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"Trend" Rückgabe kolonialer Kunst: "Die Gefahr ist, dass es ums Reinwaschen geht"

06. Aug. 2022 · Lesedauer 9 min

Weltmuseum Wien-Direktor Jonathan Fine steht dem Gremium vor, das für Österreichs Politik Richtlinien zur Rückgabe in der Kolonialzeit geraubter Kunst ausarbeiten soll. Westliche Länder interessiere es zu wenig, was die Empfängerländer wollen, kritisiert er im PULS 24 Interview und bei der Forschung sollte man ansetzen, wo das Gewaltpotential am größten ist. Das falle Ländern wie Österreich, die selbst keine koloniale Vergangenheit haben, leichter.

Schätzungen zufolge liegen etwa drei Viertel des kulturellen Erbes Subsahara-Afrikas in westlichen Museen. Über ein Jahrhundert lang behandelten die Kolonialmächte den Kontinent als Selbstbedienungsladen. Zahlreiche Staaten fordern ihr kulturelles Erbe zurück. Im deutschen Raum sind seit einigen Jahren das Königreich Benin und seine Bronzen in aller Munde. 

Ende des 19. Jahrhunderts schickten die Briten eine Strafexpedition ins Königreich, sammelten Tausende Kunstobjekte ein, zerstörten große Teile der Hauptstadt und gliederten Benin ins damalige Empire ein. Das Königreich Benin, heute Teil von Nigeria und nicht mit dem gleichnamigen Staat zu verwechseln, verlangt seine Geschichte zurück – und kann erste Erfolge verzeichnen. Seit wenigen Jahren tut sich endlich etwas, Länder machten Zusicherungen, die geraubte Kunst zu restituieren, erste Lieferungen sind eingetroffen, Deutschland sicherte erst im Juli eine "bedingungslose Rückgabe" zu.

Auch in Österreichs Museen liegen Kunstwerke aus dem Königreich und aus anderen ehemaligen Kolonialgebieten. Zwar selbst keine Kolonialmacht, hat Österreich am damaligen Markt fleißig eingekauft - oder sich Kunst schenken lassen. Aktuell will die Republik nicht wie andere Staaten einzelne Werke zurückgeben, sondern für die Zukunft fixe Regeln schaffen, wie mit Restitution umgegangen werden soll. Seit Jänner diskutiert ein national und international besetztes Gremium über das Schicksal der kolonialen Objekte im Besitz der Bundesmuseen. Bis März oder April 2023 will es der Politik seine Erkenntnisse vorlegen. Den Vorsitz führt Jonathan Fine, Direktor des Weltmuseums Wien, international wegen seiner Expertise bei Restitution kolonialer Kunst anerkannt. Im Gremium sitzt u.a. auch die Direktorin des Naturhistorischen Museums Katrin Vohland. 

PULS 24: Herr Fine, worin liegt das Problem bei der Rückgabe von kolonialer Kunst?

Jonathan Fine: Um etwas zurückzugeben, braucht man einen Ansprechpartner in dem anderen Land, und der Ansprechpartner muss in der Lage sein, wirklich die Diskussion aufzunehmen. Zum Beispiel haben die Neuseeländer und die Hawaiianer viel Erfolg bei der Rückgabe von menschlichen Überresten ihrer Ahnen, weil sie klare Strukturen für Rückgaben geschaffen haben. Das macht den ganzen Prozess viel einfacher. Im Fall von Neuseeland (Anm. 2015 restituierte das Weltmuseum Wien menschliche Überreste) steht die Regierung hinter dem Te Papa Museum und da wird mit einer Stimme gesprochen. In vielen anderen Ländern ist das nicht immer der Fall. Ich glaube, in vielen anderen Ländern ist die Diskussion oft nicht so weit.

Im Gremium, dem sie für die Bundesmuseen vorsitzen, arbeitet man seit Jahresbeginn an Richtlinien, die man der Politik im Frühjahr 2023 vorlegen will. Dazu haben sie sich auch die rechtliche Lage in anderen Ländern angesehen. Welche Vorgehensweisen finden Sie vorbildlich und würden auch gerne für Österreich übernehmen? 

Ich glaube, die besten Methoden sind jene, wo man selber im Voraus nicht sagt, ich weiß schon alles und weiß, was zurück muss. Wo man sich wirklich öffnet und fragt, welche Einstellung, welche Bedürfnisse haben die Leute, von denen diese Objekte stammen. Wo gibt es Berührungspunkte zwischen ihren Perspektiven uns unseren? In welchen Fällen ist man bereit zu komplett bedingungsloser Rückgabe und in welchen Fällen spielt das Interesse der österreichischen Institutionen auch eine Rolle.

