APA - Austria Presse Agentur

Afghanistan und die aussichtslose Flucht vor den Taliban

14. Juli 2021 · Lesedauer 5 min

2,6 Millionen aller Flüchtlinge stammten schon 2020 aus Afghanistan. Nun sind die Taliban erneut auf dem Vormarsch und Tausende wollen das Land verlassen. Österreich diskutiert über Abschiebungen, die heftig kritisiert werden.

Als die Taliban das Land am Hindukusch zum letzten Mal regierten, beherrschten sie Afghanistan mit einer extremen Auslegung des islamischen Rechts. Frauen, die des Ehebruchs beschuldigt wurden, wurden öffentlich zu Tode gesteinigt. Mädchen durften nicht zur Schule gehen, Frauen durften außerhalb ihres Hauses nicht arbeiten und es auch nur mit einem männlichen Verwandten verlassen. 

Nun sind die Taliban so stark, wie seit 2001 nicht mehr. Sie kontrollieren nach eigenen Angaben mittlerweile 85 Prozent des Landes. Am Mittwoch sollen die Radikalislamisten einen wichtigen Grenzabschnitt nach Pakistan eingenommen haben. Große Teile der afghanischen Armee mussten nach Tadschikistan und Usbekistan fliehen. Die internationalen Truppen haben sich weitgehend zurückgezogen.

"Wollen das ganze Land einnehmen"

Paul Ronzheimer, stellvertretender Chefredakteur der "Bild", befindet sich derzeit in Afghanistan. Im PULS 24 Interview berichtet er, er habe dort Taliban-Kämpfer begleitet, die ihm berichtet hätten, erneut Steinigungen gegen Frauen und Homosexuelle durchführen zu wollen. Offen propagieren sie, die Scharia – also ein islamisches Rechtssystem - einführen und das ganze Land einnehmen zu wollen.

Paul Ronzheimer, stellvertretender Chefredakteur der "Bild"-Zeitung berichtet im Interview mit PULS 24 Anchorwoman Bianca Ambros über seinen Aufenthalt in Afghanistan. 

Schon 2020 war Afghanistan mit fast 2,6 Millionen das Land, mit der weltweit drittgrößten Flüchtlingszahl, die nun noch weiter steigen könnte. Die meisten von ihnen sind im Iran oder in Pakistan, auch in Usbekistan wurden mittlerweile Lager eingerichtet. Rund 1.000 Menschen dürften derzeit täglich das Land verlassen.

"Keine Chance" auf Flucht nach Europa

Nur wenige davon schaffen es nach Europa. Ronzheimer berichtet etwa von einer Frau, die aus familiären Gründen in Österreich Asyl beantragen möchte. Das sei nicht möglich, da Österreich - wie mittlerweile die meisten europäischen Länder - keine diplomatischen Vertretungen in Afghanistan hat. Die Flüchtlinge hätten "keine Chance", obwohl viele von ihnen in Gefahr seien, weil sie für westliche Länder gearbeitet hätten, so Ronzheimer.

Gleichzeitig wird in Österreich derzeit vor allem über Abschiebungen nach Afghanistan diskutiert. Afghanistan selbst hatte Europa vor Kurzem ersucht, Abschiebungen für drei Monate auszusetzen. Zahlreiche NGOs fordern seit Langem, nicht in Kriegsgebiete abzuschieben und Finnland hat am Dienstag die Abschiebungen vorerst ausgesetzt.

Österreich will weiter abschieben

Die österreichische Regierung bleibt hingegen hart: Man werde weiterhin nach Afghanistan abschieben, derzeit werden auch weitere Charterflüge geplant, teilt das Innenministerium am Mittwoch mit. Das Ministerium pocht auf ein EU-Abkommen mit Afghanistan, das Abschiebungen erleichtern soll und verweist auf die "Praxis" in der EU.

