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NHM-Chefin zu Restitution: Bei Grabraub war das Unrecht auch damals klar

07. Aug. 2022 · Lesedauer 7 min

NHM-Generaldirektorin Katrin Vohland sitzt im Gremium, das Maßstäbe für Restitution kolonialer Objekte in Österreich ausarbeiten soll. Im PULS 24 Interview erklärt sie, warum es wichtig ist, hinzuschauen, wer Rückgaben fordert, und warum es bei 30 Millionen Objekten vom Meteoriten bis zum menschlichen Schädel nicht leicht ist.

Kein Wort verstanden die versammelten Zuhörer vom gesungenen Pule, einem hawaiianischen Gebet, an einem Nachmittag im Februar im Naturhistorischen Museum. Trotzdem erschloss sich der Inhalt allen Anwesenden. Die Delegation der Hui Iwi Kuamo'o war aus Hawaii angereist, um die Schädel eines Mannes und einer Frau, ihrer verehrten Vorfahren, die gegen den Willen der indigenen Hawaiianer aus Gräbern geraubt wurden, nach Hause zu holen. Die Sprecher kämpften teils mit den Tränen, auch unter den österreichischen Zuhörern ging es vielen nicht anders. Im Publikum war auch Vizekanzler Werner Kogler (Grüne). Beide Seiten bedankten sich für die gute Zusammenarbeit, die nach anfänglichen Schwierigkeiten die Rückgabe ermöglichte. 

Internationale Hilfe bei Schädel-Suche im eigenen Haus

Von einem Vertrauensverhältnis spricht Museumsdirektorin Katrin Vohland, entstanden durch "sehr viel Austausch" auf der Suche nach den Schädeln. "Weil man sich bemüht auch zu verstehen, was die andere Person wollte". Denn auf die erste Anfrage war eine Absage gekommen. Es gebe die Schädel nicht im Inventar des NHM, hieß es. In Hawaii ließ man nicht locker. Es folgte gemeinsame Forschung, Informationen auch aus Neuseeland und Großbritannien und schließlich der Erfolg: Im 19. Jahrhundert, als die Schädel nach Wien kamen, hieß Hawaii noch Sandwich Islands und so waren die Schädel auch inventarisiert worden. 

Nicht immer ist der Fall bei Restitution aus kolonialen Unrechtskontexten so klar. Seit Jahresbeginn arbeitet ein Gremium, in dem auch Vohland sitzt, an Vorschlägen für die Politik, die dann in Gesetze gegossen werden sollen. Der österreichische Umgang mit NS-Restitution sei "eine kleine Blaupause" und wurde international sehr positiv aufgenommen, aber "bei der Kolonialzeit sind die Herkünfte viel, viel schwieriger zu klären, weil es diese Rechtsnachfolge nicht immer so eindeutig gibt und auch der Unrechtskontext ganz anders bewertet werden muss", erklärt Vohland. 

Bei Grabraub war das Unrecht auch damals klar

Es gebe historische Dokumente auf Grund derer man recherchieren könne, wie zum Beispiel, wer die Funde gesammelt hat. "In Fällen, wenn Gräber ausgeraubt wurden, war das - gerade, wenn es um menschliche Überreste geht – auch schon damals ziemlich klar."

Im Naturhistorischen Museum wurden die Schädel ihrer Vorfahren an eine Delegation der Hui Iwi Kuamo'o (Hawaii) im Beisein von Vizekanzler Kogler übergeben. 

Im Naturhistorischen Museum wurden die Schädel ihrer Vorfahren an eine Delegation der Hui Iwi Kuamo'o (Hawaii) im Beisein von Vizekanzler Kogler übergeben. 

Über dem nationalen Tellerrand

Komplexer sei die Sache, wenn es um Expeditionsreisen geht, die in die ganze Welt unternommen wurden, um neue Kolonien zu entdecken, und wenn Forscher ihre Funde nach Österreich schickten. Es sei nicht unproblematisch, die Frage nach möglichem Unrecht nur von einem Land aus zu beantworten, so die Generaldirektorin. Deshalb ist sie über die internationale Besetzung des Gremiums froh. In den Ländern, aus denen das Material kommt, würde der Sachverhalt "oft ganz anders empfunden". Es sei wichtig, einen Dialog darüber zu führen. Gleichzeitig handle es sich um rechtliches Eigentum der Republik Österreich. 

Die Probleme bei der Rückgabe fangen schon damit an zu definieren, was überhaupt kolonialem Kontext zuordenbar sei. Da müsse man sehr genau hinschauen, so Vohland. Denn auch damals waren die Erwerbskontexte sehr unterschiedlich. Das reiche von Kollegen, die selbst gesammelt hätten, über Schenkungen bis zu Erbschaften. Ihrer Meinung nach umschließe kolonialer Kontext das "Profitieren von Unrechtskontexten, bestimmten Handelswegen und Zugang zu Ländern, die sonst nicht gegeben wären". 

Es müsse auch einen Unterschied gemacht werden zwischen zum Beispiel einem Käfer oder einem Federschmuck, auch wenn sie auf gleiche Weise – wie etwa auf einem Markt – erworben wurden. Während es sich bei dem einen bereits um ein kulturelles Objekt handelt, würde beim Käfer der Wert erst durch die wissenschaftliche Bearbeitung und Kontextualisierung entstehen. Es könne aber sein, dass Kollegen aus Namibia oder Brasilien die Sache anders sehen als Forscher in Österreich.