Ich finde, dass die Niederlande hier bis jetzt das klarste Statement abgegeben haben. Die Situation ist nicht deckungsgleich, weil Österreich eine andere Geschichte und andere Sammlungen hat als die Niederlande, die eine direkte Kolonialherrschaft über Jahrhunderte in der Karibik und in Indonesien ausübten, Aber ich finde die Klarheit der Niederlande sehr hilfreich. Die Niederlande haben zuerst die Museen mit einer Stellungnahme beauftragt. Die Politik hat eine unabhängige Kommission beauftragt, die auf Basis dieses Berichts eine Policy schmieden. Diese sieht für niederländische Ex-Kolonien, wo klar ist, dass Objekte ohne Einvernehmen der Besitzer:innen enteignet wurden, eine bedingungslose Rückgabe vor, falls die Länder die Sachen zurückhaben möchten. In Fällen, wo die Niederlande keine direkte Kolonialherrschaft hatten, versucht man die Interessen der Niederlande mit den Interessen der Anfragenden zu vereinen.

An der Idee der Niederlande ist interessant, dass, auch wenn die direkte Verantwortung nicht beim jeweiligen Staat liegt, in einigen Fällen trotzdem ein sehr klarer Handlungsbedarf besteht. Das heißt, man kommt nicht aus der Nummer raus, nur weil man geraubtes Gut oder geplündertes Gut über den Markt erhalten hat. Ich glaube, es ist diskutierenswert, ob diese Positionen auch für Österreich passen oder nicht.

Zwei Hofzwerge aus dem Königtum Benin, Nigeria, im Weltmuseum Wien

Zwei Hofzwerge, Skulptur aus dem Königtum Benin, 14./15. Jh., Nigeria, Weltmuseum Wien

Die beiden einzigartigen Figuren zählen zu den ältesten Kunstwerken aus dem Königreich Benin und gelten aufgrund ihres lebensnahen Naturalismus als feinste Beispiele des frühen höfischen Kunststils. Vermutlich standen sie ursprünglich auf einem königlichen Ahnenaltar. Da Hofzwerge nicht zum Standardinventar solcher Schreine gehörten, ist wohl anzunehmen, dass es sich hier um Darstellungen historischer Persönlichkeiten handelt, die eine wichtige Rolle in der Regierungszeit eines Herrschers des 15. Jahrhunderts gespielt hatten.

Von wie vielen Objekten in Österreich sprechen wir überhaupt, die zurückgegeben werden sollten? 

Das hängt davon ab nach welchen Kriterien Objekte zurückgegeben werden sollten. Denn auch wenn Objekte in einem kolonialen Kontext gesammelt wurden, ist es nicht klar, dass das automatisch in einer Rückgabe münden sollte. Im Gegensatz zu unter anderem dem Nationalsozialismus, wo man eine relativ klare Vorstellung von Unrecht hat, ist das im kolonialen Kontext noch nicht zu Ende diskutiert. Manche Leute sagen, dass alles im Kolonialismus unrecht war, andere Leute sagen, vieles im Kolonialismus war unrecht, aber trotzdem gab es legitimen Handel oder Schenkungen an Museen. Deswegen herrscht eine ziemliche Unklarheit bei vielen Objekten. 

Wie denken Sie persönlich darüber? 

Ich glaube, dass das Einvernehmen der Beteiligten eine zentrale Rolle spielt und dieses Einvernehmen nicht immer hundertprozentig zu belegen ist. Aber man kann sehr viel aus Kontexten herauslesen. Wenn ich eine normale Alltagsware in einem normalen Laden kaufe, ist es oft relativ unproblematisch. Wenn ich eine besonders exquisite Reliquie aus einem Königshaus in einem Geschäft kaufe, dann sollte ich Fragen stellen, wie es dazu gekommen ist, dass dieses exquisite Ding da in dem normalen Laden war. Vernunft muss da eine sehr große Rolle spielen.

Wie weit sind sie mit der Provenienzforschung im Weltmuseum Wien?

