APA - Austria Presse Agentur

steirischer herbst ging mit Flohmarkt-Theater zu Ende

11. Okt 2021 · Lesedauer 3 min

"The Way Out" war das Motto des diesjährigen steirischen herbstes. Den Weg hinaus, also seinen Schlusspunkt, fand das Grazer Traditionsfestival am Sonntagabend in Form einer als TV-Show-Parodie aufgezogenen Theatergala. "Bares für Wahres" des Theaters im Bahnhof (TiB) erwies sich als innovatives, wandlungsfähiges Theaterformat im Grenzland zu Performance und Installation.

Schon am Samstagnachmittag war die in Teamarbeit erstellte Produktion als filmseitreif präsentierter, aber echter Flohmarkt in der List-Halle gestartet. In den Wochen zuvor konnten sich Verkaufswillige beim steirischen herbst dafür anmelden. Die Prämisse war, Objekte, deren eigentlicher Wert in der jeweils anhaftenden Geschichte liegt, anzubieten.

Die Verkäufer wurden von einem Moderator (wunderbar perfide gespielt von Rupert Lehofer) auf einer Bühne zur Geschichte der einzelnen Objekte befragt und dabei gefilmt. Zwischendurch gab es zwischen den Verkaufsständen auflockernden Bänkelgesang von Entertainer Herwig Thelen. Auf geplante weitere schauspielerische Interventionen wurde während des Flohmarkt-Geschehens "aus künstlerischen Gründen", wie es seitens des TiB hieß, verzichtet.

Am Sonntagabend verwandelte sich der Flohmarkt dann nach und nach in eine große Bühne. Während die Beschicker allmählich ihre Stände verließen, wurde die Tribüne freigegeben und das Publikum eingelassen. Lehofer - inzwischen zum waschechten TV-Showmaster mutiert - moderierte den schleifenden Übergang zum Hauptteil von "Bares für Wahres".

Dieser war oberflächlich als Parodie auf das TV-Trödel-Format "Bares für Rares" konzipiert. Auch das Publikum fand sich in einer Fernsehstudioatmosphäre wieder, inklusive strategischen Zwischenapplausen. Auch die Kameras fehlten natürlich nicht - schließlich wurde der Abend vom steirischen herbst auch als Livestream übertragen.

Lediglich eine der gefilmten Interventionen der beiden Flohmarkt-Tage wurde mit der Originalperson gezeigt, alle anderen Geschichten von Schauspielerinnen in Doppelconference-Manier mit dem Moderator live nachgespielt.

Die - angeblich durch die Bank authentischen - Geschichten zu den Gegenständen erwiesen sich als ungewöhnlich, aber irgendwie doch alltäglich und zum Teil an der Grenze zur Peinlichkeit anrührend. Anschließend wurde das jeweilige Objekt um ein paar - echte - Euro an das Publikum versteigert.

Eine gesonderte Ebene des Abends bildete Juliette Eröd, die zwischendurch in einer Art Parallelschiene die Geschichte ihres Cousins erzählte, der als Händler und Unternehmer in Ungarn die Schattenseiten der hierzulande oft romantisierten Altwaren- und Flohmarktwelt erlebt hat. Dazu gab es auf der Videowand Ausschnitte einer gefilmten Recherchereise der TiB-Mitglieder zum Flohmarkt Devecser in Ungarn.

Nach einem merkwürdig anmutenden Showende - ein etwas holprig inszenierter Moderatoren-Zweikampf zwischen Lehofer und der bis dahin nicht in Erscheinung getretenen Gabriela Hiti - setzte es dann noch einen unerwarteten Knalleffekt: Eröd offenbarte inmitten einer als Trödelinstallation gestalteten Familienaufstellung ihre tragische Familiengeschichte, in der mehrere Mitglieder in den Vernichtungslagern der Nationalsozialisten ermordet wurden. Als Verbindungsglied zum Rest des Abends diente dabei ihr Cousin Tamas, der aus dem Publikum auftauchte und in kurzen Worten die spärliche Erinnerung an seinen Großvater Tibor erzählte, der als einziger der Deportierten das KZ - in diesem Fall Mauthausen - überlebte, aber zeitlebens ein verschlossener Mensch geblieben war. Fazit: Ein vielschichtiges, über weite Strecken unterhaltendes, formal spannendes, aber auch ein bisschen inhomogenes Finale des steirischen herbst 2021.

Quelle: Agenturen