Genau hinschauen: Wer stellt die Forderungen?

Wichtig sei auch, die Frage zu klären, an wen man zurückgibt. In Brasilien beispielsweise, litten und leiden die Indigenen immer noch. An wen würde man in diesem Fall einen Federschmuck zurückgeben? "Man muss sich das sehr genau anschauen, wer Forderungen stellt und warum diese gestellt werden", sagt Vohland und erklärt die Problematik anhand der bereits erwähnten Käfer. "Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen forschen etwa über Veränderung der Fauna, beispielsweise aufgrund des Klimawandels. Wenn jetzt eine Regierung alle Käfer zurückfordert, weil sie zunehmend nationalistisch agiert und innerpolitisch damit punkten will, dann hilft das nicht unbedingt den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in den jeweiligen Ländern".

"Auch NGOs sind da manchmal sehr laut", erinnert sich die Direktorin. In Berlin – wo sie vorher gearbeitet hatte – hätte es größere Projekte, insbesondere zum Brachiosaurus, einem Riesensaurier aus Tansania, gegeben. "Da gab es sehr viele Debatten. In den letzten Jahren gab es keine Rückforderungen der namibischen Regierung, aber von NGOs in Berlin. Man muss sich die Szene also auch ein bisschen angucken."

Wille und Offenheit in der Politik

"Meiner Wahrnehmung nach beschäftigt sich die Politik schon sehr mit dem Thema", sagt die NHM-Generalirektorin. Ein gutes Beispiel sei die Rückgabe der Schädel nach Hawaii gewesen. "Vizekanzler Kogler war die ganze Zeit hier während der Zeremonie. Der war da und hat auch gesprochen. Und das ist der Vizekanzler. Ich sehe da schon eine Offenheit. Wir bekommen Unterstützung, beispielweise über bundesmuseumsübergreifende Forschungsprojekte"

30 Millionen Objekte, eine Datenbank: Werden "einen Moment" brauchen

Eines der bewilligten Forschungsprojekte zu kolonialem Kontext soll herausfinden, welche Sammlungsbereiche im NHM tatsächlich betroffen sind. Nun schaut man sich bestimmte Zeiträume, Länder und Expeditionen im Detail an und sei darüber hinaus dabei, eine Sammlungsdatenbank für das Haus zu entwickeln. Das sei ein mehrjähriges Projekt, "das macht man nicht nebenbei". Immerhin seien im Naturhistorischen Museum geschätzte 30 Millionen Objekte Teil der wissenschaftlichen Sammlungen: von österreichischen Mineralien über brasilianische Käfer bis zu einer großen archäologischen Sammlung und eben jenen Schädeln aus Hawaii, die Anfang des Jahres zurückgeben wurden.

Probleme reichen von der Erfassung – man schaut sich aktuell etwa innovative Entwicklungen an, wie, die Objekte per 3D-Fotografie zu erfassen – bis zur automatisierten räumlichen Zuordnung, denn Ländernamen und Grenzziehungen änderten sich und ändern sich laufend weiter. Da spreche man noch gar nicht von einzelnen Landkreisen. "Das ist noch ein bisschen ein längerer Weg, das alles umzusetzen", schmunzelt selbst Vohland. Man werde noch einen "Moment" brauchen. Die Direktorin rechnet damit, dass in den nächsten zwei, drei Jahren eine einheitliche Datenbank steht. Jede einzelne Mücke sei dann natürlich noch nicht aufgeführt.

Transparenz sei ihr wichtig, die Informationen über die Sammlungen seien für die wissenschaftliche Community auf der ganzen Welt relevant. Das sehe man auch in London, Paris oder Brüssel ähnlich. Man versuche, sich stärker aufeinander abzustimmen.

Letzter Standort seltener Orchidee muss geheim bleiben

Zu bedenken gebe es aber auch den Datenschutz. Bei menschlichen Überresten etwa, bei sensiblen Daten von Verkäufern und auch bei Schenkungen wollen die Erben, die dem Museum die Besitztümer vermachen, zum Teil anonym bleiben. Und wenn man den letzten Standort einer seltenen Orchidee kennt, wolle man den auch nicht unbedingt öffentlich machen.

Restitution: Klare, verbindliche Kriterien wichtig

Es werde wahrscheinlich immer Einzelfallentscheidungen geben, aber durch die Arbeit des Gremiums erhofft sich Vohland, "eine grobe Richtlinie, an der man sich orientieren kann". "Was wir hier im Haus haben, gehört der Republik Österreich. Insofern ist es sinnvoll, dass man den Umgang mit Rückgabeforderungen auch gesetzlich regelt, soweit das möglich ist."

Vohland erhofft sich vom Gremium, "dass wir zu klaren Kriterien kommen, bei denen auch internationale Partner mitgehen können" sowie eine offene Diskussion in der Politik, unabhängig von Parteizugehörigkeit. Ziel sei eine möglichst hohe Rechtssicherheit.

Marianne LamplQuelle: Redaktion / lam