Einige Fälle sind schon sehr klar. Wir kennen die Provenienzen der Benin-Sammlung hier sehr gut. Einige Elfenbeinobjekte in der Benin-Sammlung sind über Schloss Ambras nach Wien gekommen. Sie sind seit dem 16. Jahrhundert in Tirol gewesen. Das heißt, die sind nicht auf die Eroberung von Benin 1897 zurückführen.

Bei den anderen Beständen haben Objekte, die über die Tätigkeit der K&K-Kriegsmarine in unsere Bestände gelangt sind, oberste Priorität. Man sollte zuerst dort ansetzen, wo das Gewaltpotential am ehesten sein könnte und wo die staatliche Involvierung mit dem Gewaltpotential am ehesten verbunden ist.

Laut meinen Erfahrungen aus meiner Zeit in Berlin wissen vielen Kustod:innen, was problematisch in ihren Sammlungen sein könnte. Sie versuchen, dem nachzugehen und das aufzuarbeiten. Ich war angenehm überrascht, als ich nach Wien kam und erfahren habe, dass die Bestände erschlossen, inventarisiert und in der Datenbank zu finden sind. Damit kann man diesen Fragen nachgehen. Österreich hat wesentlich mehr Informationen über seine Bestände als die meisten deutschen Museen, die ich kenne. Zusätzlich hat Österreich durch die NS-Restitution etablierte Prozesse, wie man die Untersuchung und Diskussionen um Rückgabe führt und die Hemmung, diese schwierigen Themen anzusprechen, ist geringer. Die Museen haben in einem gewissen Sinn - ich glaube, das gilt nicht nur für das Weltmuseum Wien, sondern auch für die anderen Bundesmuseen - weniger Berührungsängste, sich diesen komplexen Themen zu stellen. 

Wie schätzen Sie die Bereitschaft der Politik ein, auf die Vorschläge des Gremiums einzugehen? 

Ich habe den starken Eindruck, dass die Politik dieses Thema sehr ernst nimmt und sich mit diesem Thema wirklich beschäftigen möchte. Das Interesse an kolonialer Kunstrückgabe ist auch international groß. Auch wenn die Politik das Thema ignorieren wollte - was ich nicht glaube - wäre das sehr schwierig. 

Ich finde es sehr gut, dass man in Österreich nicht übereilt agiert. Man nimmt sich wirklich die Zeit, sich mit der Sache auseinanderzusetzen und gut begründete Positionen zu entwickeln, anstatt nur aus einem aktionistischen Handlungsbedarf heraus zu agieren. 

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Jonathan Fine im "Kolonialismus"-Raum des Weltmuseums

Deutschland hat sich bereit erklärt, etwa 1.130 Bronzen zurückzugeben. Wer bekommt die und was passiert in den Empfängerländern damit? 

Das ist ein Schlüsselpunkt. Es ist irgendwie erstaunlich, dass so wenig Interesse daran besteht, wer die Sachen bekommt und warum und welche Bedeutung das hat für die Leute, die sie zurückbekommen sollten. Wenn ich irgendeine Kritik an der jetzigen Berichterstattung und auch an der jetzigen Diskussion in den einzelnen europäischen Staaten habe, ist es, dass es eine sehr eurozentrierte Diskussion ist. Es geht darum, Sachen zurückzugeben und nicht wirklich darum, sich mit den Leuten zu versöhnen und deren Interessen und Wünschen nachzugehen. Ich glaube, die Gefahr an der Diskussion ist, dass es ums Reinwaschen geht und nicht ums Wiedergutmachen. 

Kunstraub gab es in vielen Staaten. Gesprochen wird aber meist über das Königreich Benin. Wieso?

Weil Benin ein sehr klares Beispiel von Kunstraub ist. Die Plastiken und Reliefs, passen sehr gut in die europäische Vorstellung von Kunst hinein. Zusätzlich wird über Benin seit vielen Jahren gesprochen, auch, weil große Bestände in Ländern vorliegen, die nicht an der Plünderung teilgenommen haben. Das heißt es ist relativ einfach für Deutschland, Objekte aus dem Königreich Benin zurückzugeben, weil sie nicht in einem engen Sinn ihre koloniale Verantwortung berühren. Es ist viel schwieriger, glaube ich, für Länder ihre eigenen kolonialen Verstrickungen anzuschauen und zu sagen, wo sie da zurückgeben sollen. Ich glaube, es ist deswegen kein Zufall, dass Deutschland zuerst im Fall vom Königreich Benin zurückgibt und England noch nicht.

Marianne LamplQuelle: Redaktion / lam