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Schriftsteller Martin Walser wird 95 Jahre

24. März 2022 · Lesedauer 4 min

Still ist es zuletzt geworden um Martin Walser - zumindest bezogen auf das gesprochene Wort. Mit Beginn der Corona-Pandemie habe er sich zurückgezogen, sagte der Schriftsteller der "Rheinischen Post" im vergangenen Jahr. "Ich habe keinerlei Berührung mit der gefährlichen Corona-Welt." Diesem Kurs ist Walser weitgehend treu geblieben. Am 24. März wird der Autor 95 Jahre alt.

"Er würde ein Gespräch führen, allerdings nur persönlich", sagt eine Sprecherin des Rowohlt Verlags. "Aber wegen der Covid-19-Situation möchte er derzeit keine Besuche empfangen." Gratulationen werden ihn aus der Ferne dennoch erreichen. Mit Walser feiert der vielleicht berühmteste lebende deutsche Schriftsteller Geburtstag. Für seine Dutzenden Romane und Geschichten, die er in 67 Jahren literarischen Schaffens geschrieben hat, wurde er mit fast allen bedeutenden Preisen ausgezeichnet (nur der Nobelpreis, für den er immer wieder gehandelt wird, fehlt). Über die Jahrzehnte lösten seine Texte oder öffentlichen Reden Bewunderung, aber auch heftige Kritik aus.

Und obwohl ihn, wie er zum Beispiel vergangenes Jahr einem Journalisten des "Spiegel" erzählte, langsam sein Gedächtnis verlasse, bleibt er aktiv in dem, was ihm erklärtermaßen am wichtigsten ist: dem Schreiben. Zwei Tage vor seinem Geburtstag erscheint im Rowohlt Verlag mit "Das Traumbuch - Postkarten aus dem Schlaf" das nächste Werk - nur gut ein Jahr nach der Veröffentlichung von "Sprachlaub". Der Verlag bestätigt außerdem, dass Walser bereits an seinem nächsten Buch sitze.

Geboren wurde Martin Walser 1927 als Sohn eines katholischen Gastwirts im bayerischen Wasserburg. Schon als Zwölfjähriger soll er erste Gedichte geschrieben haben, nach dem Zweiten Weltkrieg studierte er unter anderem Literaturwissenschaft. Seinen ersten Erzählband "Ein Flugzeug über dem Haus" veröffentlichte er 1955, den ersten Roman "Ehen in Philippsburg" 1957 - in den Jahren darauf folgten unzählige Werke. Walsers erfolgreichstes Buch wurde der 1978 erschienene Bestseller "Ein fliehendes Pferd", auch der "Tod eines Kritikers" 2002 war ein Publikumserfolg. Mit dem Werk, das als Abrechnung mit dem inzwischen gestorbenen Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki verstanden wurde, entfachte er - einmal mehr - eine Debatte.

Inzwischen umfasst Walsers Material zwei Dutzend Romane, zahlreiche Novellen und Geschichtensammlungen, eine Vielzahl von Theaterstücken, Hörspielen und Übersetzungen sowie Aufsätze, Reden und Vorlesungen. "Ein titanisches Werk", sagte Literaturkritiker Denis Scheck im vergangenen Jahr über Walsers Wirken als Autor.

Dazu passt auch der Ort, an dem Walsers gesamtes Material seit Anfang März aufbewahrt wird. Im Deutschen Literaturarchiv in Marbach am Neckar befinden sich die rund 75.000 handschriftlichen Seiten in Gesellschaft von Manuskripten von Friedrich Schiller, Friedrich Hölderlin, Franz Kafka und Hermann Hesse.

Auch wenn sich Walser darüber hinaus schriftlich oder mündlich äußerte, stießen seine Worte oft auf große Resonanz - etwa als er der damaligen Bundeskanzlerin Angela Merkel mehrfach Schönheit attestierte: "Bei Frau Merkel werden wir Zeuge, wie Geist und Natur zusammenfinden, und eben deshalb ist sie schön."

Es gebe immer wieder Themen, "da kann ich nicht schlafen, wenn ich mich nicht dazu verhalten habe", sagte Walser einmal. "Ich habe zwar auch Literatur und Philosophie studiert. Und trotzdem war ich dem Aktuellen ausgesetzt und dem Zwang, reagieren zu müssen. Obwohl ich mir doch mit Franz Kafka hätte sagen müssen: Ist doch alles unwichtig. Aber es nützte nichts."

Eine der größten Kontroversen löste seine umstrittene Rede zur Verleihung des Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 1998 in der Frankfurter Paulskirche aus. Walser hatte damals von der "Instrumentalisierung unserer Schande zu gegenwärtigen Zwecken" gesprochen. "Auschwitz eignet sich nicht dafür, Drohroutine zu werden, jederzeit einsetzbares Einschüchterungsmittel oder Moralkeule oder auch nur Pflichtübung." Für seine Worte erntete der Schriftsteller heftige Kritik - es entbrannte eine monatelange Diskussion über den Umgang mit der NS-Vergangenheit in Deutschland.

Walser selbst war immer wieder mit Antisemitismusvorwürfen konfrontiert. Im Sammelband "Unser Auschwitz" (2015) dokumentierte Walser seine lebenslange Auseinandersetzung mit der deutschen Schuld. Viele Kritiker sahen in dem Buch das Umdenken eines alternden Schriftstellers oder gar den Versuch einer Rehabilitierung. "Ich finde das absurd", sagte er nach Erscheinen des Buchs der Deutschen Presse-Agentur. "Entschuldigung, Rehabilitation, was heißt denn das? Das heißt, irgendein Verbrecher muss rehabilitiert werden. Da sieht man den leichtfertigen Umgang mit Fremdwörtern."

Mit gesprochenen Worten hält sich Walser in der Öffentlichkeit in diesen Tagen zurück. Die Corona-Pandemie erlebt er bislang vor allem in seinem Haus in Überlingen am Bodensee. "Ich bin immer für mich. Und so erfahre ich alles nur aus den Nachrichten, aber nichts am eigenen Leibe", sagte Walser der "Rheinischen Post" nach dem ersten Jahr Pandemie. "Ich verspüre keinen Grund, Kontakt zu haben." Stift und Notizblock hat Walser ja weiter bei sich.

Quelle: Agenturen