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"So long, Annemarie": Andreas Unterweger blickt zurück

18. Juli 2022 · Lesedauer 3 min

Seit Cédric Klapischs Film "L' Auberge Espagnol" (2002) kennt man das Genre der Erasmus-Komödie. Andreas Unterweger, der in Graz und Nantes Germanistik und Französisch studierte und heute als Nachfolger von Alfred Kolleritsch Herausgeber der Literaturzeitschrift "manuskripte" ist, hat nun einen Erasmus-Roman vorgelegt: "So long, Annemarie" erzählt vom Auslandsjahr des Studenten Dani in Nantes und seinen Versuchen, sein Verhältnis mit (Ex-?)Freundin Annemarie zu klären.

Das Buch wäre gerne eine Liebesgeschichte, zeigt aber in immer verzweifelteren Anläufen bloß das Scheitern des Bestrebens, die Gefühle zweier Menschen in harmonischen Einklang zu bringen. Dabei geht es keineswegs bloß um Annemarie, auch Emily, Carmen, Billy und einige andere sind mit im Spiel. Auch die Grundpfeiler einer klassischen Erasmus-Studenten-Geschichte untergräbt Unterweger gründlich, denn Dani ist eigentlich ein Einzelgänger und hält sich vom ganzen turbulenten internationalen Studentenleben mit Bedacht fern.

Auch eine andere Fährte wird ausgelegt, ohne sie zu verfolgen: Dani kommt ausgerechnet am 11. September 2001 in Nantes an, dem Tag des Attentats auf die Twin Towers. Doch der Terror wird zwar immer wieder erwähnt - etwa die Attentate in Madrid (2004) -, wird jedoch nie handlungsbestimmend. Da wird dem Fußball schon deutlich mehr Raum eingeräumt. Oder der Musik (schließlich ist schon der Romantitel "So long, Annemarie" wohl eine Paraphrase auf "So long, Marianne" von Leonard Cohen). Vor allem aber der Literatur. Danis Professoren heißen Stendhal oder Tristan, Verlaine und Rimbaud geistern immer wieder durch das Buch, ebenso wie die Literatur von Michel Houellebecq, von dem Dani einige Gedichte zu übersetzen versucht.

So ist "So long, Annemarie" zwar vordergründig eine Coming-of-Age-Geschichte, ein Bildungsroman, die Beschreibung eines Selbstfindungsversuchs, gleichzeitig aber die immer wieder neu unter Beweis gestellte Verweigerung, dies auch tatsächlich einzulösen. Das beginnt bei bewusst kompliziert gebauten Sätzen, bei denen man ihre mögliche Aussage rasch aus den Augen verliert. Und endet in immer neuen Abschweifungen und Einschüben, Verzahnungen von Vor- und Rückblenden, Schauplatz- und Figurenwechseln. Um da nicht vorzeitig auszusteigen, braucht es einen langen Atem.

Neben dem Bestreben, die Unmöglichkeit der Verwirklichung der eigenen Intentionen gleich vorzuführen (und dabei dem Leiden des Protagonisten, der verlassenen Freundin in der Ferne wieder nahe zu kommen, zu entsprechen), ist "So long, Annemarie" aber auch der Versuch, eine Rückschau auf die Zeit vor zwei Jahrzehnten mit den Augen von heute zu bieten und gleichzeitig das damalige Zeitgefühl präsent werden zu lassen. Es ist eine Welt der Wertkartentelefone, der Interrail-Abenteuer, der ersten computergenerierten Animationsfilme, der Internet-Cafés und des beginnenden Anti-Islamismus. Eine Umbruchzeit, in der Dani private Umbrüche wider besseren Wissens mit aller Gewalt vermeiden will. Ein Anti-Held, der zum Wiederholungstäter wird.

"Oh, so long, Marianne", singt Leonard Cohen. "It′s time that we began / To laugh and cry / And cry and laugh about it all again." Doch Unterweger schließt seine Zeitreise mit Böll. Er hätte auch mit Beckett schließen können: "Ever failed. No matter. Try again. Fail again. Fail better."

(S E R V I C E - Andreas Unterweger: "So long, Annemarie", Literaturverlag Droschl, 280 Seiten, 24 Euro, Buchpräsentationen am 20.9. in der Alten Schmiede in Wien und am 28.9. im Literaturhaus Graz)

Quelle: Agenturen