PULS 24

2020 haben 3.137 Afghanen in Österreich Asylanträge gestellt. Gegenwärtig erhalten lediglich 33,42 Prozent von ihnen einen positiven Asylbescheid, viel mehr bekommen subsidiären – also befristeten – Schutz. In den letzten vier Jahren wurden 2.164 Afghanen außer Landes gebracht. Österreich schiebt mehr Afghanen ab, als etwa Deutschland. Das Innenministerium argumentiert, dass zumindest die Hauptstadt Kabul sicher sei.

Anschläge in Kabul nehmen zu

Auch Ronzheimer berichtet, dass Kabul im Vergleich zu den anderen Regionen noch sicher sei. Es komme aber darauf an, welche Maßstäbe man anlegt. Auch in Kabul würden die Anschläge zunehmen.

"Wenn Österreich an die Menschenrechte glaubt, dann haben die Afghanen, die es nach Österreich geschafft haben, internationalen Schutz verdient.", fordert deshalb Ali Ahmad Safi, der an der Donau-Universität Krems zu Migration und Globalisierung forscht. Bei manchen Flüchtlingen mögen ökonomische Gründe eine Rolle spielen, um nach Europa zu gelangen, aber bei den meisten sei es die Sicherheitslage in Afghanistan.

"Der Westen will sich einfach nicht eingestehen, dass der Wideraufbau in Afghanistan gescheitert ist, ergänzt die Kultur- und Sozialanthropologin Gabriele Rasuly-Paleczek, die an der Uni Wien auch zu Afghanistan forscht.

Ein Grund, warum dennoch relativ wenige Afghanen Chance auf Asyl haben, könnte sein, dass ihre Fluchtrouten meist nicht mit jenen von Syrern vergleichbar wären, erklärt die Migrationsforscherin Judith Kohlenberger von der Wirtschaftsuniversität Wien. Afghanische Flüchtlinge seien oft viel länger und mit mehreren Zwischenstopps - im Iran, in Pakistan oder in der Türkei - unterwegs. Die Fluchtrouten oder die individuelle Verfolgung, die es für Asyl braucht, seien daher schwerer nachweisbar. 

Viele kommen nicht direkt aus Afghanistan

Viele jener Afghanen, die es bis nach Europa schaffen, kommen aber ohnehin gar nicht direkt aus Afghanistan, teilweise wurden sie in zweiter oder dritter Generation im Iran oder in Pakistan geboren. Dort hätten nun viele keine Perspektive mehr, sagt Rasuly-Paleczek. Vor allem die schiitische Minderheit der Hazara werde in Afghanistan verfolgt und auch im Iran und in Pakistan diskriminiert. Umso problematischer sei es, sie nach Afghanistan abzuschieben, viele hätten das Land noch nie gesehen.

69 Prozent fliehen nach Abschiebung erneut

Eine Studie der Sozialwissenschaftlerin Friederike Stahlmann, die von Deutschland abgeschobene Afghanen begleitete, zeigt, dass Reintegration schon vor dem erneuten Erstarken der Taliban nur schwer möglich ist. Die Mehrheit der Abgeschobenen hätte Gewalt erfahren. Zurück in Afghanistan würde den Flüchtlingen vorgeworfen, dass nur Kriminelle von Europa abgeschoben werden. Die Abgeschobenen würde außerdem oft als "zu westlich" wahrgenommen und von Islamisten bedroht werden. Ihre Familien hätten Geld in ihre Flucht investiert und wollen sie deshalb nicht wieder aufnehmen. 69 Prozent der abgeschobenen Flüchtlinge seien erneut geflüchtet oder haben ein Visum für ein anderes Land beantragt.

Ob sich die Situation am Hindukusch verbessert, hänge nun vor allem davon ab, wie die internationale Gemeinschaft agiere, sagt "Bild"-Redakteur Ronzheimer. Man müsse etwa mehr Druck auf Pakistan ausüben, dass die Taliban unterstützen soll. Der Krieg werde vorerst weiter eskalieren, bis wieder Verhandlungen aufgenommen werden.

Konstantin AuerQuelle: Redaktion / koa