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AKW Saporischschja vorläufig keine unmittelbare Bedrohung

11. Aug. 2022 · Lesedauer 4 min

Das unter anhaltendem Beschuss stehende ukrainische AKW Saporischschja ist nach Angaben der Internationalen Atomenergiebehörde momentan kein Sicherheitsrisiko.

"IAEA-Experten haben vorläufig festgestellt, dass keine unmittelbare Bedrohung der Sicherheit infolge des Beschusses oder anderer militärischer Aktionen besteht. Dies kann sich jedoch jederzeit ändern", sagte IAEA-Chef Rafael Grossi am Donnerstag bei einer Dringlichkeitssitzung des UNO-Sicherheitsrates in New York.

Erneuter AKW-Beschuss

Nur wenige Stunden vor der von Russland angefragten Sitzung des mächtigsten UNO-Gremiums war Europas größtes Atomkraftwerk erneut unter Beschuss geraten. Saporischschja sei mit schwerer Artillerie und Raketenwerfern angegriffen worden, teilte ein Vertreter der russischen Besatzungsbehörden, Wladimir Rogow, am Donnerstag im Nachrichtenkanal Telegram mit.

Geschossen werde aus Ortschaften, die unter ukrainischer Kontrolle stünden. Der ukrainische Konzern Enerhoatom berichtete von insgesamt zehn Einschlägen in der Nähe. Überprüfbar waren die Angaben nicht. Zuvor hatte die Ukraine Russland beschuldigt, das AKW ins Visier zu nehmen.

Grossi forderte Moskau und Kiew vor dem Sicherheitsrat auf, einen Besuch internationaler Experten schnell zu ermöglichen. "Ich persönlich bin bereit, eine solche Mission zu leiten." Ohne physische Präsenz von Vertretern der Internationalen Atomenergiebehörde könnten wichtige Fakten nicht zusammengetragen werden.

Selenskyj fordert russischen Abzug vom AKW-Gelände

In seiner abendlichen Videoansprache postulierte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj einen sofortigen russischen Abzug vom AKW-Gelände. Moskau warf er erneut "nukleare Erpressung" vor: "Niemand sonst hat ein Atomkraftwerk so offensichtlich benutzt, um die ganze Welt zu bedrohen und Bedingungen zu stellen." Ein Unfall im größten Kernkraftwerk Europas wäre wie ein Atomschlag, nur ohne den Einsatz von Atomwaffen. Die ganze Welt solle sich dafür einsetzen, dass russische Truppen Saporischschja verlassen. "Dies ist ein globales Interesse, nicht nur ein ukrainisches Bedürfnis." Erst wenn die Ukraine das AKW wieder kontrolliere, sei die atomare Sicherheit für ganz Europa gegeben.

Guterres über atomare Katastrophe besorgt

UNO-Generalsekretär António Guterres hatte zuvor vor einer neuen atomaren Katastrophe gewarnt und sich zutiefst besorgt gezeigt: "Bedauerlicherweise gab es in den letzten Tagen keine Deeskalation, sondern Berichte über weitere zutiefst besorgniserregende Vorfälle. Wenn sich diese fortsetzen, könnte dies zu einer Katastrophe führen."

An beide Kriegsparteien appellierte er, die militärischen Aktivitäten sofort einzustellen. Im ukrainischen AKW Tschernobyl hatte sich 1986 der schlimmste atomare Unfall auf europäischem Boden ereignet. Der russische Krieg gegen das Nachbarland dauert inzwischen schon mehr als fünfeinhalb Monate.

Unklarheit gab es weiter darüber, ob eine Gruppe von UNO-Experten zu dem AKW entsendet werden kann. "Wir sprechen von einem Kernkraftwerk mitten auf einem Schlachtfeld", sagte UNO-Sprecher Stephane Dujarric am Donnerstag. Dies bringe enorme Sicherheitsbedenken für die Angestellten der Vereinte Nationen mit sich.

AKW-Betreiber: Situation "unter Kontrolle"

Nach Angaben des Betreibers Enerhoatom ist die Situation im Kraftwerk aber "unter Kontrolle". Die Radioaktivität sei nicht höher als sonst. Das AKW war schon am Wochenende mit Raketen beschossen und beschädigt worden. Die Ukraine wirft den russischen Truppen vor, das AKW als Festung für Angriffe zu nutzen.

Die prorussischen Separatisten wiederum beschuldigen die Ukraine, mit Beschuss des Kraftwerks den Westen zum Eingreifen bewegen zu wollen. Rogow lehnte Forderungen der Gruppe sieben führender Industrienationen (G7) ab, das Kraftwerk wieder unter ukrainische Kontrolle zu stellen. "Das wäre, als wenn man einem Affen eine Handgranate in die Hand gibt", schrieb er.

Reaktionen der USA

Die USA fordern eine internationale Experten-Mission. "Dieser Besuch kann nicht länger warten", erklärte die Unterstaatssekretärin für Rüstungskontrolle, Bonnie Jenkins. Russland müsse alle Operationen in der Nähe von AKWs in der Ukraine einstellen, Saporischschja an die Ukrainer zurückgeben und seine Truppen aus dem Land zurückziehen. Außerdem seien den USA Vorwürfe der Misshandlung des ukrainischen Personals durch russische Soldaten bekannt. "Ukrainische Mitarbeiter müssen ihre wichtigen Aufgaben frei von dem Druck der russischen Streitkräfte erfüllen können", so Jenkins weiter.

Quelle: Agenturen