die mitunter von Trump ausgehe sei durch die Niederlage einerseits gesunken aber auch wieder nicht. Die Gefahr komme anderswo her. So sei die Basis der Republikaner "mittlerweile sehr weit rechts" stehend, viele hingen Verschwörungstheorien an und stritten die Legitimität der Präsidentenwahlen 2020 bzw. die Legitimität Bidens selbst ab. Viele Dingen seien im Laufen, die "extrem alarmierend sind".

Trumps Strategie sie nach hinten losgegangen - er würde deshalb aber "nicht gleich aufgeben". Er müsse nun der Basis eine Erklärung liefern, warum die Wahlen nicht so gut ausgegangen sind. Potente Geldgeber der republikanischen Partei könnten zudem sagen, dass ein "Trumpismus ohne Trump günstiger" wäre.

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"Wahlverzerrung findet bereits statt"

Die Historikerin Ella Müller meint, dass man die Wahlergebnisse auch im Lichte von "Einschüchterungsversuchen" durch die Republikaner sehen müsse. Umso überraschender sei das in vielen Bundesstaaten gute Abschneiden von Kandidaten der Demokraten. Es seien Einschüchterungen zum Beispiel in den Bundesstaaten Arizona und North Carolina dokumentiert. Müller: "Wir müssen uns immer wieder vor Augen führen, dass die Wahlverzerrung in den USA bereits der Fall ist."

Rütteln an Ergebnissen

Auch die Ergebnisse selbst wurden von republikanischer Seite vielfach angezweifelt. Besonders laut hatte wieder einmal Ex-Präsident Donald Trump über vermeintliche Unregelmäßigkeiten getobt. Müller, die an der Heinrich-Böll-Stiftung in Washington tätig ist, sagt dazu: "Das Anzweifeln von Wahlergebnissen findet statt und wird in den USA bleiben."

Eine Mäßigung der Republikanischen Partei nach dem Midterms-Dämpfer sei aber nicht zu erwarten, so Müller. "Die Republikanische Partei tendiert nach Niederlagen nicht dazu, sich zu mäßigen", sagt sie. In den vergangenen Jahren sei nach Wahlschlappen das Gegenteil zu beobachten gewesen.

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Pick: Trump noch nicht abschreiben

Der Politikberater Yussi Pick meint zu dem - im Vergleich zu den Erwartungen - relativ guten Abschneiden der Demokraten, die Partei habe "ein gutes Message-Packing gemacht", also vor den Wahlen ein Bündel an Themen von der Wirtschaft bis zum Abtreibungsrecht platziert.

Angesprochen auf den in Teilen der republikanischen Basis immer noch sehr populären US-Präsidenten Donald Trump sagt Pick über dessen Midterms-Favoriten: "Trump hat auf viele falsche Pferde gesetzt." Bei einem Kampf des nun gestärkten Gouverneurs von Florida, Ron DeSantis, gegen Trump um die republikanische Präsidentschaftskandidatur bleibe trotzdem alles offen. "Ob die Basis dann Ron DeSantis statt Trump wählt, steht in den Sternen."

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Quelle: Redaktion / kap / msp